Vom Manuskript zum Druck – Die fossile Flora der Polarländer

Einer der ersten Professoren des neu gegründeten Eidgenössischen Polytechnikums war Oswald Heer (1809 – 1883), Professor für spezielle Botanik. Ein Teil seines Nachlasses befindet sich heute in der ETH-Bibliothek. Darunter befinden sich nicht nur seine veröffentlichten Werke, sondern auch Notizen und Manuskripte. Anhand seines Werks „Die fossile Flora der Polarländer“ soll der Weg vom Manuskript zum gedruckten Buch aufgezeigt werden.

Der Pfarrerssohn Oswald Heer wuchs im Glarnerland auf und zeigte früh Interesse für die Tier-​ und Pflanzenwelt. Zunächst studierte er Theologie, bevor er sich den Insekten und Pflanzen widmete. 1834 wurde Heer Privatdozent für Botanik und Entomologie an der noch jungen Universität Zürich sowie Direktor des Botanischen Gartens. Nach dem Doktorat mit einer Arbeit über die Vegetationsverhältnisse im Kanton Glarus erfolgte 1835 die Ernennung zum Professor. Ab 1855 war er als Professor für taxonomische Botanik an der heutigen ETH tätig.

Oswald Heer gilt als einer der Begründer der Paläontologie der tertiären Flora und Fauna sowie der Pflanzengeographie der Alpen. Mit der 1855-​59 editierten dreibändigen «Flora tertiaria Helvetiae», in der er 720 bisher unbekannte fossile Pflanzen auf schweizerischem Gebiet beschrieb, begründete er seinen internationalen Ruf als Paläobotaniker.

Er pflegte Kontakt mit verschiedenen berühmten Wissenschaftlern, so auch mit Charles Darwin, der ihm persönlich sein bahnbrechendes Buch «The Origin of Species» mit handschriftlicher Widmung zuschickte. Dieses und weitere Werke aus Oswald Heers privatem Büchergestell sind heute als virtuelle Privatbibliothek auf e-rara.ch zu finden.

Sein Hauptwerk ist die «Flora fossilis arctica – Die fossile Flora der Polarländer». Die Folioausgabe ist von 1868 bis 1882 in sieben Bänden erschienen und heute im Bestand der Alten und Seltenen Drucke der ETH-Bibliothek.

Teile des Manuskripts zu «Die fossile Flora der Polarländer» finden sich im Hochschularchiv. Dieses Werks eignet sich somit gut, um exemplarisch aufzuzeigen, wie sehr sich ein Text sich vom Manuskript zum Druck noch verändern kann. Beispielhaft ist hier eine Manuskript-Seite zu sehen, die auf den ersten Blick sehr chaotisch aufgebaut ist. Der Text ist zweispaltig aufgebaut und mit diversen Korrekturen und Ergänzungen versehen.

Wenn man den Text mit dem späteren Druckwerk vergleicht, zeigen sich zudem noch Veränderungen bei den Formulierungen. So wurde zum Beispiel aus «Zahlreiche kleine Flecken auf dem Blatte» aus dem Manuskript auf dem Weg zum Druck ein «Bildet auf dem Birkenblatte zahlreiche kleine Flecken».

Manuskriptteil: Die fossile Flora der Polarländer
Manuskriptseite von Oswald Heer
(ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 204:295. Manuskriptteile: Die fossile Flora der Polarländer, 1868-1883.)
Textbeispiel_S139
Ausschnitt aus Heer Oswald 1868: Flora fossilis arctica, Band 1, S. 139. (ETH-Bibliothek, Rar 9118)

 

Auch wenn es um die im Band dargestellten Tafeln geht, kann mit Hilfe der Bestände des Hochschularchiv gut nachvollzogen werden, wie diese entstanden sind. Als Beispiel sieht man hier die erste Tafel des ersten Bands, die diverse Pflanzen aus Nordgrönland zeigt. Gesammelt wurden diese von den Herren Olrik, M’Clintock, Colomb, Inglefield, Dr. Lyall und Dr. Torell.

Im ersten Entwurf, der sich von dieser Tafel im Hochschularchiv findet, sind die einzelnen Zeichnungen ausgeschnitten und, teilweise sogar überlappend, aufgeklebt. Es zeigen sich deutliche Unterschiede im Material, auf welchem die Zeichnungen angefertigt wurden. Bei der Skizze 14 fehlt sogar hinter dem Bild auf Pauspapier ein Stück des Papiers, so dass ein Teil durchscheinend ist.

Auch die Nummerierungen der einzelnen Skizzen stand zu diesem Zeitpunkt scheinbar noch nicht fest, so dass die Nummern entweder wegen Überlappungen noch nicht sichtbar sind (Skizze 14), oder noch direkt auf dem Blatt korrigiert wurden (Skizzen 20-24).

Auch die Beschriftungen sind bisher erst mit Bleistift angefügt und teilweise mit Korrekturen versehen. Oben rechts findet sich zudem der Verweis, dass es sich um Tafel II handelt und nur in Klammern dahinter die Ergänzung, dass es im fertigen Werk schliesslich doch die Tafel I werden soll.

Zeichnungen aus dem Nachlass von Oswald Heer: Version 1, Tafel I, Pflanzen aus Nordgrönland
1. Entwurf für Tafel I
(ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 204:250.1. Zeichnungen aus dem Nachlass von Oswald Heer: Version 1, Tafel I, Pflanzen aus Nordgrönland, 1868-1883.)

In einer späteren Version des gleichen Dokuments, Hs 204:250.3, wurden die einzelnen Ausschnitte bereits besser arrangiert, so dass keine Überlappungen mehr vorhanden sind und die Nummerierung korrekt angepasst. Es handelt sich dabei bereits um einen Druck, auch wenn sich trotzdem noch handschriftliche Korrekturen bei der Beschriftung sowie Randnotizen finden lassen.

Zeichnungen aus dem Nachlass von Oswald Heer: Version 3, Tafel I, Pflanzen aus Nordgrönland
3. Entwurf für Tafel I
(ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 204:250.3. Zeichnungen aus dem Nachlass von Oswald Heer: Version 3, Tafel I, Pflanzen aus Nordgrönland, 1868-1883.)

 

Das Resultat aller Überarbeitungen und Korrekturen lässt sich im gedruckten Werk ansehen. Die publizierte Version der Bildtafel wurde angefertigt von Wurster, Randegger & Cie., einem Verlag aus Winterthur.

Tafel 1
Tafel I, Pflanzen aus Nordgrönland (ETH-Bibliothek, Rar 9118)

Es finden sich aber auch teilweise Dokumente im Archiv, die man nicht genau zuordnen kann, weil sie ohne viel Kontext überliefert wurden. Als Beispiel ist hier ein Teil der Notizen von Heer zu nennen, in denen sich unter anderem auch Ausschnitte aus Zeichnungen finden.

Zeichnungen aus dem Nachlass von Oswald Heer: Notizzettel zu Tafel XX
Notizzettel aus dem Nachlass von Oswald Heer
(ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 204:296. div. Notizen aus dem Nachlass von Oswald Heer: Notizzettel zu Tafel XX, 1868-1883.)

Dazu findet sich zwar der Hinweis, dass diese Ausschnitte zu Tafel XX gehören, es ist jedoch schwierig, festzustellen, auf was genau es hinweist, wenn man die Tafel, wie sie schliesslich im gedruckten Werk zu sehen ist, genauer anschaut.

TafelXX
Tafel XX, Steinkohlenpflanzen der Melville-Inseln (ETH-Bibliothek, Rar 9118)

Finden Sie die Ausschnitte der Zeichnungen auf der Tafel wieder?

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