«Spitzbart, Bergstiefel, photographiere andauernd» – Zum 140. Geburtstag von Arnold Heim

«Spitzbart, Bergstiefel, photographiere andauernd» – Zum 140. Geburtstag von Arnold Heim

Am 20. März 2022 jährt sich Arnold Heims Geburtstag zum 140. Mal. Er feierte 1952 seinen 70. Geburtstag zusammen mit Schweizer Geologen im Iran, die als Überraschung Schnitzelbänke über Anekdoten aus dem Leben des Jubilars dichteten. Bildlich untermalt wurde die Darbietung der Verse durch Karikaturen von Augusto Gansser.

Im Oktober 1949 wurde Arnold Heim (1882–1965) von der iranischen Regierung mit dem Amt des Chefgeologen der frisch gegründeten staatlichen Iran Oil Company betraut. Heim stellte ein Team aus sieben Schweizer Petrolgeologen zusammen: Ernst Frei, Max Furrer, Augusto Gansser, Karl Goldschmid, Heinrich Huber, Pierre Soder und Jovan Stöcklin.

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Schweizer Geologen im Iran, v.l.n.r.: Pierre Soder, Augusto Gansser, Heinrich Huber, Bagher Mostofi (Managing Director Iran Oil Co.), Arnold Heim, Jovan Stöcklin, Karl Goldschmid, Ernst Frei, Max Furrer (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 494: 82.4)

Im Kreis dieser Geologen feierte Arnold Heim nun seinen runden Geburtstag. Unter Anleitung des aus dem Baselbiet stammenden Jovan Stöcklin dichteten die Sieben Schnitzelbänke für den Gefeierten. Schnitzelbänke sind kurze, witzige Verse, die meist rhythmisch oder gesanglich vorgetragen werden. Der künstlerisch begabte Augusto Gansser zeichnete dazu grossformatige Karikaturen, welche die Reime bildgewaltig illustrierten.

Die Texte (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 495a:45) wie auch die grossformatigen Zeichnungen im Format 72 cm x 85 cm (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 495a:47-55) sind im Nachlass des 1965 verstorbenen Geologen erhalten geblieben und liegen heute im Hochschularchiv der ETH Zürich.

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ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 495a:47

«Vor siebzig Jahren es passierte:

Ein Sämling in ein Ei spazierte.

Und alsobald wuchs aus dem Keim,

Wer kennt ihn nicht? – der Arnold Heim.

Nun wollen wir in ein paar Bildern

von unsrem Helden etwas schildern.»

Arnold Heim war in der Schweiz weit über Geologenkreise hinaus bekannt durch seine Reiseberichte, seine markigen gesellschaftskritischen Kommentare aber auch durch sein optisches Erkennungsmerkmal, den Ziegenbart, der auf dieser Zeichnung den Fötus bereits ziert. Nach Heims Tod beschreibt Kurt Meyer im Nachruf des Tages-Anzeigers, wie ihm einmal in Tosari auf Java ausgerichtet worden sei, Dr. Heim wolle ihn kennenlernen. Auf seine Frage, welcher Heim gemeint sei und wie dieser aussehe, habe er die Antwort erhalten: «Spitzbart, Bergstiefel, photographiere andauernd».

Spätestens seit seiner erfolgreichsten und persönlichsten Buchpublikation «Weltbild eines Naturforschers – Mein Bekenntnis» war auch einem breiteren Publikum bekannt, dass sich Heim vehement für Naturschutz, Humanismus, Lebensreform und eine enthaltsame Lebensweise einsetzte. Er fordert seine Leserschaft auf:

«Entsagt den Genussmitteln, die der Gesundheit schädlich sind, wie alkoholischen Getränken, Tabak, Opium, Chemikalien. Der Alkoholgenuss ist ein Grundübel der Zivilisation und wegen seiner schweren Folgen in der Vererbung eine Hauptursache der Entartung.»

Sogar auf von ihm geleiteten Expeditionen wurde der Proviant entsprechend zusammengestellt:

«Auf der ersten schweizerischen Himalaya-Expedition lebten wir als Pilger der Naturforschung fast ausschließlich und mit bestem Erfolg vegetarisch, dabei alkohol- und nikotinfrei. Zwei Stück Bündner Trockenfleisch, also Rohkost, war alles, was von Fleisch aus Europa mitgenommen wurde.»

So verwundert es wenig, dass auch dieser Wesenszug in den Schnitzelbänken auf die Schippe genommen wird.

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ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 495a:50

«Geologische Exkursion ins Hochgebirge von Iran

Oft dem Geolog bereiten

Nahrungssorgen Schwierigkeiten.

Heute ist die Küche fern,

doch Arnold Heim behilft sich gern

mit Trockenfrucht und Dörrgemüsen,

um sich das Leben zu versüssen.

Es graut der Tag, die Berge rufen,

im Hosensack der Proviant,

ersteigt er froh die ersten Stufen

des Berges, der noch unbenannt.

Hoch steigt die Sonne, bräunt die Glieder,

der Gipfel in der Ferne blaut,

schon meldet sich der Hunger wieder,

– die Trockenfrüchte sind verdaut. –

Bald fängt der Durst ihn an zu plagen,

ein lauer Tee den Gaumen netzt,

bedenklich knurrt der leere Magen:

wie füll ich ihn zu guterletzt?»

Drei trockne Pflaumen oder Datteln

genügen nicht ihn aufzuratteln.

Doch hilft des Nachbarn Schinkenbrot

ihm vor der drohnden Hungersnot.

Gestärkt mit des Begleiters Kuchen

kann er den Abstieg nun versuchen.

Ein Kolkrab kreist im Abendrot,

im Hotel winkt das Abendbrot

mit Poulet und Kartoffelstücken,

dazu den Wein in kleinen Schlücken

trinkt mit dem Löffel er bedächtig,

denn Alkohol ist ihm verdächtig.»

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ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 495a:51

«Geologische Exkursion ins Gebirge Fortsetzung und Schluss

Besonders Wodka ist zu meiden,

sonst würd‘ der Magen Qualen leiden.

Doch Glühwein gern er konsumiert,

weil draus der Geist evakuiert.

Ob müd die Beine, schwach die Knie,

er singt und plaudert wie noch nie!

Er will nicht enden, schöpft und lacht,

bis freundlich ihn umhüllt die Nacht.»

An entbehrungsreiche Monate auf Expeditionen gewohnt, gehörte bei Arnold Heim die Körperhygiene offensichtlich nicht zur obersten Priorität. Zumindest scheint das seine Frau Elsbeth bemängelt zu haben.

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ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 495a:53

«Taftan-Serenade in Balutschistan

«Dampfend poltert der Taftan,

denn er ist ja ein Vulkan.

Oben sieht man zwei Gestalten:

einen jungen, einen alten,

eifrig hämmern, aufnotieren,

zeichnen und fotografieren,

bis sie von des Gipfels Höhn

abgekämpft nach unten ziehn.

Durchgebeizt von Schwefeldämpfen,

beide mit dem Schlaf schon kämpfen.

Bei den Zelten angekommen

tut es beiden nur noch frommen

allsogleich ins Bett zu kriechen,

wenn die Füsse noch so riechen.

Der Junge, der liegt schon im Nest,

stinkend wie die wahre Pest,

samt dem Hemd, den Strümpf und Hosen

fühlt er sich doch wie auf Rosen.

Auch der Alte wär bereit,

doch es ist noch nicht so weit,

denn schon hört man eine zarte Frauenstimme:

„Arnold warte!

So gehst du mir nicht ins Strau,

sonst bin ich nicht deine Frau! „

Müde und mit letzter Kraft

Arnold sich zusammenrafft:

«Höre, Elsbeth, Liebste du,

lass mir jetzt doch meine Ruh!

Ob in Peru, in Brasilien,

ob in Japan, Altkastilien,

ob in China, Kaledonien,

Grönland oder Otoblonien,

Elsbeth, hör, ich schwör es dir:

Nie wusch ich die Füsse mir!“

„Arnold, das ist unerhört,

Arnold, ich bin tief empört!

Aber damit ist’s jetzt Schluss.

Setzte dich und wasch den Fuss!

Erst die Zeh, den Fuss, und dann,

nimm den Kopf, den Hals daran,

deine Arme, Brust und Bauch,

und das Andre nur grad auch!‘

Und der Arnold, tief verdrossen

fegt nun seine schwarzen Flossen,

wäscht die Brust, den Hals den Bauch,

und das Andre alles auch.

Endlich,denkt er: „Gott sei dank,

bin ich sauber, blitz und blank.‘

Ganz erschöpft, doch peinlich rein,

sinkt er in sein Bett hinein.

Sauber duftend liegt er hier,

wie in Zellophanpapier.»

Zu guter Letzt kehren wir zu eingangs zitierter Beschreibung seiner Erkennungsmerkmale zurück: «Spitzbart, Bergstiefel, photographiere andauernd». Der Spitzbart ist auf den Bildern omnipräsent, auch die (stinkenden) Bergstiefel waren in den Schnitzelbänken ein Thema und nun stellt der Zeichner, Augusto Gansser, den Fotografen ins Zentrum. Arnold Heim, der auf seinen Reisen «andauernd» fotografierte, sitzt auf einer Fotofilmrolle und wird nun als Jubilar zum Fotomotiv der Völker der Welt, die er selbst so unermüdlich fotografiert hatte.

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ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 495a:55 (Bildausschnitt)

Kurz nach der Feier seines 70. Geburtstags musste Heim seine Stellung im Iran aus gesundheitlichen Gründen aufgeben und kehrte im Mai 1952 in die Schweiz zurück. Sein Freund Augusto Gansser trat seine Nachfolge als Chefgeologe an.

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Literatur

Arnold Heim. Weltbild eines Naturforschers – Mein Bekenntnis, Bern 1942

Monika Gisler. „Swiss Gang“ – Pioniere der Erdölexploration. Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik Bd. 97, Zürich 2014.

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