Ein „Tulpenfeld“ aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK): Der Beitrag des Basler Bauingenieurs Heinz Hossdorf zur Landesausstellung EXPO’64 in Lausanne

Die Leichtigkeit des Pavillons, der für den Sektor „Waren und Werte“ auf der EXPO’64 von dem Architektenteam Florian Vischer, Georges Weber, Martin H. Burckhardt, Rolf Gutmann und Walter Wurster in Zusammenarbeit mit dem erfindungsreichen Bauingenieur Heinz Hossdorf und den Metallwerken Buchs AG entworfen und realisiert wurde, täuscht über seine konstruktive Kühnheit hinweg.

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Lausanne, EXPO64, Grundrissübersicht über die Überdeckung des Pavillons «Les échanges» (Waren und Werte), aus: Hossdorf 2003, S. 60.

Typologie der Bestandteile: A: Kernelemente, sternförmig gruppiert (96 Stücke); B: Überbrückungselemente, paarweise verbunden (56 Stücke); C: schwimmhautartige Randelemente (20 Stücke).

Zum Zeitpunkt der Fertigstellung waren die physikalischen Eigenschaften (Kriechen, Wärmedehnung, Zugfestigkeit) und das statische Verhalten der verstärkten Polyestermembranen noch kaum untersucht worden. Die Möglichkeit, die Membranen mit Hilfe von Vorspannmechanismen aus artikulierten Metallstäben und hydraulischen Pressen zu versteifen, musste von Hossdorf im eigenen Versuchslabor empirisch an Modellen überprüft werden. Ebenso musste die Verklebung der Membranen mit den Rahmen von der EMPA getestet werden. Schließlich musste das aerodynamische Verhalten des Pavillons bei starkem Wind (Gefahr des Flatterns) im Windkanal untersucht werden.

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Das materialgerechte Modell im Massstab 1:6 einer zusammengesetzten «Blume» im eigenen Versuchslabor von Heinz Hossdorf. Von oben sind die stählernen Randgerippen und der artikulierte Spannbock mit Zugstange gut zu erkennen. (Aus Hossdorf 2003, S. 66)

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Die Tatsache, dass der Ingenieur diese Arbeit auf dem Umschlag seiner wissenschaftlichen Autobiographie „Das Erlebnis Ingenieur zu sein“ (Basel: Birkhäuser, 2003) abgebildet hat, zeigt, dass er ihr in seinem Werk eine besondere Bedeutung beimaß. Ich erlaube mir, die Leser auf die Details der physikalischen, technischen und ausführungstechnischen Erklärungen zu verweisen, die darin mit einem wahren Talent für Popularisierung dargelegt wurden.

Lausanne, Vidy, Ouchy, Expo 1964, Industrie und Gewerbe (l.), Waren und Werte (r.), Blick nach Südosten (SE)

Comet Photo AG: Lausanne, EXPO64, Teil-Luftbild des Ausstellungsgeländes im Stadtteil Vidy: Der Pavillon «Les échanges» (Waren und Werte) ist an seiner rechteckigen Eiertablettstruktur am Ufer gut zu erkennen. Im Vordergrund, die ovale Kuppel der Festhalle (Com_FC21-1000-006)

Sektor Waren und Werte, "Les Échanges"

Björn Erik Lindroos: Lausanne, EXPO64, Pavillon «Les échanges» (Waren und Werte), Baustelle 23.05.1963 (Com_L12-0142-0100-0036)

Im Vordergrund, eine der vierundzwanzig Blechrohr-Stützen mit dem Einlauftrichter für das Dachwasser. Bis zur Fertigstellung mussten die blütenförmigen Tragwerkseinheiten mit provisorischen Kabeln befestigt werden. Nachdem der Aufbau abgeschlossen war und die Böcke unter Spannung standen, mussten nur noch die vier Eckspitzen mit Hilfe von im Boden verankerten Drahtseilen zur Vorbeugung allfälliger Flattergefahr leicht gespannt werden.

Sektor Waren und Werte, "Les Échanges"

Björn Erik Lindroos: Lausanne, EXPO64, Pavillon «Les échanges» (Waren und Werte), Stand der Bauarbeiten am 23.05.1963 (Com_L12-0142-0100-0030)

Diese Aufnahme lässt die Fundamentblöcke, auf denen die Blech-Röhre verschraubt sind, eher erahnen als wirklich sehen. Um die Baustelle herum warten die Erdmassen darauf, die Basis dieser Strukturen bis zu zwei Dritteln ihrer Höhe aufzufüllen.

Sektor Waren und Werte, "Les Échanges"

Heinz Baumann: Lausanne, EXPO64, Pavillon «Les échanges» (Waren und Werte), Blick auf die Baustelle während des Versetzens der Aufschüttungsmassen, Juni 1963 (Com_L12-0142-0300-0026)

Sektor Waren und Werte, "Les Échanges", Skulptur "Arbre de l'économie et turbine des banques"

Comet Photo AG: Lausanne, EXPO64, Pavillon «Les échanges» (Waren und Werte), Innenaufnahme nach Inbetriebnahme (Com_BC25-004-018)

Nachdem die vierundzwanzig Module zusammengesetzt waren, mussten sie noch miteinander verbunden werden, um sowohl das homogene statische Verhalten dieses leichten Daches als auch seine Wasserdichtigkeit zu gewährleisten. Der Ingenieur beschreibt folgendermassen die geometrischen Eigenschaften, die es zu meistern galt, um diese ‘Nähte’ herzustellen:

«Die sich jeweils an zwei ihrer Spitzen berührenden Nachbarsterne umschließen einen Zwischenraum, dessen Ränder wiederum ein windschiefes, hier spiegelsymmetrisches Viereck bilden. Es lag nun nahe, auch diese Öffnung, unter Verwendung ihrer Randgeraden als Leitlinien, mit einer Hyparfläche zu überdecken. In der praktischen Ausführung wurde diese in zwei Hälften aufgeteilt, die als zunächst schlaffe Überbrückungselemente je einer Blume zugeordnet wurden. Erst bei der Endmontage des Pavillons wurden sie dann paarweise mit einem straff gespannten, PVC-beschichteten Drahtseil zu einer räumlich tragenden Einheit zusammen ‘genäht’.» (Hossdorf, op. cit, S. 60)

Lausanne, Expo 1964, Monorail, Waren und Werte

Comet Photo AG: Lausanne, EXPO64, der Pavillon «Les échanges» (Waren und Werte) erscheint wie ein Tulpenfeld inmitten eines grünen Rasens mit der Monorail im Vordergrund und der Kuppel der Festhalle im Hintergrund (Com_BC25-004-017)

In seinem Rückblick auf das Großereignis Expo’64 betonte der Ingenieur die Bedeutung von temporären Bauten, um innovative Wege zu erforschen und Herausforderungen bei der Gestaltung von Strukturen zu meistern, die normalerweise durch den Normenapparat verhindert werden.

Zur weiteren Vertiefung, siehe auch: H. Hossdorf, «Projet et exécution du pavillon principal du Secteur ‘Les échanges’» in Bulletin technique de la Suisse romande 90 (1964), S. 13-17 (http://doi.org/10.5169/seals-66955), sowie  Pamela Voigt, Die Pionierphase des Bauens mit glasfaserverstärkten Kunststoffen (GFK) 1942 bis 1980, Diss. Fakultät Gestaltung der Bauhaus Universität Weimar, 2007 (https://doi.org/10.25643/bauhaus-universitaet.821).

Die Planunterlagen für den Entwurf und die Realisierung des Pavillons „Les échanges“ sind im Florian Vischer Nachlass in den Archives de la Construction moderne der EPFL einsehbar (https://morphe.epfl.ch/index.php/exposition-nationale-suisse-de-1964-a-lausanne-expo-64).

Nur wenige weitere Werke sind im Bildarchiv der ETH-Bibliothek dokumentiert:

– Gunzgen, Kieswerk im Auftrag von Jakob Fritschi, Wangen b. Olten, 1960-62

– Basel, Stadttheater, in Zusammenarbeit mit den Architekten Felix Schwarz und Rolf Gutmann, 1968-76.

 

2 Gedanken zu „Ein „Tulpenfeld“ aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK): Der Beitrag des Basler Bauingenieurs Heinz Hossdorf zur Landesausstellung EXPO’64 in Lausanne“

  1. Dankeschön! Lausanne Jardins 2024 feiert 60 Jahre Expo ‘64 … (und mit etwas Wettbewerbs-Glück feiere ich mit). Als der Entwerfer, der für die Wiedereinführung der Tulpe in der Waadt an der Expo.02 in Yverdon-les-Bains verantwortlich war, freut mich dieser Beitrag über einen bisher unbekannten Vorgänger ganz besonders!

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    • Lieber Daniel Jauslin, Ich freue mich besonders, dass Sie mit Ihrem Fachwissen in der Landschaftsarchitektur die Richtigkeit der konzeptionellen Entscheidung von Hossdorf für den Pavillon „Les échanges“ untermauern können. Ich würde gerne mehr über die Wiedereinführung der Tulpe in der Waadt erfahren. Es könnte nämlich sein, dass der calvinistische Kanton Waadt eine Wahlverwandtschaft (auch konfessionell) mit den Niederlanden entdeckt hat, wie mir ein zufälliges Gespräch mit dem Naturforscher und Theologen Otto Schäfer-Guignier vor einigen Jahren verriet.

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