Ungarnflüchtling und ETH-Absolvent: Drei Erfolgsgeschichten

Ungarnflüchtling und ETH-Absolvent: Das sind zwei der Gemeinsamkeiten von Gabor Hirsch, János Rétey und Josef Studinka. Ebenfalls gemeinsam ist ihnen, dass sie allen Widrigkeiten zum Trotz beeindruckende Karrieren als Ingenieur, Professor bzw. Erfinder machten. Doch wie verlief ihr Start in der Schweiz und ihr Studium an der ETH? Dazu geben verschiedene Quellen, die erst kürzlich durch das hochschulinterne Projekt FErETH benutzbar gemacht wurden, überraschend detailliert Auskunft.

Gabor Hirsch

Gabor Hirsch kam in Folge der Repressionen nach dem Ungarn-Aufstand im Winter 1956 in die Schweiz. Zuvor hatte er eine dreijährige Ausbildung an der Technischen Lehrerbildungs-Hochschule absolviert und nach bestandener Aufnahmeprüfung sein Studium als Elektrotechniker an der Technischen Universität Budapest aufgenommen. Dieses musste er im Oktober 1956 jäh abbrechen. Ausser einigen Diplomzeugnissen und Sprachkenntnissen von «etwas Deutsch, etwas Englisch» (Matrikel) hatte Gabor Hirsch nach seiner Flucht in die Schweiz nichts vorzuweisen. Bereits am 13. Dezember 1956 wandte er sich in einem Brief an das Studentenbüro der ETH und bat um finanzielle Hilfe, um das Studium hier fortsetzen zu können.

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Ausschnitt aus dem Brief von Gabor Hirsch an die ETH nach seiner Ankunft in der Schweiz. (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, EZ-2.7/1.203)

Im Januar 1957 traf das Rektorat den Entscheid, Gabor Hirsch als Fachhörer für das Studium der Elektrotechnik zuzulassen. Für Ungarnflüchtlinge gab es einen Spezialstundenplan, der es ihnen erlauben sollte, sich zu einem späteren Zeitpunkt als reguläre Studierende einzuschreiben. Dieser Stundenplan sah den Besuch eines obligatorischen Deutschkurses vor. Bereits im Mai 1957 wurde Hirsch aufgrund von guten Leistungen in der Zwischenprüfung fortan vom Besuch des Deutschkurses befreit.

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Hirsch wird nach einem guten Resultat in der Zwischenprüfung vor einer weiteren Besuchspflicht des Deutschkurses entbunden. (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, EZ-REK1/1/34545)

Im Wintersemester 1957/58 konnte sich Gabor Hirsch als regulärer Student im siebten Semester einschreiben und besuchte neben fachrelevanten Kursen auch Vorlesungen zur Nationalökonomie und dem schweizerischen Staatswesen. Im Gegensatz dazu besuchte er in Ungarn Kurse in «Marx-Leninismus» und «Politischer Nat.-Oekonomie».

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An der Technischen Universität Budapest waren Kurse wie „Marx-Leninismus“ und „Politische Nat.-Oekonomie“ Pflichtfächer (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, EZ-REK1/1/34545)

Hirsch musste keinerlei Gebühren entrichten, die ETH kam aber nicht für seinen Lebensunterhalt auf. Unterstützt wurde er von der Ungarnkommission sowie vom Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen. Im Herbst 1958 schloss Hirsch sein Studium mit Diplom ab und arbeitete als Elektroingenieur. Gabor Hirsch engagierte sich später in der Holocaust Education. Als Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau kämpfte er gegen das Vergessen der Shoa. Er starb im Sommer 2020 im Alter von 90 Jahren.

János Rétey

János Rétey flüchtete über Österreich in die Schweiz, wo er zunächst im Betreuungslager Sion unter­gebracht war. In Budapest hatte er bereits zwei Semester an der Gartenbau- und Landwirtschafts­schule studiert. Auf seinen Antrag, an der Abt. für Chemie an der ETH weiter zu studieren, erhielt er die Wahl, entweder im ersten Semester einzusteigen oder dann im dritten, was von ihm aber ein ganz besonderer Einsatz verlangen werde, da er parallel zusätzlich noch Stoff aus dem ersten Semester nachholen müsste. Das schreckte Rétey nicht ab, viel­mehr sicherte er zu, im dritten Semester einzusteigen und alle Schwierigkeiten auf sich nehmen zu wollen.

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Rétey wird im Sommer 1957 zum regulären Studium im dritten Semester an der ETH zugelassen. (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, EZ-REK1/1/36131)

Rétey war im Sommersemester 1957 als Hörer eingeschrieben und immatrikulierte sich als regulärer Student im Wintersemester 1957/58. Das Chemie-Studium absolvierte er in Minimalzeit, schloss mit Bestnoten ab und hatte daneben noch Kapazität, sich breit weiterzubilden. Er belegte nicht nur Fachveranstaltungen in Chemie, sondern auch Vorlesungen zur Geschichte der Schweiz, zur Musik sowie zu Shakespeare. Nach dem Schlussdiplom promovierte Rétey erfolgreich beim späteren Nobelpreisträger Vladimir Prelog mit einer Arbeit über die Stereospezifizität von Enzymen.

Réteys Promotionsgebühren wurden auf Antrag seines Doktorvaters aus dem ETH-Schulratsfonds für Ungarische Flüchtlinge bezahlt, daneben hatte er auch kleinere Beiträge von der ETH für den Kauf von Studienliteratur erhalten. Ansonsten scheint er sein Studium mit privaten Zuwendungen bestritten zu haben.

János Rétey ging nach dem Studium für ein Postdoc ans Max Planck Institut in München und kam danach zurück an die ETH Zürich. 1971 erhielt er den Alfred Werner Preis der Schweizerischen Chemischen Gesellschaft. Ein Jahr später wurde er als Professor ans Institut für Technologie in Karlsruhe (KIT) berufen. Nach seiner Emeritierung gründete er 2014 den Rétey Stiftungsfonds, aus dessen Erträgen alljährlich der «Rétey-Preis» an zwei verdiente Studierende am Institut für organische Chemie und Biochemie des KIT vergeben wird.

Josef Studinka (Sztudinka)

Josef Studink kam anfangs Dezember 1956 in die Schweiz und begann gleichzeitig mit Rétey als Fachhörer das Studium in Chemie und setzte dieses im Wintersemester 1957/58 als regulärer Student im dritten Semester fort. Studinka hatte in Ungarn schon drei Semester Chemie studiert. Sein Barstipendium der Ungarnkommission von monatlich 135 CHF wurde von drei privaten Patenschaften gedeckt, Logis und Frühstück (im Wert von weiteren 135 CHF) von einer Privatperson in Zürich zur Verfügung gestellt. Kurz nach Ankunft in der Schweiz hatte er eine ehrenwörtliche Erklärung abgegeben, aus der er seine Absicht an der ETH Chemie zu studieren deutlich hervorgeht.

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Ausschnitt aus dem Fragebogen für Flüchtlingsstudenten aus Ungarn (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, EZ-REK1/1/36940)

In einem anderen Fragebogen schrieb er zu seinen Fluchtgründen, dass er 1956 wegen «Politischen Gegenständen» von der Universität ausgeschlossen worden und dass sein Grossvater vor dem Kommunismus Feldmarschall gewesen sei. Aus seinem Lebenslauf im Doktorandendossier geht hervor, dass er in der Tschechoslowakei geboren worden war und zusammen mit seiner Familie 1946 hatte nach Budapest emigrieren müssen.

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Kurzer Lebenslauf von Joseph Studinka (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, EZ-2.4/03413)

Auch Studinka war ein guter Student und bestand die beiden Vordiplome auf Anhieb. Zum bestandenen zweiten Vordiplom 1959 gratulierte ihm die Ungarnkommission mit folgendem Schreiben:

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Der Sekretär der Ungarnkommission gratuliert Studinka zum erfolgreichen Vordiplom. (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, EZ-2.7/1.503)

Nach dem Schlussdiplom 1960 doktorierte Studinka bei Prof. Hopff. Sein Doktorvater hob im Dissertationsgutachten die «grosse experimentelle Geschicklichkeit» des Promovenden hervor und taxierte die Dissertation als «wertvollen Beitrag zur Kenntnis der Reaktionsfähigkeit der aromatischen Polyexpoxyde», die er «zur Annahme warm» empfahl.

Joseph Studinka machte sich einen Namen als Erfinder und Unternehmer. Es gelang ihm, einen Ersatzstoff für die bis dahin als unersetzbar geltende, aber gesundheitsschädigende «Wunderfaser» Asbest zu entwickeln. In Anerkennung seiner wissenschaftlich-technischen Pionierleistungen bei der nachhaltigen, weltweiten Substitution von Asbest in der Faserzementindustrie wurde ihm 2006 die Ehrendoktorwürde der ETH verliehen. Studinka gehörte auch zu den Initianten der Gedenktafel der 191 ungarischen Flüchtlinge und nachmaligen ETH-Studenten, die seit 2007 im ETH-Hauptgebäude hängt. Er verstarb 2020 in Zürich.

Die Karrieren von Gabor Hirsch, János Rétey und Josef Studinka sind in jeglicher Hinsicht beeindruckend: Was ihre Flucht aus Ungarn und ihren Neuanfang in der Schweiz anbelangt, sowie in Bezug auf ihr berufliches und gesellschaftliches Engagement. Aussergewöhnlich war auch die Hilfsbereitschaft von Kommilitonen und von der Bevölkerung, die den geflüchteten Ungarn finanzielle Unterstützung sowie Kost und Logis gewährte. Die Lebens- und Studienverläufe der übrigen 188 Ungarnflüchtlinge an der ETH sowie weiterer Studierender aus dieser Zeit können im ETH-Hochschularchiv anhand von Akten der Studierendenverwaltung nachgezeichnet werden.

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