Public Triage: Architekturwettbewerbe der Stadt Zürich

In den ersten fünf Wochen dieses Jahres unternahm das gta Archiv mit der Unterstützung von gta Ausstellungen den Versuch, einen grossen architekturhistorischen Dokumentbestand unter den Augen der Öffentlichkeit auszubreiten, zu reinigen, zu ordnen zur erfassen und zu beurteilen. Da zu erwarten war, dass die schiere Masse der Pläne, Dokumentationen und Modelle nach einer Selektion schreien würde, entschieden sich die Organisatoren des Projekts, Irina Davidovici (Leiterin des gta Archivs) und Daniel Weiss (stellvertretender Leiter, verantwortlich für Inventarisierung) für den Veranstaltungstitel «Public Triage», sinngemäss übersetzt «Auswahl in der Öffentlichkeit» oder «Auswahl mit Publikum».

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Dani Weiss: Planbestand in Laufenburg, Zustand anlässlich Begehung vom 26.1.2022

Neben der mehrwöchigen Archivierungsarbeit in dem rundum verglasten Ausstellungsraum Archena im HIL-Gebäudes der ETH Hönggerberg umfasste das Projekt Besuchstage, öffentliche und gebuchte Führungen sowie ein Podiumsgespräch mit Expert*innen am 8. Februar, dessen Aufzeichnung auf dem Videoportal der ETH publiziert ist.

Die Stadt Zürich führt seit dem 19. Jahrhundert Architektur- und Planungswettbewerbe durch. Ein Bestand von Plänen, der Wettbewerbe zu wichtigen öffentlichen Bauvorhaben seit den 1920er-Jahren dokumentierte, wurde 2018 vom städtischen Hochbauamt an die Stiftung Forschung Planungswettbewerbe (www.konkurado.ch) übergeben. Die insgesamt 12 hoch aufgetürmten und überformatigen Paletten mit Planmappen wurden von dieser in Laufenburg zwischengelagert und schliesslich, im Herbst 2022, zur definitiven Aufbewahrung an das gta Archiv übergeben. Was sich leicht schreibt und liest, war eine logistische Herausforderung: gegen acht Tonnen Material mussten aus einem Kellergeschoss herausgebracht, neu palettiert, mit Lastwagen nach Zürich transportiert und dort in Nebenräumen des HIG-Parkdecks zwischengelagert werden.

Das Format der öffentlichen Triagierung ergab sich unter anderem aus der Suche nach einem genügend grossen Raum für die Sichtung. Da das gta Archiv nur während seinen Inventarisierungs-Schliessungen im Januar und August über personelle Ressourcen für eine derart gross angelegte Archivierungsaktion verfügt, und zugleich gta Ausstellungen ihren Ausstellungsraum Archena während der Semesterpause im Januar nicht bespielten, bot sich die Zusammenarbeit in Form eines Happenings an: Archivierung und Ausstellung in einem: «Public Triage». Die laufend wechselnde Ausstellung der neu übernommenen Wettbewerbspläne wurde durch Modelle und andere Originalmaterialien aus Beständen ergänzt, die sich bereits am gta Archiv befanden.

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Alex Winiger: Auslegeordnung anlässlich der Triage in der Archena, Momentaufnahme vom 24.1.2023

Der Projektleiter Daniel Weiss formulierte zunächst Kriterien für die geplante Selektion (oder eben: Triage). Diese wurden auf Ausstellungsplakaten und Auflageblättern bekanntgemacht. Zum Auftakt der Veranstaltung richtete die Belegschaft der beteiligten Transportfirma den Ausstellungsraum ein. Die Paletten mit den Unterlagen wurden zugänglich aufgereiht, weitere Paletten als Arbeitsflächen und Podeste für Modelle im Raum positioniert. Säurefreie Archivmappen, Reinigungsutensilien, Werkzeug, Arbeitsflächen und Leerpaletten für die bearbeiteten Pläne mussten bereitgestellt werden. Daniel Weiss und sein Team konnten nun beginnen, sich allmählich an den Bestand heranzuarbeiten, Paletten, Mappen und Kisten zu öffnen, zusammengehörende Projekte zusammenzulegen, und vorallem: die stark verstaubten Pläne abzuwischen, auf Schimmelbefall zu testen und manchmal dagegen zu behandeln. Teammitglied Anne Linke dokumentierte potentiell auszusortierende Pläne mit der Digitalkamera.

Im Verlauf der Aktion nutzten über 700 Besuchende das Angebot, die fortschreitende Arbeit beobachtend und diskutierend zu begleiten. In insgesamt 30 grösseren Führungen präsentierte und kommentierte Daniel Weiss neue Funde und erläuterte das Arbeitsprinzip. Eine von Irina Davidovici organisierte und geleitete Podiumsdiskussion mit Fachpersonen schloss den öffentlichen Teil des Unternehmens ab.

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Almut Grunewald: Führung am 8.2.2023 (Projektleiter Daniel Weiss 1. von links)

Etwa drei Viertel des Planbestands konnten im Rahmen der Veranstaltung gereinigt, geordnet, dokumentiert und konservatorisch einwandfrei neu verpackt werden. Das verbliebene Viertel wurde in der regulären Infrastruktur während zwei weiteren Monaten aufgearbeitet, mit erheblichem Mehraufwand, bedingt durch die enge und fragmentierte «alltägliche» Raumsituation. Eine Auswahl von Plänen wird mit der finanziellen Unterstützung der ETH Bibliothek (Sammlungen und Archive) 2023 und 2024 in mehreren Etappen digitalisiert, das Ergebnis davon im Rechercheportal des gta Archivs zugänglich gemacht.

Die Sichtung hat wertvolle Dokumente ans Licht gebracht. Die Wettbewerbe stammen aus den 1920er- bis 1990er-Jahren, beginnend mit den Vorschlägen für die Seeufergestaltung von 1925/26. Prominent vertreten sind die Theaterprojekte von 1959 bis 1961 (das «Stadttheater» genannte heutige Opernhaus am See) und 1963/64 (Schauspielhaus am Pfauen), die an tiefgreifende verkehrsplanerische Eingriffe geknüpft waren und in den frühen 1970er-Jahren nach jahrelangen Überarbeitungen beerdigt wurden. Ein Ergebnis brachte der Wettbewerb für das Hardau-Stadion von 1951/52, wenn auch nicht am ursprünglich dafür vorgesehenen Ort. William Dunkel, der den 1. Preis erzielt hatte, erhielt später einen Direktauftrag für den 1957/58 errichteten «Letzigrund», der mit seinen kantigen Tribünen stark an den Wettbewerbsentwurf erinnerte. Andere Wettbewerbsteilnehmer wählten die Ellipsenform, die sich im Nachfolgebau von Bétrix & Consolascio und Frei Ehrensperger von 2006/07 durchsetzte. Aufwändig kolorierte, grossformatige Perspektivzeichnungen veranschaulichten nicht nur bei diesem Wettbewerb den Entwurfsgedanken. Ab den 1960er Jahren übernahmen mit ganzen Bildgeschichten illustrierte Erläuterungsberichte diese Aufgabe. In den zeitgenössischen Fachzeitschriften wurden diese Pläne, wenn überhaupt, nur in schwarzweiss und im Briefmarkenformat abgebildet.

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Irina Davidovici: Planhängung in der Ausstellung, 7.2.2023

Anhand des umfangreichen Planbestands lässt sich nicht nur der stete Wandel der Darstellungstechniken nachverfolgen. Haptisch greifbar wird auch die Verschiedenartigkeit von Lösungsvorschlägen bei einem Wettbewerb oder die sich über die Jahrzehnte allmählich verändernde Interpretation einer bestimmten Bauaufgabe. Häufen sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Wettbewerbsverfahren für Schulbauten, so stehen ab Ende der 1950er Jahre unter anderem Grosssiedlungen im Vordergrund. Hunderte nicht mit einem 1. Preis ausgezeichnete und deshalb nicht ausgeführte Entwürfe sowie die vielen letztlich ganz fallen gelassenen Projekte wie jenes für eine neue Zentrumsüberbauung beim Helvetiaplatz von 1959 führen vor Augen, dass die Stadt heute auch ganz anders aussehen könnte.

Das Projekt «Public Triage» bot zum Schluss eine weitere Überraschung: allein durch das Ersetzen der alten Verpackungen schrumpfte die Menge Archivguts auf das Volumen von wenigen Planschränken. So scheint es nun möglich, den Gesamtbestand zu erhalten: «no triage». Im Bestand dokumentiert sind insgesamt 1250 Wettbewerbsentwürfe zu rund 120 verschiedenen Verfahren. Eine repräsentative Auswahl an Plänen soll, ergänzt durch weitere Materialien aus dem gta Archiv, 2024 oder 2025 im Zentrum Architektur Zürich gezeigt werden. Zudem ist perspektivisch ein Forschungsprojekt zum Wettbewerbswesen in der Schweiz geplant.

Bericht über «Public Triage» in Hochparterre vom 7.2.2023

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