Drogen für die Kinderstube – Kurioses aus der Pharmaziegeschichte

Die Leiden der Menschheit sind vielfältig. Doch gegen alles ist ein Kraut gewachsen, heisst es. Bei einem Streifzug durch die Pharmakognostische Sammlung D-CHAB finden sich Substanzen und Objekte mit kuriosen Hintergrundgeschichten. In dieser Geschichte begegnen wir dem Morphin, welches nicht nur das Zeitalter der modernen Pharmazie einläutete, sondern seinen Weg in die Kinderzimmer und Schützengräben fand, mit weitreichenden Folgen.

Ein bahnbrechender Fund

Es dürfte ein erhebender Moment für den jungen Friedrich Wilhelm Sertürner gewesen sein, als er 1803 nach bestandener Prüfung seine Stelle als Apothekergehilfe im westfälischen Städtchen Paderborn antrat. Es war ein Ort, an dem sich aus wissenschaftlicher Sicht Fuchs und Hase gute Nacht sagten, und doch sollte Sertürner ausgerechnet dort eine Entdeckung machen, die den Grundstein für die modernen pharmazeutischen Wissenschaften legen sollte. 

Bild 1: Schildkrötenpanzer (Unterseite) aus der Pharmakognostischen Sammlung D-CHAB. (Foto: Julia Ecker, ETH Zürich)

Bis ins 19. Jahrhundert wurden in der Pharmazie Vorgänge noch alchemistisch interpretiert. Auch war der Apothekerberuf ein handwerklicher Beruf, kein akademischer. Man bediente sich am Mineralien-, Tier- und Pflanzenreich: destillierte, extrahierte und erhielt wirksame Öle, Säfte oder Extrakte. Warum diese wirkten, war allerdings unklar. Die Wirksamkeit der Produkte liess sich daher nicht genau vorhersagen oder kontrollieren. Darüber konnten auch die Schildkrötenpanzer und ausgestopften Krokodile nicht hinwegtäuschen, die in vielen Apotheken – unter anderem schweizerischen – heiltechnische Weltgewandtheit mimen sollten.

Fieberhaft suchte man nach den zugrunde liegenden, quantifizierbaren Wirkstoffen, auch in altbekannten Rausch- und Schmerzmitteln wie Opium – dem Milchsaft aus dem Schlafmohn. Die Patient:innen sollten damit endlich gezielt schmerzfrei wegdösen und nicht unbeabsichtigt daran versterben. Man ging davon aus, dass alle wirksamen Substanzen Säuren seien, hatte mit diesem Ansatz aber keinen Erfolg.

Bild 2: Mohnkapseln aus der Pharmakognostischen Sammlung D-CHAB. Die Kapseln müssen angeritzt werden, um an den Mohnsaft bzw. an das Opium zu kommen (siehe linke Kapsel). Foto: Julia Ecker, ETH Zürich

Der Durchbruch wird heute Sertürner zugeschrieben. 1804 isolierte er im abgelegenen Paderborn den pflanzlichen Hauptwirkstoff des Opiums in 57 Schritten. Zum Erstaunen der Fachwelt war dieser chemisch gesehen keine Säure, sondern eine basische Verbindung – in dem Fall ein sogenanntes Alkaloid, damals eine völlig neue Stoffklasse.

Tödliches Schlummermittel

Um sicherzugehen, dass der kristalline Stoff das war, wofür er ihn hielt, testete Sertürner die Wirkung seines Fundes an Tieren, unter anderem Hunden (einer war daran verstorben) und später an sich und Freunden (sie wären beinahe verstorben). Zweifelsohne bedurfte es noch des Feintunings – die Dosis macht das Gift – aber der Wirkstoff war gefunden und der Meilenstein gesetzt, selbst wenn die Anerkennung dafür noch fast ein Jahrzehnt auf sich warten lassen sollte.

Bild 3: Links: Opiumtinktur auf Basis von Rohopium und Alkohol (Opiumlikör, Laudanum) aus Hartwichs Bestand in der Pharmakognostischen Sammlung. Rechts: Morphin-Probe in kristalliner Form aus Hartwichs Sammlung. Sertürner wusste, dass er Morphin als chemischen Reinstoff vor sich hatte, weil er zwei wichtige Eigenschaften nachweisen konnte: eine charakteristische Kristallisation und ein reproduzierbares Reaktionsverhalten des Stoffes.  (Fotos: Julia Ecker, ETH Zurich)

Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts trat das „Morphium“ – von Sertürner nach Morpheus, dem Gott des Schlafes, benannt – seinen Siegeszug an. Mittlerweile umgetauft in Morphin und besser erforscht, fand es als Arznei sogar Eingang in die Kinderzimmer. Klingt heute schockierend. Damals wurden opiumbasierte Tinkturen aber schon vorher rezeptfrei in jeder Apotheke als Allheilmittel ausgegeben, auch in der Schweiz, und bald wurde das Sortiment noch erweitert: mit Haschisch (z.B. gegen Hühneraugen) oder Kokain (z.B. gegen Zahnschmerzen und Heuschnupfen).

Bezüglich des Morphins kam es in Mode, sein quengelndes Kind mit Säftchen wie Mrs. Winslows Soothing Syrup (eine Morphin-Alkohol-Mischung) ruhigzustellen. Um 1900 herum bemerkte ETH-Professor Carl Hartwich in seinem Werk zu menschlichen Genussmitteln trocken, dass die gebildeten Europäer erstaunt täten, wenn sie hörten, dass die Chinesen ihren Kindern Opiumrauch zur Beruhigung ins Gesicht blasen. Aber das Mohnsäftchen, „mit dem gewissenlose Mütter (…) schreiende Kinder bei uns beruhigen, ist um keinen Deut besser.“ In der Tat sind nicht alle Kinder aus dem beruhigenden Schlummer wieder erwacht.

Bild 4 ETH-Professor Carl Hartwichs Hauptwerk von 1911: Die menschlichen Genussmittel: Ihre Herkunft, Verbreitung, Geschichte, Anwendung, Bestandteile und Wirkung.  Foto: Julia Ecker, ETH Zürich.

Die Soldatenkrankheit

Parallel fand das Morphin auch Eingang in die Schützengräben. Die Entwicklung der Injektionsnadel durch Pravaz und Wood befeuerte seinen Einsatz als potentes Schmerzmittel in diversen Kriegen des 19. Jahrhunderts, auch im deutschsprachigen Raum: Es war ein Segen für die Verwundeten und ihr Fluch. Viele wurden zu süchtigen Veteranen, zu Opfern der „Soldatenkrankheit“.

So wie ein Opiumraucher ständig zur Pfeife greift, um den Entzugserscheinungen zu entgehen, so greift der Morphinist, nach Verlassen der Heilanstalt, wieder zur Pravaz-Spritze, schreibt Hartwich. Er hatte sich zu der Zeit als Pharmazeut an der ETH sehr mit Opium beschäftigt (die Pharmazie war mittlerweile zur Wissenschaft aufgestiegen) und sammelte allerlei Objekte, die sich in der Pharmakognostischen Sammlung des D-CHAB wiederfinden.

Bild 5 Links: Opiumpfeife mit Pfeifenkopf aus Metall aus dem Hartwich-Bestand der Pharmakognostischen Sammlung D-CHAB. Rechts: Pravaz-Spritze aus dem Bestand des Pharmaziemuseums Basel. Ein Teil der Hartwich-Sammlung des D-CHAB lagert ebenfalls im Pharmaziemuseum. (Foto link: Julia Ecker, ETH Zurich; Foto rechts, aufgenommen 2010, vom Pharmaziemuseum).

Heute wissen wir: Opioide wie Morphin binden im Gehirn an Opioidrezeptoren und dämpfen Schmerzsignale. Gleichzeitig aktiviert Morphin das Belohnungssystem des Gehirns und führt zu einem Anstieg des Botenstoffs Dopamin, was euphorische Gefühle erzeugt.  Der Körper entwickelt ein Verlangen danach und braucht, bei längerem Morphinkonsum, immer höhere Dosen, um dieses zu stillen. Die Folge ist eine schwere Abhängigkeit, die tödlich enden kann.

Sertürners Erbe

Es ist traurige Ironie, dass man bei der Suche nach einem ungefährlichen Morphinersatz ausgerechnet auf einen opiumbasierten Stoff setzte, der noch viel mehr Suchtpotenzial hatte: Heroin. Bayer führte den Stoff ein. Genau wie früher Morphin wurde Heroin freimütig vermarktet: als Hustenstiller für Kinder, hervorragendes Sedativum und optimale Morphin-Entwöhnungshilfe. Die Krise folgte auf dem Fusse. 1940 musste die Firma die Produktion einstellen.

Bild 6 Links: Heroinwerbung aus „Medizinische Klinik“, 1908, Jahrgang 4, Anzeigenheft Nr. 11, S. 13. Rechts: Historische Medikamente mit pflanzlichen Wirkstoffen aus der Pharmakognostischen Sammlung D-CHAB. Zu sehen sind Aspirin, dessen Wirkstoff-Vorstufe (Salicin) aus der Weidenrinde stammt, sowie drei Herzglykoside: Scillaren (Wirkstoff gewonnen aus der weissen Meerzwiebel), Papaverin (Wirkstoff gewonnen aus dem Schlafmohn) und Digitoxin (Wirkstoff gewonnen aus dem Fingerhut).

Als Rauschmittel existieren Opium und Heroin noch heute und Morphin – nebst anderen Opiumderivaten – als Arzneimittel ebenso. Aber gerade im medizinischen Bereich gehören Opioide noch immer zu den unverzichtbarsten und verlässlichsten Medikamenten in der Schmerzbehandlung. Daneben steht der Medizin heute eine Fülle weiterer pflanzlicher Alkaloide zur Verfügung. Ein Erbe Sertürners, der diese neue Stoffklasse erstmals erschlossen hatte.

Was hätte er wohl zu all den Entwicklungen gesagt? Vielleicht hätte er einfach festgestellt, dass sich seine Hoffnungen erfüllt haben (Sertürner 1806): „Der Arzt hat nicht mehr mit der Ungewissheit und dem Ungefähren (…) zu kämpfen, er wird sich immer mit gleichem Erfolg dieses Mittels (…) bedienen können. (…) und „man darf hoffen, daß sich aus mehreren anderen Vegetabilien, z. B. den sog. Giftpflanzen, andere Stoffe abscheiden lassen, worin ihre Wirkungen vereiniget liegen.“

Weiterführende Literatur

Barop H. (2021): Mohnblumenkriege – Die globale Drogenpolitik der USA 1950 – 1979. Helena Wallstein Verlag. S. 29-30

Brook et al. (2017): The Chemical History of Morphine: An 8000-year Journey, from Resin to de-novo Synthesis. Journal of Anesthesia History, Volume 3, Issue 2. doi.org/10.1016/j.janh.2017.02.001

Hartwich C. (1911): Die menschlichen Genussmittel. Ihre Herkunft, Verbreitung, Geschichte, Anwendung, Bestandteile und Wirkung. Chr. Herm. Tauchnitz. Leipzig. S. 219

John Oxley Library (2016): The Baby Killer – Mrs Winslow’s Soothing Syrup (Patent medicine in Queensland). State Library Queensland. URL: https://www.slq.qld.gov.au/blog/baby-killer-mrs-winslows-soothing-syrup-patent-medicine-queensland

Listos J. et al. (2019): The Mechanisms Involved in Morphine Addiction: An Overview. Int. J. Mol. Sci.20(17), 4302; doi.org/10.3390/ijms20174302

Meyer K. (2004): Dem Morphin auf der Spur. Pharmazeutische Zeitung. URL: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/titel-16-2004/

Sertürner F. W. (1806): Darstellung der reinen Mohnsäure (Opiumsäure) nebst einer chemischen Untersuchung des Opiums. Journal der Pharmacie 14. 47-93.

Sertürner F.W. (1817): Ueber das Morphium, eine neue salzfähige Grundlage, und die Mekonsäure, als Hauptbestandteile des Opiums. Annalen der Physik 55: 56-89.

Wetterau J. (2022): 125. Jahrestag: Als Heroin noch ein „heroisches“ Arzneimittel war. Gesellschaft Deutscher Chemiker. URL: https://www.gdch.de/my/article/125-jahrestag-als-heroin-noch-ein-heroisches-arzneimittel-war

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