Polympia, Polywood und PolySPACEball

Das Herbstsemester beginnt und damit rückt auch einer der traditionsreichsten Anlässe der ETH Zürich wieder näher: der Polyball. Am 28. November 2026 verwandelt sich das ETH-Hauptgebäude wieder für eine Nacht in eine grosse Ballkulisse. Ein guter Zeitpunkt, um einen Blick zurückzuwerfen: Wie präsentierte sich der Polyball vor rund vierzig Jahren seinen Gästen?

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Eine Antwort geben die sogenannten Polyballprogramme, von denen einige im Bestand der Abteilung Sicherheit, Gesundheit und Umwelt (SGU) der ETH Zürich überliefert sind. Denn während ein grosser Teil der Planung des Polyballs durch die Studentenschaft erfolgt, war und ist auch die Verwaltung der ETH Zürich eingebunden, unter anderem die SGU. Entsprechend bestehen die überlieferten Dossiers mehrheitlich aus Unterlagen zur Sicherheitsplanung. Diese stehen teilweise noch unter Schutzfrist und sind daher nicht frei zugänglich. Anders die Polyballprogramme: Da sie für die Ballgäste bestimmt und damit öffentlich waren, können sie bereits heute eingesehen werden.

Und das lohnt sich: Die Polyballprogramme sind weit mehr als praktische Programmhefte mit Lageplänen und Übersichten über die spielenden Bands. Sie enthalten Rätsel, Geschichten, Spiele, Illustrationen, Gewinnspiele und Texte zum jeweiligen Jahresmotto. Damit zeigen sie auch, wie sich der Polyball selbst inszenierte: mit viel Wortwitz, gelegentlichem Nonsens und zahlreichen Anspielungen auf Populärkultur und Zeitgeschehen. Zeit also für einige Highlights aus den überlieferten Programmen.

1983: Polympia

Das erste im Bestand der SGU überlieferte Polyball-Dossier stammt von 1983. Das Motto: «Polympia». Das Programm griff, passend zu einer Zeit, in der Fitness und Aerobic zunehmend zum Massenphänomen wurden, die Idee des sportlichen Kräftemessens auf. Selbst der Beauty Corner war doppelt vertreten: Zwei Kosmetikstudios kümmerten sich um das Aussehen der Ballgäste.

(Polyballprogramm 1983, S. 12-23. Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-1.7/3.1)

Der damalige Fitnessboom wurde zugleich ironisch aufgegriffen. So heisst es im Text «Nymphenreigen»:

«Der Tempel, in dem das Ritual der absoluten Hingabe an die neue Fitness-Hysterie stattfinden soll, hat etwas von einem aufgepeppten Lagerraum und ist durchgehend in coolem Weiss gehalten. An einer Wand grosse blankgeputzte Spiegel, denen keine falsche oder unschöne Bewegung entgeht und die jederzeit einen kritischen Vergleich mit der Nachbarin erlaubt.

Der äusseren Selbstdarstellung scheint man überhaupt grössten Nachdruck zu verleihen: Die Teilnahme an einem solchen Kurs ohne typischen Aerobic-Dress ist beinahe) undenkbar und wird als grober Verstoss gegen die Aesthetik empfunden. […]»

(Barbara Anderegg: Nymphenreigen. Polyballprogramm 1983, S. 26-27. Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-1.7/3.1)
1984: Märliball

Ein Jahr später wurde es märchenhaft. Der «Märliball» von 1984 führte durch Hänsel und Gretel, Rotkäppchen und Aschenputtel. Sogar im Prolog des damaligen Rektors Heinrich von Gunten waren Märchentitel versteckt.

Neben den Klassikern fanden sich allerdings auch unbekanntere Geschichten, wie mein persönliches Highlight: Das Märchen von «Graf Oszillo und Elektroliese» übernommen aus der Schülerzeitschrift die Pauke der Dürer-Oberrealschule Nürnberg. Es erzählt die Liebesgeschichte zwischen Graf Oszillo zum Kathodenstrahl und der Königstochter Elektroliese im Land Physikalien. Natürlich gibt es auch einen Widersacher: Graf Tele aus dem Geschlecht der Foto-Grafen, der ebenfalls um Elektrolieses Gunst wirbt. Wie es sich für ein Märchen gehört, endet die Geschichte aber mit einem Happy End.

Märchenwelt trifft Ingenieurhumor – viel passender für einen ETH-Ball könnte eine Geschichte wohl kaum sein.

1985: Polywood

1985 wurde das Hauptgebäude zur Traumfabrik: «Polywood» stand ganz im Zeichen des Kinos. Das Programm lieferte Informationen zu Filmgrössen wie Marlene Dietrich und Bela Lugosi und war selbst wie ein Theaterstück in mehrere Akte gegliedert. Selbst praktische Hinweise wurden dem Motto angepasst. Wer beispielsweise etwas verloren hatte, fand die entsprechende Information im fünften Akt «Böses Erwachen»:

«Sie haben irgendwo im Schlachtgetümmel etwas verloren (Wussten Sie nicht, dass der Polyball das Vorbild für die Schlachtszenen in ‹Ben Hur› war)? – in diesem Fall kann Ihnen der Hausdienst der ETH im Raum HG D 61.1 weiterhelfen […]»

(Felix Hasler und Yves Larboulette : Premiere 30. November 1985 (nützliche Hinweise für den Ballbesuch). Polyballprogramm 1985, S. 48. Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-1.7/3.3)
1986: Globetrotter

Mit «Globetrotter» ging der Polyball 1986 auf Weltreise. Das Heft enthielt unter anderem ein Interview mit dem Schweizer Globetrotter Walter Kamm, Ferienerlebnisse von Kindern sowie einen Auszug aus Ephraim Kishons satirischem Blick auf die Schweiz.

Auch die kleinen Scherze blieben dem Reisemotto verpflichtet. So findet sich folgendes «Stellenangebot»:

«Haben Sie Schuhgrösse 45 und darüber, so sind Sie unser heissgesuchter Mann.

Wir brauchen dringend Leute, die auf grossem Fuss leben zum Austreten von Flächenbränden in Australien.»

(Polyballprogramm 1986, S. 23. Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-1.7/3.4)
1987 und 1988: Vulcano Forte und Shakesbier

Nicht für jedes Jahr ist ein Polyballprogramm erhalten. Für «Vulcano Forte» von 1987 und «Shakesbier» von 1988 finden sich in den untersuchten Akten lediglich Unterlagen der SGU zur Organisation der Anlässe.

Auch solche Lücken erzählen etwas über Archive: Überlieferung ist selten vollständig. Was heute erhalten ist, hängt davon ab, welche Dokumente aufbewahrt, abgelegt und schliesslich ins Archiv gegeben wurden.

1989: PolySPACEball

1989 verliess der Polyball die Erde. Beim «PolySPACEball» wurde das Programm stellenweise zur Berichterstattung über eine Weltraummission – inklusive Rätseln und optischen Illusionen.

In den «Abenteuern eines Spaceballs» berichtet der titelgebende Spaceball von seinem Einsatz bei einer ungewöhnlichen Sportart, bei der Meteoriten gegen Planeten antreten. Für alle, die das Polyballprogramm nicht eigens bestellen möchten, sei das Ergebnis bereits verraten: Die Meteoriten gewannen nach Verlängerung mit 2:0.

Wer dagegen miträtseln möchte, wie es die Ballgäste damals konnten, findet hier drei kleine Aufgaben:

(Polyballprogramm 1989, S. 43. Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-1.7/3.7)

Antworten anzeigen

1. Alle Linien sind parallel.
2. Es handelt sich nicht um die Spirale, sondern um konzentrische Kreise.
3. Alle Handelsreisenden sind gleich gross.

1990: CH 90

Nach der Reise ins All folgte 1990 der Blick auf die Schweiz. «CH 90» setzte sich mit dem eigenen Land auseinander. Da das Motto an sich wesentlich weniger selbsterklärend war als in früheren Jahren, beginnt das Programm auch direkt mit einer Definition:

«Das Motto ‹CH 90› will ein Alibi sein für eine wohlwollende Introspektion, Selbstkritik ohne Polemik, Märchengeschmack ohne die plumpe werbegeschwängerte Philosophie, die in der unvermeidlichen Moral stecken würde.»

(Frederick J. Rüegger, Präsident; Markus Affentranger, Vizepräsident, Polyballprogramm 1990, S. 6. Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-1.7/3.8)

Zudem enthält das Programm Zitate unter anderem von Friedrich Schiller und Rainer Maria Rilke sowie eine Übersicht über Installationen im ETH-Hauptgebäude, die während des Polyballs verschiedene Facetten der Schweiz darstellten.

1991 und 1992: Time Machine und Metropolys

Für die «Time Machine» von 1991 und «Metropolys» von 1992 wiederholt sich die Situation der Jahre 1987 und 1988: In den untersuchten Akten sind nur die Sicherheitsunterlagen und keine Polyballprogramme überliefert.

1993: Bal de Jeux

Unser Rückblick endet 1993 – nicht etwa, weil damit auch die Überlieferung zum Polyball abbricht. Im Bestand finden sich weitere Akten zu späteren Jahrgängen, die hier jedoch nicht mehr behandelt werden. Für den Abschluss eignet sich 1993 ohnehin besonders gut, denn beim «Bal de Jeux» wurde das Spielen selbst zum Motto.

Das Programm enthielt mathematische Spiele, diverse Calvin and Hobbes-Comics und meinen persönlichen Favoriten: eine Geschichte, bei der die Leser je nach gewählter Antwort auf unterschiedlichen Seiten weiterlesen mussten – eine analoge Form der interaktiven, verzweigten Erzählung.

Wer also vor dem nächsten Polyball noch Inspiration dafür sucht, was zu tun ist, wenn die Begleitung plötzlich verschwunden ist, kann dieses Polyballprogramm konsultieren.

Mehr als ein Programm für einen Abend

Die Polyballprogramme von 1983 bis 1993 waren weit mehr als Orientierungshilfen für eine Ballnacht. Neben Informationen zu Bands, Räumen und Abläufen luden sie zum Lesen, Rätseln, Lachen und Spielen ein. Sie übersetzten das jeweilige Jahresmotto in Geschichten, Wortspiele und kleine fiktionale Welten – und hielten damit ganz nebenbei auch ein Stück Zeitgeist fest.

Während zu Beginn des neuen Semesters die Vorlesungssäle wieder voller werden, laufen hinter den Kulissen bereits die Vorbereitungen für die nächste Verwandlung des ETH-Hauptgebäudes. Am 28. November 2026 ist wieder Polyball – und irgendwann wird vielleicht auch das Programm dieses Abends Teil der Geschichte sein.

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