Das Glarner 9/11 – Der Elmer Bergsturz von 1881

Als sich am späten Nachmittag des 11. Septembers 1881 der Fels am Tschingelwald bei Elm im Kanton Glarus löste, stürzten die Gesteinsmassen unaufhaltsam ins Tal und bildeten einen Schuttstrom, der 114 Menschen das Leben kostete, 83 Gebäude zerstörte sowie 90 Hektaren Land verwüstete. Der Geologe und Polytechnikum-Professor Albert Heim verfasste eine Woche später ein Gutachten über den Hergang und die Ursachen dieses verhängnisvollen Bergsturzes.

Fotografie von Johannes Ganz kurz nach dem Unglück. Links der Düniberg, rechts der Tschingelberg. Das Elmer Unterdorf wurde komplett begraben. ETH-Bibliothek, Bildarchiv,
Ans_15570-02-FL.tif.

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 mit einem Felssturz zu vergleichen, mag auf den ersten Blick unpassend erscheinen, da ein Bergsturz eine Naturkatastrophe ist, der keine böswillige Absicht innewohnt. Beide Ereignisse haben jedoch gemeinsam, dass deren Gefährlichkeit im ersten Moment massiv unterschätzt wurde. Zuerst aber zum Anfang: In Elm wurde seit einigen Jahren Schieferabbau im Tagebau betrieben. Verarmte Bauern konnten durch den Export des wertvollen Schiefers, verwendet für Griffel und Schreibtafeln, den Lebensunterhalt bestreiten. Der Abbau fand jedoch unsachgemäss statt. Der steile Hang wurde derart stark ausgehöhlt, dass 10 Millionen Kubikmeter Gestein den Halt verloren und in die Tiefe stürzten. Somit wurde die Katastrophe zumindest durch menschliches Handeln begünstigt. Albert Heim beschrieb den Vorgang wie folgt:

«Die niedergestürzten Felsmassen, anstatt am Fusse der Wand liegen zu bleiben, schossen, einen Schuttstrom bildend, auf dem schönen feuchten Wiesengrund, der für ihre Bewegung als Schmiere wirkte, in den ebenen Thalboden auf ganz flacher Böschung noch 1500m weit hinaus.» (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 401:34)

Elmer Bergsturz. Aufnahme des Geologen Leo Wehrli aus dem Jahr 1934. ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Dia_247-07773.tif.

Dabei war ein Unglück bereits Wochen oder sogar Jahre zuvor absehbar. Spalten in der Erde wiesen darauf hin, dass der Boden instabil wurde, wie Förster berichtet hatten. Der Schieferabbau war trotzdem fortgesetzt worden, und zwar noch bis vier Tage vor dem Bergsturz. Heim berichtet, dass sich die Anwohnerinnen und Anwohner in falscher Sicherheit gewogen haben mussten, da Jahre zuvor ein Gutachten eines Kantonsingenieurs den Abbau als sicher betrachtet hatte. Das trockene Wetter, gefolgt von starken Niederschlägen, habe das Unglück wohl noch merklich beschleunigt, so Albert Heims Einschätzung.

Aufnahme von Elm von Johannes Ganz, zwei Monate nach dem Bergsturz. ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Ans_15570-01-FL.tif.

Warum waren die Menschen nicht früher geflüchtet? Zweifellos wurde die Tragweite des bevorstehenden Bergsturzes masslos unterschätzt. Noch am Morgen, es war ein Sonntag, war den Kirchengängern das Grollen am Berg störend aufgefallen. Schaulustige hätten sich sogar ins Abbruchgebiet begeben. Heim weist zu Beginn seines Gutachtens darauf hin, dass es sich bei dieser Katastrophe um einen echten Bergsturz handelt, nicht nur um eine Rutschung oder einen Schlipf. Das Gestein war nämlich senkrecht in die Tiefe gestürzt und hatte sich als eine geschlossene Masse aus stark zerkleinertem Gestein über die Talebene ausgebreitet. Nach der Einschätzung Albert Heims war dies auch ein Grund, warum ein Überleben unter solchem Gestein unwahrscheinlich war. Zu den Opfern bemerkt er lapidar:

«Ich glaube daher die Ueberzeugung aussprechen zu sollen, dass keine Menschen durch den Bergsturz lebendig begraben worden sein können, und dass alle Verschütteten, ohne viel leiden zu müssen, einen sehr raschen Tod gefunden haben. Wahrscheinlich haben sogar die meisten das Bewusstsein verloren, bevor sie irgend eine körperliche Verletzung erlitten.» (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 401:34)

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