Aller Anfang ist schwer. Das dachte sich wohl auch Joseph Wolfgang von Deschwanden, als er nach der Verabschiedung des Polytechnikumsgesetzes 1854 den Aufbau des Eidgenössischen Polytechnikums in Angriff nahm.
Als Ghostwriter Alfred Eschers hatte Deschwanden bereits entscheidenden Einfluss auf die Ausgestaltung des Polytechnikumsgesetzes. Als es dann darum ging, den Betrieb der Hochschule vorzubereiten, wurde Deschwanden aufgrund seiner Erfahrung als Leiter der Industrieschule in Zürich dem Schulratspräsidenten Johann Konrad Kern zur Seite gestellt. Erneut handelte es sich zu Beginn um ein inoffizielles Amt. Erst am 28. August 1855 wählte ihn der Schweizerische Schulrat offiziell zum ersten Direktor des Polytechnikums. Zum Professor für darstellende Geometrie war er bereits fünf Monate zuvor berufen worden.
Die Herausforderungen waren zahlreich. Das Polytechnikum war den traditionellen kantonalen Universitäten nicht gleichgestellt. Es sollte qualifiziertes Personal und Lehrer für die aufstrebende Industrie ausbilden. Entsprechend mussten die Zulassung von Studierenden geklärt, ein Vorkurs organisiert sowie der Unterricht von Grund auf gestaltet werden. Die Professoren mussten rekrutiert und berufen werden. Als erste gesamtschweizerische Hochschule stellte das Polytechnikum Deschwanden zudem vor die Aufgabe, im laufenden Betrieb Lösungen für den Unterricht einer mehrsprachigen Lehrer- und Studentenschaft zu finden. Zu guter Letzt war Deschwanden mit der Situation konfrontiert, dass das Polytechnikum zur Eröffnung kein eigenes Gebäude erhielt. Der Unterricht fand deshalb in provisorischen Räumlichkeiten statt.
Bereits bei der Erstellung des ersten Unterrichtsprogramms bereitete die Raumverteilung Schwierigkeiten, wie Deschwanden am 6. August 1855 seinem Schultagebuch anvertraute: «Die Vertheilung der provisorischen Lokalitäten unter die verschiedenen Fächer muss geändert werden; jeder Lehrer will wo möglich ein ausschliessliches für seinen Unterricht bestimmtes Zimmer haben.» (Schultagebuch S. 17)
Als 1855 die provisorischen Räumlichkeiten übergeben wurden, war von den «Abgeordneten der Regierung von Zürich» in Aussicht gestellt worden, «zwei Jahren nach jenem Zeitpunkte werde bereits ein Theil der neuen Gebäude bezogen werden können.» (Bericht, S. 1) Aber bereits 1856 war klar, dass es noch einige Jahre dauern würde, bis das neue Gebäude bezugsbereit wäre. In einem Bericht an den Schulrat spricht Deschwanden von Raumnot und beschreibt, wie die Unterbringung in den provisorischen Räumen den Schulalltag in vielfältiger Weise belastet.

Direktor Joseph Wolfgang von Deschwanden (1819–1866) an Johann Konrad Kern (1808–1888), den Präsidenten des Schweizerischen Schulrats: Bericht über die provisorischen Räumlichkeiten, 03.07.1856 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv SR3:1856.214)
«Diesem Bericht über die nöthige Vermehrung der provi-
sorischen, dem Polytechnikum angewiesenen Räume kann
ich ferner nicht schliessen, ohne im Einverständnisse
mit den Vorständen der Fachschulen auf die Uebel-
stände hinzuweisen, welche wir bei der Benutzung
derselben während des gegenwärtigen Schuljahres
wahrzunehmen Gelegenheit hatten, u von denen die
meisten sich um so mehr steigern u um so weniger
leicht erträglich sein werden, je länger diese Räume
benutzt werden müssen.
[…]
Zunächst wurde von der Lehrerschaft die mangel-
hafte Zwekmässigkeit der meisten provisorischen
Räume empfindlich wahrgenommen.» (Bericht, S. 5)
Am augenfälligsten erschien Deschwanden das Problem der «ungenügenden Höhe der Räume». Das fiel besonders bei Veranstaltungen der philosophischen und staatswissenschaftlichen Abteilung VI, zu der auch Mathematik, Physik und die übrigen Naturwissenschaften gehörten, ins Gewicht.
«Ein überall […] hervortretender Uebelstand ist die ungenüg-
ende Höhe der Räume. Die gewöhnlichen Hör-
sääle […] meistens des Abends in zwei bis
drei unmittelbar aufeinanderfolgenden Stunden
benutzt werden. Wenn nun im Winter
die Sääle, welche 25 bis 30 Hörer fassen können,
einige Stunden lang mit Studirenden ange-
füllt sind u. durch mehrere Oehllampen beleuchtet
werden, so wird der Aufenthalt in diesen
Räumen für jedermann höchst peinlich, für
den aus der frischen Luft eintretenden Lehrer
aber, der überdies noch sprechen muss, fast un-
möglich. Sowohl Lehrer als Schüler beklagten
sich einstimmig letzten Winter über diesen
Uebelstand.» (Bericht, S. 5–6)
Ausserdem sei in den Zeichensälen das Licht ungenügend oder falle in einem ungünstigen Winkel ein.
«In den Säälen für technisches Zeichnen
werden die in der Mitte oder im Hinter-
grunde des Zimmers befindlichen Tische fast
unbenutzbar, besonders an trüben Winter-
tagen, weil das Licht nicht hoch genug einfällt
u daher nicht bis zu diesen Stellen dringen
kann.» (Bericht, S. 6)
Eine Forderung Deschwandens kommt uns auch im Hitzesommer 2026 noch sehr vertraut vor:
«Mehrere der bisher gerügten Uebelstände würden
ohne Zweifel geringer sein, wenn die provisorischen Räume,
besonders die im Universitätsgebäude befindlichen, gute
Einrichtungen zur Ventilation hätten, welche jetzt
ganz fehlen.» (Bericht, S. 6–7)
Als grösstes Problem der provisorischen Räumlichkeiten bezeichnete Deschwanden jedoch die «Zerstreutheit dieser Räume in verschiedenen Theilen der Stadt» (Bericht S. 8). Dazu ist es hilfreich, zu wissen, wo sich diese provisorischen Räumlichkeiten befanden.

Ausschnitt der Seite 9 des Programms der eidgenössischen polytechnischen Schule für das Sommersemester 1857 mit Angaben zu den Standorten der provisorischen Unterrichtsräume (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv EZ-2.3/1.01)
Das Programm des Eidgenössischen Polytechnikums für das Sommersemester 1857 nennt die folgenden Standorte. Zu jedem Standort sind unten die damalige und heutige Adresse angegeben. Sie sind mit einer historischen Stadtkarte von ca. 1860 verlinkt (auf Mobilgeräten leider nicht verfügbar):
- Universitätsgebäude (Haus «Hinteramt» am Augustinerhof 4; heute: Münzplatz 3)
- Stiftsgebäude (beim Grossmünster; heute: Kirchgasse 9)
- Kantonsschule (heute: Rämistrasse 59)
- Kornamt (Ostflügel des Kreuzganges des ehemaligen Klosters Oetenbach, heute: Uraniastrasse)

Im Haus «Hinteramt» des ehemaligen Augustinerklosters war ab 1835 die Universität Zürich untergebracht. 1855-1864 erhielt das Eidgenössische Polytechnikum hier provisorische Unterrichtsräume. Franz Schmid (1796–1851): Die Hochschule in Zürich, circa 1841. DOI: 10.3931/e-rara-36086
Deschwanden beklagte an der Verteilung der Räumlichkeiten über die ganze Stadt sowohl den Zeitverlust, den die Studierenden beim Wechsel des Unterrichtsorts erlitten, als auch «die Gelegenheit zur Zerstreuung», die sich ihnen dabei bot und die sie jeweils auch nutzten.

«Ausserdem ist es wohl selbstverständlich, dass durch diese
Zersplitterung der Räume die Einwirkung der Lehrer
auf die Schüler ausser den Unterrichtsstunden,
u dadurch auf jede Art von disziplinarischer
Leitung der leztern ungemein erschwert wird.» (Bericht, S. 9)
Deschwanden erläuterte zudem, dass darunter nicht nur die Disziplin und das Verhältnis der Dozenten zu den Studierenden litten, sondern auch das Verhältnis der Lehrer untereinander, da sie sich situationsbedingt nur sehr selten sahen.
Aus Deschwandens Tagebüchern geht hervor, dass er diesen Problemen entgegenzuwirken versuchte, indem er gesellige Abende für Schüler und Lehrer veranstaltete, die Gründung von Vereinen förderte und gemeinsame Ausflüge organisierte. Die durch die Raumnot bedingten Herausforderungen fanden jedoch erst 1864 mit dem Einzug in das von Gottfried Semper entworfene heutige ETH-Hauptgebäude ein Ende.
Quellen
Deschwanden, Joseph Wolfgang von: Aufzeichnungen unter dem Titel „Tagebuch der Schule 1855“. Berichterstattung und Bemerkungen zum Schuljahr 1855 und zum Beginn des Schuljahres 1856 am Eidgenössischen Polytechnikum Zürich. 1855 – 1856. (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETH Zürich, Hs 142:19, DOI: 10.7891/e-manuscripta-154073)
Programm der eidgenössischen polytechnischen Schule für das Sommersemester 1857. (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv EZ-2.3/1.01)
Deschwanden, Joseph Wolfgang von (1819-1866): Bericht an den Präsidenten des Schweizerischen Schulrats über die provisorischen Räumlichkeiten, 03.07.1856 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv SR3:1856.214)
Literatur
Gyr, Peter: Josef Wolfgang von Deschwanden(1819-1866): erster Direktor des Eidgenössischen Polytechnikums in Zürich, 1981. DOI: 10.3929/ethz-a-000226004