Ein Feßle Bier am 2. August – Von Kalendereinträgen und Handwritten Text Recognition

Volltexterkennung in alten Drucken war schon mehrfach Thema meiner Blogbeiträge. Es war dann die Rede von OCR, also der Optical Character Recognition. Eine eng verwandte Methode ist die Handwritten Text Recognition HTR. Entsprechende Anwendungen, wie sie etwa die Plattform Transkribus bereitstellt, sind darauf trainiert, Volltext aus Handschriften zu extrahieren. In bestimmten Fällen bietet es sich an, solche HTR-Anwendungen auch auf Drucke anzuwenden. Ein solches Beispiel ist das vorliegende Digitalisat: Der Nürnberger SchreibCalender auf das Jahr 1608 im Bestand der ETH-Bibliothek.

Koloriertes Titelblatt des Nürnberger Schreibkalenders
Koloriertes Titelblatt des Nürnberger Schreibkalenders auf das Jahr 1608

Schreibkalender sind ein im 17. Jahrhundert weit verbreitetes Druckerzeugnis. Sie enthalten typischerweise für jeden Monat eine Doppelseite mit verschiedenen kalendarischen sowie astronomischen und astrologischen Informationen und freiem Platz für handschriftliche Notizen zum jeweiligen Tag. Manchmal sind zusätzlich leere Durchschussblätter eingebunden.

Kalenderblatt des Monats Juli mit julianischen und gregorianischen Kalenderdaten
Kalenderblatt des Monats Juli («Hewmon») mit altem Kalender (julianisch) links und neuem Kalender (gregorianisch) rechts
Fortsetzung des Juli-Kalenderblatts mit Uhrzeiten von Sonnenauf- und untergang und freiem Platz für handschriftliche Notizen sowie ein handschriftlicher Eintrag.
Fortsetzung des Juli-Kalenderblatts mit Uhrzeiten von Sonnenauf- und untergang und freiem Platz für handschriftliche Notizen und einem handschriftlichen Eintrag.

Hinter dem Dezemberblatt («Christmon») folgen in unserer Ausgabe noch nützliche Informationen, etwa zum Aderlass, die «Täfelein deß Glücks vnd vnglücks» oder das «Täffelein der erwehlung nach den Aspecten deß Monds zu den Planeten.»

Die Figur des Aderlassens und eine Tabelle zum Glück und Unglück bei bestimmten Handlungen im Abhängigkeit des Sternzeichens
Eine Abbildung zum Aderlass und eine Tabelle zum Glück und Unglück bei bestimmten Handlungen im Abhängigkeit des Sternzeichens

Die gegenüberliegende Seite berichtet «Von den Finsternussen dieses MDCVIII. Jahrs». Für die Zeitgenoss:innen war es vielleicht ein Glück, dass die Sonnenfinsternis 1608 nicht zu sehen war, denn eine Infoseite wie jene des BAG zur bevorstehenden Sonnenfinsternis am 12. August 2026 dürfte es nicht gegeben haben: Es «werden zwo Finsternuß geschehen/ eine an der Sonnen/ die ander an dem Monn/ doch alle beyde vnter der Erden/ vnnd können in diesem unserm Hemisphaerio nit gesehen werden.»

Illustration einer partiellen Sonnenfinsternis
Illustration einer partiellen Sonnenfinsternis

Wie eingangs erwähnt, wurde bei diesem Digitalisat eine automatische Volltexterkennung mit Transkribus durchgeführt. Dies ermöglicht uns, den gedruckten Text auf e-rara zu durchsuchen, herunterzuladen oder Seite an Seite mit dem Bild zu lesen. Dank HTR wurde aber hier auch der handschriftliche Text erkannt, und so lesen wir als Eintrag zum 2. August: «bracht der bierpreuer 1 feßle bier» und eine Woche später: «hab ich den Bierpreuer bezaltt».

Handschriftliche Kalendereinträge zum zweiten und neunten August über den Kauf eines Fasses Bier.
Handschriftliche Kalendereinträge zum 2. (23. nach altem Kalender) und 9. (30. nach altem Kalender) August über den Kauf eines Fasses Bier.

Der Urheber dieser Einträge, den wir nicht kennen, verrät uns mit seinem halbseitigen Text auf der letzten Seite, dass er wohl einen Bezug zur Landwirtschaft gehabt haben muss: Das Jahr 1608 sei zwar ein gutes für «fütterung und getraid […] gewest, allein der wein hat an vielen orten im Teutschland von der grünen Keltt des Vergangenen winders grossen schaden gelitten».

Ein Handschriftlicher Text über den Einfluss des Wetters auf die Ernte im Jahr 1608
Handschriftlicher Eintrag über den Einfluss des Wetters auf die Ernte im Jahr 1608.

Wie immer bei der Volltexterkennung – sei es bei modernen Druckschriften oder frühneuzeitlichen Handschriften – muss das Volltextergebnis auch hier kritisch betrachtet werden. Transkribus basiert, ähnlich wie die bekannten KI-Chatbots, auf Trainingsdaten und nähert sich der Wahrheit gelegentlich mit etwas Fantasie. So sollten auch die vorliegenden Volltexte kritisch an der Vorlage überprüft werden.


Quelle: Alter und Newer SchreibCaldender/ mit dem Stand Lauff und Aspecten/ Sonnen/ Monds/ unnd der andern Planeten/ auch den gemeinen Astrologischen erwehlungen. Auff das Jahr Jesu Christi/ M D C V III. Calculieret und beschrieben Durch Simonem Marium Guntzenhusanum Erancum Astronomiae & Medicinae Studiosum. Gedruckt zu Nürnberg/ durch Abraham Wagenmann/ Jn verlegung Johann Lauers. [1608]. ETH-Bibliothek Zürich, Rar 1379: 1, https://doi.org/10.3931/e-rara-416 / Public Domain Mark

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