Der Manilahanf, auch bekannt als Abacá oder wissenschaftlich Musa textilis, blickt auf eine lange Geschichte in der Hochschullehre der ETH Zürich zurück. Bereits 1923 führte Andreas Sprecher von Bernegg, Schweizer Pflanzenbauwissenschaftler und Titularprofessor an der ETH Zürich, die Lehrveranstaltung über subtropische und tropische Kulturpflanzen ein, in der er die in Ost- und Südostasien heimische Pflanze detailliert beschrieb (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv der ETH Zürich, Hs 446:4, Vorlesungsnotizen zu Manilahanf von Andreas Sprecher, 1925). So lernten die Studierenden, dass obwohl die Pflanze sich optisch der gewöhnlichen Essbanane gleicht, sie kräftiger gebaut ist und ungeniessbare Früchte mit spärlichem Fruchtfleisch hervorbringt. Der Name der Pflanze ist dabei eng mit ihrer Handelsgeschichte verknüpft, da sie hauptsächlich im Süden der Philippinen wächst. Rund um Manila selbst wachsen jedoch keine Musa-Pflanzen. Die Bezeichnung Manilahanf etablierte sich schlichtweg deshalb, weil Manila der zentrale Exporthafen war.

Plantage mit jungen Musa-Pflanzen (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Dia_249-FA-039)

Ausgewachsene Bananenstaude (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Dia_249-FA-039)
Für ein optimales Wachstum benötigt die Abacá hohe Wärme, eine gleichmässige Feuchtigkeit und nährstoffreiche vulkanische Böden mit hohem Humusgehalt. Sprecher von Bernegg wies bereits früh darauf hin, dass der Anbau Pflanze nicht auf den Philippinen beschränkt bleiben müsse: „…[es] würden sich wohl viel mehr Tropengebiete für Kulturen eignen“, wie etwa Regionen in Afrika oder Mittel- und Südamerika.
Die Ernte erfolgt idealerweise etwa eineinhalb bis zwei Jahre nach der Pflanzung kurz vor der Blütezeit, da die Fasern zu diesem Zeitpunkt ihre grösste Festigkeit besitzen. Nach dem Schnitt des Hauptstamms regeneriert sich die Pflanze durch Wurzelschösslinge, was eine Nutzung der Pflanze über 15 bis 20 Jahre ermöglicht. In mühsamer Handarbeit reinigen die Arbeiter:innen die Fasern, wobei eine Tagesleistung von bis zu neun Kilogramm erzielt werden kann, bevor das Material in der Sonne getrocknet wird.

Ernte der Fasern der Musa-Pflanze (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Dia_249-FA-041)

Trocknen der Fasern (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Dia_249-FA-043)
Die wirtschaftliche Bedeutung der Abacá liegt in ihrer enormen Ergiebigkeit und Vielseitigkeit, da ein einziger Bananenstamm zwischen einer und drei Zentnern Fasern liefern kann. Die unterschiedlichen Schichten der Pflanze finden dabei spezialisierte Anwendungen: Während der innere Teil als Viehfutter dient, sind die äusseren Blattscheiden aufgrund ihrer Leichtigkeit und Salzwasserresistenz hervorragend für Schiffstaue geeignet. Aus den mittleren Schichten werden feine Gewebe für Luxusartikel gefertigt, und die Fasern dienen zudem der Papierproduktion wie Teebeuteln oder Zigarettenpapier.
Die Verbindung der Schweiz zu diesem Rohstoff ist historisch tief verwurzelt. Schon 1879 korrespondierte der Schweizer Kaufmann J.C. Labhart-Lutz, der vier Jahrzehnte auf den Philippinen tätig war mit Carl Cramer, Professor für Botanik am Polytechnikum. Labhart-Lutz, der die Faser als einen der bedeutendsten Exportartikel der Philippinen beschrieb, hielt in seinem Separata-Druck „Manila-Hanf“ fest: „Manila-Hanf wird in indischer Sprache Abaka genannt“. Er dokumentierte zudem das beeindruckende Wachstum des Abacá-Handels, bei dem die Exporte von 93.000 Zentner im Jahr 1851 bereits auf 596.000 Zentner im Jahr 1862 anstiegen. Auch in der Schweizer Heimat fände das Material Verwendung, denn wie Labhart-Lutz bemerkte: „Auch im Aargau wird etwas Manilahanf verarbeitet, aber meistens unter Geflechten von Stroh und weissem Pferdehaar“. (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv der ETH Zürich, Hs 100:496, J.C. Labhart-Lutz an Carl Cramer am 22.10.1870)
Dass die Bedeutung von Abacá im 20. Jahrhundert weiter zunimmt, zeigt sich auch in der Dokumentation von Albert Frey-Wyssling, ein Schweizer Botaniker und ordentlicher Professor der ETH Zürich, der die Abacá-Produktion in Sumatra fotografierte (vgl. Bildreihe in diesem Blog-Beitrag). Abacá wurde erstmals 1925 auf Sumatra in grossem Massstab angebaut, zur selben Zeit als Frey-Wyssling dort (1926 bis 1932) einen Forschungsaufenthalt machte.

Fotografie aus dem Nachlass vom Albert Frey-Wyssling von seiner Forschungsreise nach Sumatra 1926-1932 (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Dia_249-FA-048)
Diese Zusammenarbeit zwischen Schweizer Händlern und Wissenschaftlern der ETH Zürich trug massgeblich dazu bei, den Anbau und die Nutzung globaler Rohstoffe wie Abacá im Sinne einer zunehmenden Verwissenschaftlichung zu optimieren. Heute wird Abacá als wichtiger Industrierohstoff in weiten Teilen Asiens sowie in Mittel- und Südamerika kultiviert. Mit rund 85 % der Gesamtproduktion liegen die Philippinen an der Spitze der Abacá-Produktion.