Butzenscheiben – Von den klaren «venedisch schewen» zum farbenfrohen Jugendstil-Ornament

Wer mit offenen Augen durch Zürichs Gründerzeitviertel streift, entdeckt an den hier und da original erhaltenen Haustüren, Treppenhausfenstern und Wohnungstüren vielfach kleine, farbige Butzenscheiben zusammen mit anderen Glasarten in variantenreichen Bleiverglasungen. Im folgenden Beitrag geht es um dieses kleine, runde Detail und seine faszinierende, aber wenig bekannte Geschichte.

Bleiverglasungen um 1900 in Zürich, von links: Haustür Weinbergstrasse 105, Haustür Genferstrasse 21, Treppenhausfenster Gotthardstrasse 49, Wohnungstür Genferstrasse 21. Fotos: ETH Material Hub

Heutzutage assoziieren wir mit Butzenscheiben vor allem rustikale Heimeligkeit und Wirtshausromantik. In Zeiten des allseits verfügbaren Floatglases ist es kaum mehr vorstellbar, dass Butzenscheiben über Jahrhunderte hinweg als das Nonplusultra der Fensterverglasung galten und ein Luxusgut darstellten, das sich noch im 16. Jh. nur die Wohlhabendsten leisten konnten. Dazu muss man wissen, dass das Verglasen von Fenstern bis ins 18. Jh. nicht selbstverständlich war und man sich vielerorts mit Glasersatz aus Tierhäuten, Kuhmägen oder ölgetränktem Papier behalf oder Fensteröffnungen lediglich mit hölzernen Klappläden versah, um sie bei Bedarf verschliessen zu können.[1] Das englische Wort window, abgeleitet vom Altnordischen vindauga  (= Windauge), zeugt noch von dieser ursprünglichen Funktion des Fensters als schlichte Wandöffnung zum Durchlassen von Luft und Licht.

Venezianische Scheiben

Tatsächlich aber konnten Butzenscheiben auch farblos, hauchdünn und bis zu einem gewissen Grad transparent sein – wenn sie aus venezianischer Produktion stammten. Die Kunst der Butzenfertigung wurde auf Murano so perfektioniert, dass ihr Ruf weit über die Grenzen der Seerepublik hinausreichte. Bereits im 15. Jh. findet man in deutschen Baurechnungen oftmals die Bezeichnung «venedisch scheyben», «venedisch schewen» oder gar «venedischer schenen Scheiben».[2] Sie wurden damals von der Glasbläserinsel Murano nach ganz Europa exportiert.

Dokumentiert ist eine Bestellung Sultans Murad III. von 5000 venezianischen Scheiben für den Wiederaufbau seines durch ein Feuer zerstörten Harems in Konstantinopel im Jahr 1583. Das Handelsschiff, mit dem die Scheiben transportiert werden sollten, traf nie in Konstantinopel ein, sondern sank vor der Küste Kroatiens. Dort wurde es Mitte des 20. Jh. wiederentdeckt und seine Ladung  2012 geborgen– darunter grosse Mengen an farblosen, glatten und dekorativ geprägten, in Stroh eingepackten Butzenscheiben in bestem Erhaltungszustand.[3]

Geborgene venezianische Butzenscheiben von dem 1583 nahe der kroatischen Insel Gnalić vor der Küstenstadt Biograd na Moru gesunkenen Handelsschiff. Fotos: University of Zadar, The Gnalić Shipwreck Project

Viele Butzenscheibenverglasungen aus jener Zeit sind inzwischen verloren gegangen. Manchmal gibt es trotz fehlendem Bestand noch Hinweise auf diese frühe Verglasungsform, wie im Falle der gemalten Blindfenster mit Butzenscheiben an der Hoffassade von Schloss Ambras in Innsbruck aus der zweiten Hälfte des 16. Jh. Die Butzenverglasung der echten Fensteröffnungen wurde in späteren Jahrhunderten durch modernere Verglasungen ersetzt, die Trompe-l’œil-Malerei blieb.

Hoffassade von Schloss Ambras, Innsbruck, mit gemaltem Butzenscheibenfenster rechts, 2. Hälfte 16. Jh. Foto: Gerd Eichmann, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Transparenz

Wie transparent Butzenscheiben im frühen 16. Jh. tatsächlich sein konnten, lässt eine Darstellung auf dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald erahnen, auf dessen rechtem Seitenflügel des geschlossenen Retabels der Heilige Antonius mit einem Dämon zu sehen ist, der ein butzenverglastes Fenster zerstört, um zu dem Heiligen vorzudringen. Der Körper des Dämons ist sehr deutlich durch die noch teilweise intakte Butzenverglasung hindurch zu erkennen und zeugt von der Brillianz des feuerpolierten Glases.[4]

Ausschnitt aus dem rechten Seitenflügel des geschlosenen Isenheimer Altars: Der Hl. Antonius mit dem Dämon, Matthias Grünewald, 1512–1516, Museum Unterlinden, Colmar. Foto: Le Réverbère, Mulhouse, Musée Unterlinden

Eine ähnliche Transparenz deutet auch Jan van Eyck in seiner Verkündigung (1434–1436) an, wo im Hintergrund der Jungfrau Maria drei butzenverglaste Spitzbogenfenster zu sehen sind, durch deren klare Scheiben im unteren Teil das Grün der Vegetation der Umgebung hindurchscheint. Die Viereckzwickel zwischen den klaren Butzenscheiben sind mit Blüten bemalt, wobei für jedes Fenster eine andere Farbe reserviert ist.

Ausschnitt aus dem Altarretabel der Verkündigung von Jan van Eyck, 1434–1436, National Gallery of Art, Washington. Foto: National Gallery of Art, D. C., Washington, via Wikimedia Commons, Public Domain Mark

Verwendung

Die aus der byzantinischen Baukultur stammenden Butzenscheiben sind erstmals im 13. Jh. in Europa nachweisbar. Zunächst waren Fensterverglasungen mit gleichlaufenden Butzenreihen üblich, im Laufe des 15. Jh. ging man dazu über, die Butzenscheiben in versetzten Reihen anzuordnen.[5]

Gleichlaufenden Butzenreihen an der Porta della Carta, Dogenpalast, Venedig, Giovanni & Bartolomeo Bon, 1438–1443. Versetzte Butzenreihen in der Schlosskapelle Blutenburg, München-Obermenzing, 1491. Fotos: links Didier Descouens, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, rechts Mummelgrummel, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Verwendete man Butzenscheiben ursprünglich vor allem im Profanbau, hielten sie im 14. Jh. auch Einzug in den Kirchenraum, wo sie bis zum 16. Jh. die Farbverglasung immer mehr verdrängten, wie an den Kirchenfenstern bei van Eyck oder jenem aus der Schlosskapelle Blutenburg zu erkennen ist.[6] Eine profane Butzenverglasung und ihren charakteristischen Schattenwurf an der Wand stellte Dürer in seinem berühmten Kupferstich des Heiligen Hieronymus im Gehäus von 1514 dar. Beobachten konnte er das Phänomen in seinem eigenen Wohnhaus, das er in jener Zeit bewohnte und das ebenfalls mit Butzenscheiben verglast war.

Der Heilige Hieronymus im Gehäus, Albrecht Dürer, 1514, Graphische Sammlung ETH Zürich. Dürerhaus, Nürnberg, 1907. Fotos: links ETH-Bibliothek Zürich, Graphische Sammlung / D 7720 / Public Domain Mark 1.0, rechts Jon Sigurd Curman, via Wikimedia Commons, gemeinfrei

Zeugnisse von Butzenverglasungen in der Schweiz haben sich vor allem in ländlichen Gegenden erhalten, so zum Beispiel die Fenster der Kirche Sogn Clau in Surin im Val Lumnezia aus dem 17. Jh.

Fenster in der Kirche Sogn Clau, Surin, Val Lumnezia, um 1630. Foto: ETH Material Hub

Auf seiner Studienreise ins bernische Oberhasli zeichnete der Schweizer Maler Sigmund Freudenberger (1745–1801) Ende des 18. Jh. das gepflegte Interieur eines wohlhabenden Bauernhauses mit butzenverglastem Fenster. In jener Zeit waren Butzenscheiben nicht mehr das Fensterglas erster Wahl und kamen langsam aus der Mode. Für Neuverglasungen tendierte man nun eher zu Mond- oder Zylinderglas.

Schweizerische Gastfreundschaft, Sigmund Freudenberger, Federzeichnung und Aquarell über Graphit, um 1796, Graphische Sammlung ETH Zürich. Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Graphische Sammlung / Z 200 / Public Domain Mark 1.0

Revival der Butzenscheibe im Historismus & Jugendstil

In der zweiten Hälfte des 19. Jh. wurden Butzenscheiben im Zuge des Historismus nochmals populär. Neue spezialisierte Hütten entstanden, wie z. B. die Glashütte Einsiedel im Spessart, die zeitweilig (1878–1887) fast nur Butzen erzeugte. Eine Bestellung des Fürsten von Löwenstein-Wertheim-Rosenberg von 60.000 farbigen Butzen für sein Schloss Bronnbach hat sich über 100 Jahre auf dem Dachboden des ehemaligen Klosters Bronnbach erhalten. Ein original in Stroh verpackter Rest dieser zwar ausgelieferten, aber aufgrund von Bleimangel (im Zuge des deutsch-französischen Krieges 1870/71) nicht zu Fenstern verbauten Lieferung ist heute im Museum Weibersbrunn zu sehen.[7]

Butzenscheiben der Glashütte Einsiedel, 1870er-Jahre, Museum Weibersbrunn. Foto: Gerald Gärtner

Der Genremaler Eduard von Grützner liess sich in den 1880er-Jahren in München ein Wohnhaus  im Stil der deutschen Renaissance mit butzenverglasten Fenstern errichten.

Wohnhaus von Eduard von Grützner, München-Haidhausen, Leonhard Romeis, 1883–1884. Foto: Joseph Albert, via Wikimedia Commons, Public Domain Mark

Und als man den Florentiner Bargello 1859–1860 von einem mittelalterlichen Gefängnis zum Nationalmuseum umbaute, erhielt auch dieser Butzenscheibenverglasungen mit dekorativen zentralen Wappen.[8]

Butzenverglasung mit Wapen für den Bargello in Florenz, 1859–1860, Ulisse de Matteis. Foto: Stainedglassscholar, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Butzenscheiben hatten nun nicht unbedingt mehr die Funktion, möglichst transparent und farblos zu sein und im besten Falle gar Durchsicht zu gewähren. Man erkannte ihren dekorativen Wert und stellte sie als Ziermaterial in vielfältigen Farben her, wovon manche Zürcher Gründerzeit-Bleiverglasung bis heute zeugt.

Bleiverglasungen mit farbigen Butzenscheiben und anderen Glasarten um 1900 in Zürich, von links: Treppenhausfenster Schulhaus Hirschengraben, Haustür Tödistrasse 53, Haustür Eidmattstrasse 55. Fotos: ETH Material Hub

Eine der grandiosesten Butzenscheiben-Verwendungen des Jugendstils findet sich im Palau de la Música Catalana in Barcelona. Für das 1905–1908 errichtete Konzerthaus schuf der Glaskünstler Antoni Rigalt i Blanch eine skulptural anmutende Deckenverglasung aus hunderten gelben und orangefarbenen Butzenscheiben, die wie Blüten anmuten.

Glasdecke von Antoni Rigalt i Blanch, Palau de la Música Catalana, Barcelona, 1505–1508. Foto: Alvesgaspar, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

In den 1950er-Jahren, als das Revival der Butzenscheiben längst abgeklungen war, brachte die Nachkriegs-Glasindustrie Ornamentgläser mit aufgeprägter Butzenscheibenoptik auf den Markt, die gerne in Wirtsstuben verbaut oder als Ersatzmaterial verwendet wurden.

Türverglasung aus den 1950er-Jahren an einer Haustür der Jahrhundertwende, Weinbergstrasse 53A, Zürich. Foto: ETH Material Hub

Wer das Thema vertiefen möchte, der besuche den ETH Material Hub in der Baubibliothek auf dem Hönggerberg, wo derzeit ein kleine Vitrinenpräsentation zum Thema zu sehen ist und man Butzenscheiben in die Hand nehmen kann, oder konsultiere den gleichlautenden Datensatz im Material-Archiv, der weiterführende Informationen bietet sowie auf viele Anwendungsbeispiele verweist.

Vitrine zu Butzenscheiben * rondels * rulli * cives. ETH Material Hub, 2026. Foto: ETH Material Hub


[1] Vgl. Steppuhn, P. (2002). Der (un)getrübte Blick nach draussen … Zur Entwicklungsgeschichte des Glasfensters in Europa. In: Centre, Region, Periphery. Medieval Europe Basel, Bd. 1: Keynote Lectures to the Conference, Sections 1–3, hg. v. G. Helmig, B. Scholkmann, M. Untermann, Hertingen: folio-Verlag, S. 371.

[2] Vgl. Frenzel, G. (1973). «Venedisch Schewen». Ein Beitrag zur partiellen Monumentalverglasung des 15. und 16. Jahrhunderts in Süddeutschland – dargestellt an der ev. luth. Pfarrkirche zu Puschendorf/Mfr. In: Jahrbuch der bayerischen Denkmalpflege. Forschungen und Berichte, Bd. 28, München: Deutscher Kunstverlag, S. 109 und Holsten, R. (Hrsg.) (1987). 500 Jahre Flachglas. 1487–1987. Von der Waldhütte zum Konzern. Schorndorf: Hofmann-Verlag, S. 23.

[3] Radić Rossi, I. u. a. (2013). Das «Schiffswrack von Gnalić» – Spiegel der Renaissance Europas. In: Reinfeld, M. (Hrsg.). Archäologie im Mittelmeer. Auf der Suche nach versunkenen Schiffswracks und vergessenen Häfen. Darmstadt/Mainz: Verlag Philipp von Zabern. Ausserdem folgende Webseiten: fuwa-ev.de/index.php/de/projekte/gnalic und gnalic.arsnautica.org/cargo/glass/details (Stand 25.06.2026).

[4] Dieses Bildbeispiel hat zuerst Alexandra Schmölder in ihrer jüngst publizierten Dissertation verwendet: Schmölder, A. (2025). Farbloses Fensterglas. Rohstoffe und Herstellungstechniken, Entwicklungsgeschichte und denkmalpflegerische Relevanz von Theophilus bis zur Einführung von Floatglas. Diss. Univ. Bamberg: University of Bamberg Press, S. 72.

[5] Zur Herkunft der Butzenscheibe siehe Strobl, S. (1990). Glastechnik des Mittelalters. Stuttgart: Gentner, S. 60–62.

[6] Vgl. Frenzel, ebd., S. 109.

[7] Siehe Loibl, W. (Hrsg.) (1995). Glas aus Einsiedel. Die Fürstlich Löwenstein-Wertheim-Rosenbergische Karlshütte zu Einsiedel im Spessart (1820–1898). Ausst.-Kat. Spessartmuseum, 9. September–12. November. Lohr am Main: Spessartmuseum, S. 246–247. Dank auch an Heidrun und Gerald Gärtner für die Information zu den Butzenscheiben im Museum Weibersbrunn und das zugehörige Foto.

[8] en.wikipedia.org/wiki/Ulisse_De_Matteis (Stand 22.06.2026).

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