In diesem Beitrag möchte ich die Forschungsreise der Schweizer in Beziehung zu kolonialen Aneignungen mithilfe des Elements Wasser setzen. In der Arktis führen die Verkehrswege über das Meer und durch die Fjorde. Einige der Routen führten 1912 zu Fangplätzen, die gerade dank Nährstoffeintrag von Gletscherabbruch und Fliesswasser genügend artenreich gewesen sein dürften, um für die Bewohner den Weg ins Jagdgebiet lohnenswert zu machen. Wie benutzten dagegen die Grönlandreisenden den Wasserraum und wie nahmen sie den Umgang der Inuit damit wahr? Am Ende eines solchen Fjordarms lag der von der Westgruppe untersuchte Ekip Sermia, auch Eqi-Gletscher genannt.
Es ist ein bemerkenswerter Glücksfall der Überlieferung, dass das Panorama des 1912 photogrammetrisch dokumentierten Gletschers in herausragender Fotoqualität rekonstruiert werden konnte. Doch in welchem Kontext entstand die Aufnahme?
Ab Juni Zeugen vor der imposanten Eismauer
Der Uferbereich vor dem mehrstündigen Marsch zum Inlandeis war im Juni Landeplatz für das Beiboot der „Fox“. Das Gelände war vom dänischen Kapitän spontan zum Hafen mit eigener Benennung ‚Quervainhavn‘ erkoren worden. Gegen Ende des Aufenthalts der Westgruppe war das Areal Zeltplatz und Sammelplatz für alle Dinge, die zurück spediert werden sollten. Die Eile, die im Juni an den Tag gelegt worden war, um den Start auf die täglich weiter tauenden Randflächen des Inlandeises für die Ostgruppe nicht unnötig zu verzögern, hatte allerlei Liegengelassenes mit sich gebracht.

Die Vermessungen im Terrain vor und am Inlandeis ergaben – wie erwartet, aber erstmals quantifiziert – eine in der Beobachtungszeit nie versiegende Fliessbewegung des Gletschers. Zudem hörten und beobachteten die Grönlandforscher das an der Kalbungsfront ständig neu abbrechende Gletschereis hinab in den Fjord. Die Szenerie in der Landebucht der Durchquerungsexpedition wurde später vielfach wiedergegeben. Sie war Kulisse der schweizerischen Variante der Explorationskultur. Das nachträglich bemalte Vortragsdia, ausgehend von einer schwarz-weissen Aufnahme, die als Abzug dokumentiert ist, sorgte für die farbenprächtige Inszenierung an zahlreichen Vorträgen nach der Rückkehr in die Schweiz. Koloriert wurde es möglicherweise unter Beizug des folgenden Autochroms.

Die vom Gletscher ausgehenden Naturgewalten wurden unter der Leitung von Paul-Louis Mercanton wie in der Schweiz als Eisbewegung beobachtet und quantifiziert. Einer solchen Untersuchung von reinen Wassermassen wäre in einem südlich gelegenen Kolonialgebiet wohl das Vorhaben für Bändigung, Umlenkung oder Ausbeutung der Energieressource gefolgt. Dazu rieten die glaziologischen Experten 1912 in Grönland angesichts der eisigen Power nicht, denn das lag weit ausserhalb des technisch Vorstellbaren. Es war im Kontext der dänisch-staatlichen Machtausübung auch nicht angezeigt. Erst an verwertbaren Gewinnen konnte die dänische Kolonialverwaltung interessiert sein. Unabhängig davon waren Kartografieren, Fotografieren und Quantifizieren die Grundlage für jegliche staatlichen Eingriffe.
Herausforderung Gesamtaufnahme
Das Panoramabild, das zeitgenössisch erstellt und zusammengefügt wurde, um den Zustand des Auslassgletschers im August 1912 zu zeigen, konnte dank dem Erhalt aller Bilder erneut rekonstruiert werden. Es präsentiert die Situation aus etwas erhöhter Position, eine Sicht über den Fjord auf eine wahrhaft riesige Akkumulation von Eis, die in Dimension und Farbgewalt von den Europäern als fremdartige Arktis typisiert und gleichzeitig mit wissenschaftlich-technischen Mitteln eingefangen wurde.
Am 18./19. August 1912 erstellte Paul-Louis Mercanton die fünf zugrundeliegenden Teilbilder. Dazu belichtete er in photogrammetrischem Verfahren an einem Punkt auf 167 m Höhe mehrere 9 x 12 cm grosse Fotoplatten, jede in passendem Blickwinkel. Im Einsatz war „eine kleine 9×12-Photogrammetriekamera von Finsterwalter-Sedlbauer“, die vom geodätischen Institut der Technischen Hochschule München stammte (Ergebnisse, 1920, S. 231). Sie zählte wie eine überraschend grosse Auswahl an Fotokameras und Negativmaterial, die in einem weiteren Blog thematisiert wurden, zur Ausrüstung des Expeditionsteams. Die später gedruckte Panoramasicht wurde 1920 auf Texttafel C in damals möglicher Qualität (1925 S. 246f.) veröffentlicht. Durch sachkundige Hand wurde diese Gesamtansicht im Bildarchiv der ETH Zürich erneut rekonstruiert und ist nun sowohl als unbearbeitetes Bild als auch als digital nachbearbeitete Variante auf der Plattform e-Pics zu finden.

Über die topographische Vermessungsarbeit geben die Tafel-Beilagen der wissenschaftlichen Publikation einen Eindruck. Es musste offenbar eine genügend kleine Karte hergestellt werden. An bereits oben erwähnter Stelle führte Paul-Louis Mercanton deshalb an, welche weiteren Kartenblätter gezeichnet wurden und der Forschung zur Verfügung standen. Diese waren jedoch zu gross für den Druck.
Stichproben zum Bewegungsverhalten an der Gletscherfront
Sonstige Messungen fanden ebenfalls den Weg auf die Tafel-Beilage des Drucks. Anhand von auffälligen Gletschertürmen nahe der Abbruchkante wurden über eine gewisse Zeit Lokalisierungen mit einem Theodolit von Tesdorff durchgeführt. Dieses Instrument war der Expeditionsgruppe vom geodätischen Institut der ETH ausgeliehen worden. Damit konnte die Feldarbeit auf wenigstens punktuelle Aussagen zum Eisvorschub hoffen. Es waren die allerersten Messungen an der Kalbungsfront des Eqi-Gletschers überhaupt (Ergebnisse, 1920, S. 274ff.). Am Punkt ‚Belle Tour‘ – auf der Karte mit B.T. bezeichnet – konnte Paul-Louis Mercanton schliesslich von 7. bis 17. August 1912 eine horizontale Verschiebung von durchschnittlich 2 m pro Tag feststellen. Dies ist im Vergleich zum 21. Jahrhundert wenig, scheint aber eine verlässliche Angabe zu sein. 2016 belief sich der tägliche Wert auf 16 m.

Auch weitere Bereiche am Ufer bei Quervainhavn, die Bucht Eke sowie die Hügellandschaft des Nunap Kigdlinga und die Route zum Basislager der Durchquerung waren im Verlauf des Aufenthalts vermessen worden und sind in der Tafel-Beilage eingezeichnet.
Gemeinschaftswerk eines Sommers
Die vielen Abschlussarbeiten bewerkstelligten die Schweizer Forscher so erfolgreich dank zahlreicher Trägerdienste von Inuit. Namentlich genannt werden als Koordinator der Träger von Ataa „der alte Christiansen“ und als Hilfe für den Transport wohl allen Zubehörs für die letzte Messung am Inlandeisrand Immanuel. Parallel zur Aufräumaktion und zu den Nachmessungen am Inlandeisrand und an der Gletscherfront wurde das Gebiet fotografisch dokumentiert. Dabei wurde noch das Hinterland des Landeplatzes über der Bucht erkundet. Während dieser Rekognoszierung stiess Wilhelm Jost auf ein einzelnes Grab. Hinweise auf eine ehemalige Wohnstätte fanden sich laut der Berichterstattung in der wissenschaftlichen Publikation jedoch keine (Ergebnisse, 1920, S. 304f.). In üblicher Weise wurde für die Bilder schwarz-weiss gearbeitet und zusätzlich auf Autochrom-Platten belichtet. Paul-Louis Mercanton erörterte in seinem Kapitel „Sommererlebnisse“ die relativ schwierigen Wetter- und Sichtverhältnisse. „Sehr auffallend war der Himmel der Sommer über. Ein feiner weisslicher Schleier, wie von Zirren gebildet, hatte das Blau verhüllt und die Sonnenstrahlen gedämpft“.

Abhol-Dienst
Für die Rückreise waren die Schweizer Grönlandreisenden auf das örtliche Transportangebot angewiesen. Das „Walfischboot des Pfarrers von Jakobshavn“ und das Umiak von Ataa standen ihnen zur Verfügung. Offenbar war auch alles für die Besetzung einer Ruderequipe geklärt. Gut verteilt wurden die Schlitten, Transportkisten und weiteres Material geladen. Das kleine Boot Ella aus dem Besitz der Schweizer Grönlandexpedition, das leck war, wurde dem Walfischboot angehängt. Darin sass ein Inuk, der das Ausschöpfen während der Fahrt besorgte. Das Umiak führte die wohl wegen des Rudereinsatzes an Bord nicht benützten Kajaks mit. Die Abfahrt fiel auf den Abend, laut Mercanton’s Angaben dem blau-grauen Gletscher entlang, „in der Dämmerung der kommenden Polarnacht“ (Mercanton, Sommererlebnisse S. 166f.). Irgendwann zu Beginn der Strecke wechselte Paul-Louis Mercanton ins Kajak. Er fuhr in dieser Nacht „19 km ohne Anhalten“.
Mercanton’s Armada
Die bunte Mischung der Wasserfahrzeuge bezeichnete Mercanton launig als „unüberwindliche Armada“. Auch in einer anschliessenden Formulierung benützte er militärische Begriffe, um die „Flotte“ samt „Hilfskreuzer“ zu beschreiben. Dadurch, dass er Gaba in seinem Kajak sprachlich einen Auftritt verschaffte, in dem dieser als „Hilfskreuzer, aber unbepanzert an unserer Seite zwischen den Eisbergen manövriert“, kommt es aus heutiger Sicht zu einem irritierenden Gegensatz. Der im Kajak in herkömmlicher Weise durchfahrene Fjord als ernährende Lebensgrundlage wird umgedeutet. Die Gruppe bewegt sich in Mercantons geistigem Bild auf einem Meer der Eroberungen. Abschliessend heisst es zu Gaba: „Er passt auf Seehunde auf und holt die Möwen, die wir mit unseren letzten Patronen erlegen“. Das evozierte Bild zählte hier einerseits alle zum selben ‚Kampfverband‘, wies aber in seiner Fortführung dem Inuk trotz ausgewiesener Fähigkeiten vor allem eine assistierende Rolle zu. Erst bei Ankunft in Ataa kehrte sich das Bild kurzfristig ins Gegenteil. „Gaba, stolz auf seinen Zögling [i.e. Mercanton], weckt die Kolonie mit einem Flintenschuss. … Eine Stunde später langt auch die Flotte an.“
Europäische Imperien eroberten ihre Territorien über die Wasserwege. Sie kontrollierten die Gewässer, um Herrschaft zu festigen. Auch wenn wohl mit Augenzwinkern auf kleine Unzulänglichkeiten der Vehikel des Transfers verwiesen werden sollte, sind doch die dabei gesetzten Bezüge vielsagend.

Dank eigenem, für die Abfahrt individuell bereitgehaltenem Kajak war es Mercanton möglich, Bilder der Reisegruppe aufzunehmen. Ob die baldige Rückkehr und die Aussicht auf das Biwakieren bei gutem Wetter zwischen Ataa und Oqaatsut ihn noch einmal zum Einsatz seiner gesamten Fotoausrüstung animierten? Jedenfalls wurde „Heimkehr im Umiak“ (nur als Abzug überliefert, abgedruckt in der Schilderung der „Sommererlebnisse“ S. 167) mit der kompakten, speziellen Kamera namens Telephot, dem ‚System Vautier-Dufour und Schaer‘ für extreme Teleaufnahmen, erstellt. An einer Landestelle in freier Natur wählte er dagegen die Technik der Aufnahme von zwei Teilbildern.
Reise der Brucheisblöcke
Geübt im Erstellen von Panoramen sorgte Mercanton mit seinem Vorgehen dafür, dass die Aussicht auf Wasser und Eis im Ikerasak gut zur Geltung kam. Der hier vorliegende Rundblick dürfte das erste Mal montiert worden sein und findet sich in beiden, bereits beschriebenen Varianten auf der Plattform von e-Pics.

Paul-Louis Mercanton begleitete die Rückreise bis Ilulissat relativ ausführlich mit der Kamera. Auch sein kurzer Aufenthalt auf Qeqertarsuaq und der Halt in Nuuk dokumentierte er mit Bildern.
Über Nacht in Oqaatsut
In Oqaatsut langte Mercanton zusammen mit der restlichen Crew an. Die kleine Siedlung rund 15 km nördlich von Ilulissat war der letzte Zwischenhalt, bevor sich die Wege der Forscher trennten. Die Ära des Zeltlebens, der Vermessung der Gletscherbewegung am Inlandeisrand und des Tourens entlang der Eisschluchten des Eqip Sermia war für die Westgruppe definitiv abgeschlossen. Für Einzelheiten dazu sei auf einen vorausgehenden Blog verwiesen.
Paul-Louis Mercanton fuhr mit den bestmöglichen Schiffsverbindungen Richtung Europa und Wilhelm Jost und August Stolberg bereiteten sich auf ihre Überwinterung auf Qeqertarsuaq vor, wo sie die meteorologischen Beobachtungen weiterführten.
Aus dem Buch „Quer durchs Grönlandeis“ erfahren wir, dass die Expeditionsmitglieder in Oqaatsut von Niels Rosbach empfangen wurden. Da Rosbach als 68jähriger Mann beschrieben wird, dürfte es sich auf dem Bild bei der Gestalt, die in die Bucht hinaus das Geschehen verfolgt, um Rosbach handeln. Als äusserst erfolgreicher Fänger war er eine Autorität – an Land in seiner Wohngemeinde, aber zweifelsohne noch mehr auf dem Element Wasser, dessen Wahrnehmung und Bewertung gerade vor dem Hintergrund imperialer Expansion näher zu betrachten sich auch für die grönländische Geschichte lohnen könnte.

Weiterführende Literatur
Ergebnisse der Schweizerischen Grönlandexpedition 1912-1913, u.a. red. A. de Quervain & P.-L. Mercanton, Basel 1920 (Neue Denkschriften der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft, Bd. 53).
Karte über die vom Grönländischen Ortsnamenausschuss offiziell anerkannten Ortsnamen, verfügbar auf Nunat Aqqi.
Mercanton, Paul-Louis, Sommererlebnisse der Westgruppe, in: Quervain, Alfred de; Mercanton, Paul-Louis, Stolberg, August, Quer durchs Grönlandeis, S. 140-170. Das Kapitel ist in der Wiederauflage durch Quervain, Marcel de, Haffner, Peter, Quer durchs Grönlandeis, im NZZ Verlag 1998 nicht enthalten.
Pfäffli, Lea, Arktisches Wissen, Schweizer Expeditionen und dänischer Kolonialhandel in Grönland (1908-1913), Frankfurt am Main 2021.
Quervain, Alfred de, Mercanton, Paul-Louis, Stolberg, August, Quer durchs Grönlandeis. Die schweizerische Grönlandexpedition 1912/13, Basel 1914.
Résultats scientiques de l’expedition suisse au Groenland 1912-13, u.a. red. P.-L. Mercanton, Kopenhagen 1925 (Meddelser Bd. LIX).
Ross, Corey, Liquid Empire, Water and Power in the Colonial World, Oxford 2024.