Wer einen Blick auf frühe geologische Karten der Schweiz wirft, blickt damit auch auf die Geburtsstunde der modernen Alpengeologie. Ein interessantes Werk ist dabei die geologische Karte der Stockhornkette von 1827, erstellt vom Berner Geologen Bernhard Studer. Dieser bereicherte die wachsende geologische Terminologie auch gleich noch mit Simmentaler Dialekt.
Die Karte Partie de la chaîne du Mt. Stockhorn entre le Simmenthal et les frontières du Canton de Frybourg [1827] gehört zu den Werken, welche wie bspw. auch die erste geologische Karte Basels von Peter Merian (1795-1883) die Grundlage für eine systematische Erfassung der Geologie in der Schweiz legte, und dann in der Geologischen Karte der Schweiz 1:100 000 (1864-1887) (u.a. unter der Leitung von Bernhard Studer und Arnold Escher von der Lindt) mündete.
Abbildung 1: «Partie de la chaîne du Mt. Stockhorn entre le Simmenthal».
Bernhard Studer (1794-1887) war zuerst Theologe und Mathematiklehrer, bevor er sich der Geologie verschrieb und 1834 der erste ordentliche Professor für Geologie an der Universität Bern wurde. Doch schon in den 1820er Jahren durchstreifte Studer das Simmental und interessierte sich für die Gesteinsformationen. In seinem Begleittext zur Karte – verfasst in Form eines Briefes an den französischen Naturforscher Alexandre Brongniart, der zusammen mit der Karte 1827 in den Annales des sciences naturelles erschien – schildert Studer die aufgeworfenen und teils vertikal stehenden Schichten aus Kalkstein, Gips und rotem Schiefer. Er bemerkte bei seinen Wanderungen auch, dass die Schichten oft fast vertikal abfallen und an mehreren Stellen gewölbt („en voûtes“), verdreht („contournées“) oder im Zickzack gefaltet („plissées en zigzag“) waren. Er ahnte bereits die gewaltigen tektonischen Kräfte, die hier am Werk waren, und vermutete, dass diese Faltungen durch den extremen Druck benachbarter Gesteinsmassen entstanden sein mussten.
Beim Lesen von Studers Text stösst man dann auf einen etwas speziellen Begriff. Studer beschreibt eine komplexe Formation aus dunklen, mergeligen Schiefern und harten Sandsteinen, die oft die Täler zwischen den Kalkketten füllt. Er schreibt:
« […] Les formations supérieures ou adossées au calcaire à silex du côté méridional de la chaîne sont 1°. un calcaire argileux schisteux, rouge ou gris-verdâtre, qui paraît être le même que celui que nous avons déjà remarqué entre le Langel et la Kaiseregg, excepté qu’à l’ordinaire il est assez tendre et très-destructible ; 2°. une formation schisteuse, que j’appellerai la formation du Flysch, d’après le nom usité dans le pays. » (Studer 1827, S. 253)
Studer entlehnte den Begriff «Flysch» dem lokalen Simmentaler Dialekt. Die Einheimischen bezeichneten damit das brüchige, schiefrige, zu Erdrutschen neigende Gestein. Der Begriff schien Studer so passend, dass er ihn unverändert aufnahm. Durch Studers geologische Karte und Publikation im Jahr 1827 wurde «Flysch» damit erstmals in die wissenschaftliche Begriffswelt eingeführt. Heute ist «Flysch» ein weltweit etablierter Fachbegriff für marines Sedimentgestein. Die vorliegende Karte ist somit eine Art «Geburtsurkunde» dieses geologischen Begriffs.
Abb. 2: Flysch als Teil der Kartenlegende (Nr. 5) und im Kartenbild
Studer prägte also die geologischen Untersuchungen in der Schweiz und gehörte zum «berühmten Geologen-Dreigestirn Bernhard Studer – Arnold Escher von der Linth – Peter Merian» (Heitzmann 2008, S. 30). Als 1860 die Geologische Kommission der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft ins Leben gerufen wurde, übernahm Studer das Präsidium. Escher und Merian sassen im Ausschuss. So legten alle drei das Fundament für die flächendeckende geologische Erfassung des Landes.
Literatur
- Heitzmann, Peter (2008): Die ersten geologischen Karten der Schweiz 1752-1853, in: Cartographica Helvetica 38, S. 21 – 36. https://dx.doi.org/10.5169/seals-17147
- Studer, Bernhard (1827): Notice géognostique sur quelques parties de la chaîne du Stockhorn, et sur la houille du Simmenthal, canton de Berne. Extrait d’une lettre à A. Brongniart, in : Annales des sciences naturelles 11, S. 249 – 265. https://www.biodiversitylibrary.org/page/2407406

