Was leisten Archive für eine demokratische Gesellschaft? Wie tragen sie zu gerechteren Gesellschaften bei? Und wann können Archive Unrecht anrichten?
«Archives for Justice: Rights, Memory & Futures» lautet das diesjährige Thema der International Archives Week (IAW) vom 8. bis 12. Juni und stellt diese Fragen zur Diskussion.[1] Das Thema ist aus einer globalen Befragung der Archivcommunity hervorgegangen und soll zum Reflektieren und Austauschen anregen sowie für die sozialen Funktionen von Archiven sensibilisieren. Dies geschieht im Rahmen von Veranstaltungen und Webinaren, die über die gesamte Woche on- und offline stattfinden.
Organisiert wird die IAW vom 1948 gegründeten «International Council on Archives» (ICA), der sich zum Ziel gesetzt hat, sich weltweit für die Anliegen und Entwicklung von Archiven einzusetzen. Daher fokussiert er verständlicherweise auf die demokratiefördernden Funktionen von Archiven: Sie ermöglichen Rechenschaftsfähigkeit, sie dokumentieren Entscheidungen und Verwaltungs- wie privates Handeln. Ebenso können Archive aber Orte der Macht sein, können Zugriffe restringieren und über (Un-)Sichtbarkeiten entscheiden.
Gesichter der Erinnerung
Das Projekt «Gesichter der Erinnerung» knüpft hier an und macht in der Gesellschaft sichtbar, was lange ignoriert und verdeckt wurde: Menschen, die in der Schweiz von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen betroffen waren.[2] Im 20. Jahrhundert wiesen Kantone Menschen, deren Lebensweise als «unsittlich» oder «vagierend» bezeichnet wurde, zwangsweise in Anstalten ein, nahmen ihnen die Kinder weg oder drängten sie zu Sterilisationen und Kastrationen. Betroffen von den administrativen Versorgungen waren in der Schweiz schätzungsweise mehrere Zehntausend, möglicherweise jedoch bis zu 200’000 Personen.[3] Sichtbar wird so ein Staat, der sich das Recht nahm, Familien zu «verwalten». Nun sprechen 32 Betroffene, erzählen in Oral History-Interviews von ihren Erfahrungen, von den Folgen, vom Schweigen und vom Mut, den es braucht, um den Erinnerungen Raum zu geben.
Konzipiert und mitentwickelt haben die multimediale Onlineplattform unter anderem die Historikerin Loretta Seglias und die Betroffenen MarieLies Birchler und Mario Delfino. Die Plattform bietet dank ausgesuchter Sequenzen aus den Interviews und weiterführender Informationen einen breiten Zugang zu diesem dunklen Kapitel Schweizer Sozialgeschichte. Die Videointerviews in ihrer vollen Länge sowie weitere dazugehörige Unterlagen konnte das Archiv für Zeitgeschichte in den Jahren 2023 und 2024 übernehmen.[4]

und Fremdplatzierungen Platz nahmen, um ihre Geschichte zu erzählen.
Durch die Zeitzeugnisse entsteht das Bild eines beinahe undurchdringbaren Labyrinths von staatlichen Stellen, privaten und kirchlichen Organisationen sowie einer unübersichtlichen Gesetzeslandschaft, gegen die ein Ankommen zäh, wenn nicht unmöglich, war. Betroffene wurden ungenügend geschützt und oft nicht über ihre Rechte, sondern lediglich über behördliche Entscheidungen informiert. Diese stützten sich auf Akten. Akten die zirkulierten, ergänzt wurden, und immer wieder folgenschwere Wirkungsmacht entfalteten. Einsicht in das Geschriebene erhielten die Beschriebenen erst vor wenigen Jahren. Ein Eingreifen in das Aktenleben, das zwischen den Vormundschaftsbehörden, den Instituten und Gemeinden geführt wurde, war somit kaum möglich. Zuschreibungen wie «schwer erziehbar» oder «sittlich verdorben» blieben haften und ebneten den Weg für weitere Zwangsmassnahmen.
Erzählen und Schweigen
Die Quellensprache bewegt, die Betroffenen erzählen in den Interviews frei, die Interviewführung ist zurückhaltend. Davon, wie schwierig das Sprechen über das Erlebte Unrecht ist, zeugen die Verwendung von Pseudonymen, um das Recht auf Anonymität wahrzunehmen, und das Wissen, dass mehrere zehntausend Menschen von behördlichen Zwangsmassnahmen betroffen waren und nicht sprechen können oder wollen.
Die beschriebenen Erfahrungen geben Einsicht in den beengten Handlungsspielraum und die teils sehr schwierigen Verhältnisse in den Heimen und Pflegefamilien. Die Folgen haben sich in die Körper eingeschrieben, die Betroffenen berichten von schweren Sonnenbränden bei der Feldarbeit, von Knochendeformationen, von Wasser- und Nahrungsentzug. Und mehrheitlich Frauen berichten von sexueller Gewalt. Institutsmitarbeitende, von Leitungspersonen zu Praktikanten, übten sexuelle Gewalt aus, ohne belangt zu werden in einem praktisch straffreien Raum. Aber auch die Hierarchien unter den Heimbewohner:innen wurden oft durch gewalttätige Praktiken ausgehandelt.
Besonders berührend sind Beschreibungen von den «Highlights», die den Alltag durchbrechen. Ein Dessert am Sonntag oder ein «Käsli» an einem Mittwoch.
Es ist kein einfacher Quellenbestand und das kann er auch nicht sein. Er zeugt vom gesellschaftlichen Wegsehen. Dass es auch Menschen gab, die sich für eine Verbesserung eingesetzt haben, wird im Projekt «Gesichter der Erinnerung» vermittelt. Archive können dazu beitragen, dass viele und verschiedene Quellen gesichert werden, und auf die Weise zu einer multiperspektiven Forschungslandschaft Beitragen.
«Auf der Onlineplattform Gesichter der Erinnerung finden sich ausgewählte Ausschnitte aus langen Interviews, die teilweise von Betroffenen von fürsorgerisch begründeten Zwangsmassnahmen selbst geführt wurden und wissenschaftlichen Standards entsprechen. Ihre aktive Beteiligung ermöglicht ein echtes Mitsprechen bei der Erinnerungssicherung und stärkt die Selbstbestimmung über ihre eigenen Geschichten. Die vollständigen Rohdaten werden archiviert, damit diese Stimmen langfristig erhalten bleiben und für Forschung zugänglich sind.»
Loretta Seglias, Historikerin und Projekt-Ko-Leitung «Gesichter der Erinnerung
[1] International Archives Week. International Council on Archives: https://www.ica.org/international-archives-week-2026-archives-for-justice-rights-memory-futures/, Abrufdatum: 08.06.2026.
[2] Gesichter der Erinnerung. Onlineplattform: https://gesichter-der-erinnerung.ch/, Abrufdatum 11.06.2026.
[3] Guggisberg, Ernst und Dal Molin, Marco: «Zehntausende» – Zahlen zur administrativen Versorgung und zur Anstaltslandschaft, in: Veröffentlichungen der Unabhängigen Expertenkommission Administrative Versorgungen (6), 2019, S. 118.
[4] Archiv für Zeitgeschichte Online Archives. AfZ IB GdE-Archiv: https://onlinearchives.ethz.ch/archive/tree/7062ab59dd504fc7971c4f8d6739973a?page=0&pageSize=10, Abrufdatum 11.06.2026.
Weiterführende Literatur und Medien
Aliesch, Carmen: Das Waldhaus, die Eugenik und die Jenischen im 20. Jahrhundert. Eine Untersuchung des sogenannten „Sippenarchivs“ der Psychiatrischen Klinik Waldhaus, in: Jahrbuch / Historische Gesellschaft Graubünden (147), 2017, S. 101-144.
Galle, Sara: Kindswegnahmen. Das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» der Stiftung Pro Juventute im Kontext der schweizerischen Jugendfürsorge, Zürich 2016. Chronos. http://hdl.handle.net/11654/25304.
Gesichter der Erinnerung. Onlineplattform: https://gesichter-der-erinnerung.ch/, Abrufdatum 11.06.2026.
International Council on Archives: https://www.ica.org/, Abrufdatum 08.06.2026.
Neumann, Peter: «Verdingkinder». TV-Film, SRF Spuren der Zeit, 2003.
Veröffentlichungen der Unabhängigen Expertenkommission (UEK). Administrative Versorgungen: https://www.uek-administrative-versorgungen.ch/forschung/, Abrufdatum 05.06.2026.