Der Herbarbeleg der Pflanze Hevea brasiliensis, besser bekannt als Kautschukbaum, gelangte durch Margarete von Uexküll-Gyllenband, eine der ersten Botanikstudentinnen in Zürich, ins Botanische Museum der ETH. Sie sammelte ihn während einer von ihrem Professor Carl Schröter und durch Schweizer Stipendien geförderten Forschungsreise nach Niederländisch-Indien, heute Indonesien. Doch wie kam es, dass eine Frau in den Anfängen des 20. Jahrhunderts aus dem damaligen Zarenreich Russland durch die Unterstützung von Schweizer Universitäten in eine niederländische Kolonie reisen konnte, um Forschung zu betreiben?


Eine russische Studentin in Zürich
Margarete von Üxküll-Gyllenband wurde 1873 im damaligen Russischen Reich geboren. Nach ihrer Matura in Bern studierte sie 1896 an der Universität Zürich. Sie reiht sich hiermit in eine lange Reihe von russischen Studentinnen in der Schweiz ein, da es Frauen in der Schweiz seit den 1860er-Jahren erlaubt war zu studieren, während sie sich ab 1863 nicht mehr an russischen Universitäten einschreiben konnten. Obwohl Frauen am Polytechnikum zugelassen wurden, war es schwierig, eine Anstellung als Wissenschaftlerin zu erhalten. Nur der Geologe Albert Heim und der Botaniker Carl Schröter stellten in dieser Zeit Frauen ein. Im Jahr 1901 veröffentlichte Margarete von Uexküll ihre Inauguraldissertation mit dem Titel «Phylogenie der Blütenformen und der Geschlechterverteilung bei den Compositen» an der Universität Zürich, um die Doktorwürde zu erlangen. Begutachtet wurde die Arbeit von Prof. Dr. Hans Schinz (1893 Direktor des botanischen Gartens in Zürich, von 1895 bis 1929 Professor für systematische Botanik, Pflanzengeografie und Pflanzengeschichte an der Universität Zürich und Gründer des Botanischen Museums) und Professor Dr. C. Schröter (Professor für Botanik ETHZ). Anschliessend reiste sie nach Niederländisch-Indien, wo sie im Botanischen Garten von Buitenzorg (heute Bogor) arbeitete und den vorhin erwähnten Herbarbeleg sammelte. Margarete lernte während ihrer Arbeit im botanischen Garten ihren Ehemann, den Borneo-Forscher Dr. Anton W. Nieuwenhuis, kennen. Zusammen zogen sie anschliessend in die Niederlande.

Hevea brasiliensis
Der Herbarbeleg von Hevea brasiliensis wurde 1913 bestimmt. Die Pflanze stammte aus Culturetum von Buitenzorg (= Botanischer Garten von Bogor, Kebun Raya Bogor) in Java und wurde von Margarete von Üxküll-Gyllenband gesammelt. Der Beleg ist heute in den vereinigten Herbarien Zürich Z + ZT.1 Hevea brasiliensis ist der Ursprung von 99% der natürlichen Gummiproduktion. Der Gummi-Boom in Südostasien im Jahr 1910 führte zum ersten grossen Anstieg des kommerziellen Anbaus in grossem Massstab. Innerhalb eines Zeitraums von etwa vier Jahrzenten entwickelte sich die Pflanze bemerkenswert von einem wilden Dschungelbaum zu einer wichtigen domestizierten Pflanze. Das Wachstum von Plantagen in Südostasien wurde durch die schnelle Entwicklung des Transportsektors, etwa durch Eisenbahnen und Dampfschiffe, sowie durch die Eröffnung des Suezkanals begünstigt. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde Naturkautschuk zu einer der wichtigsten Plantagefrüchte. Die ersten Samen kamen in den Jahren 1876 und 1919 nach Indonesien durch den britischen Gummihändler und Naturforscher Henry Wickham. Die ersten Zuchtversuche wurden von niederländischen Arbeitern in Java und Sumatra unternommen, was zu enormen Ertragssteigerungen führte.
Der Botanische Garten von Buitenzorg und die ETH Zürich
Die Beziehung zwischen dem Botanischen Garten in Buitenzorg und dem Eidgenössischen Polytechnikum, der heutigen ETH Zürich, entwickelte sich zunächst aus engen persönlichen Kontakten, insbesondere zwischen Carl Schröter und Melchior Treub, dem Direktor des Botanischen Gartens. Aus Buitenzorg gelangten umfangreiche Materialien für Forschung, Lehre und Museen in die Schweiz, während zugleich ein intensiver Austausch von wissenschaftlichem Personal stattfand. Diese Zusammenarbeit beeinflusste auch die Forschungsschwerpunkte und die Lehrpläne an Schweizer Hochschulen.
Bereits 1882 reichten die Professoren Oswald Heer und Eduard Schär sowie die Privatdozenten Carl Schröter und Jakob Jäggi über den Schulrat eine Eingabe an den Bundesrat ein, um die Lücken in den Herbarien des Polytechnikums durch Beiträge von Schweizern im Ausland zu schliessen. Aufgrund der hohen Anforderungen an die Belege blieb dieses Vorhaben jedoch weitgehend erfolglos. Eine bedeutende Ausnahme stellte Melchior Treub dar, der der ETH eine ausserordentlich umfangreiche Sammlung überliess. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Botanische Garten in Buitenzorg dank moderner Laboratorien und Versuchsstationen zu einer wissenschaftlichen Einrichtung von internationalem Rang entwickelt.
In Buitenzorg lag der Schwerpunkt auf der angewandten Botanik, die sich auf wirtschaftlich relevante Kulturpflanzen wie Kaffee, Tee, Cinchona, Tabak, Kakao und Gummi konzentrierte. Neben staatlichen Einrichtungen betrieben auch grosse Plantagenunternehmen eigene Prüfstationen in enger Zusammenarbeit mit dem Botanischen Garten. Mit der Einrichtung eines Besucherlabors förderte Treub den kontinuierlichen Austausch zwischen tropischer und europäischer Botanik. Während die theoretische Botanik von den Bedingungen in den Tropen profitierte, blieb Buitenzorg zugleich an neue wissenschaftliche Entwicklungen in Europa angebunden. Zur weiteren Intensivierung dieses Austauschs regte Treub die Einrichtung von Buitenzorg-Stipendien auch in der Schweiz an. Mit Unterstützung Carl Schröters wurde 1904 eine Kommission der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft zur Verwaltung dieser Stipendien geschaffen.
Das Botanische Institut der ETH sowie weitere Schweizer Universitäten profitierten vielfältig von dieser Zusammenarbeit. Forschende reisten nach Buitenzorg oder arbeiteten mit dort gewonnenem Material. Insgesamt lassen sich zwischen 1900 und 1930 22 Schweizer Botaniker nachweisen, die in staatlichen Versuchsstationen oder privaten Laboren der angewandten Botanik in Niederländisch-Indien tätig waren.
Die Förderung der theoretischen Botanik erfüllte zugleich eine politische Funktion. Angesichts der Kritik am niederländischen Kolonialismus wegen Ausbeutung bot die Ideologie der zweckfreien „reinen Wissenschaft“ eine Möglichkeit zur Legitimation kolonialer Projekte. Gleichzeitig blieb die angewandte Forschung wirtschaftlich zentral: So beauftragte die AVROS Karl Heusser mit der Züchtung ertragreicherer Heveasorten, deren Erträge um ein Fünf- bis Zehnfaches gesteigert werden konnten. Davon profitierten sowohl die Plantagenwirtschaft als auch die angewandte Forschung in der Schweiz.

Auch Margarete von Uexküll-Gyllenband beschäftigte sich in Buitenzorg mit Kautschuk. Ein materieller Beleg dafür ist das Pflanzenpräparat von Hevea brasiliensis, das sie nach ihrer Promotion 1901 in Botanischen Garten auf Java gesammelt hatte. Der Beleg wurde anschliessend im Jahr 1913 beschrieben. Der Beleg ist heute in den Vereinigten Herbarien Zürich Z + ZT.1 Hevea brasiliensis ist der Ursprung von 99 Prozent der natürlichen Gummiproduktion. Der Gummi-Boom in Südostasien im Jahr 1910 führte zum ersten starken Anstieg des kommerziellen Anbaus in grossem Massstab. Innerhalb eines Zeitraums von etwa vier Jahrzenten entwickelte sich die Pflanze bemerkenswert von einem wilden Dschungelbaum zu einer wichtigen domestizierten Pflanze. Das Wachstum von Plantagen in Südostasien wurde durch die schnelle Entwicklung des Transportsektors, etwa durch Eisenbahnen und Dampfschiffe, sowie durch die Eröffnung des Suezkanals begünstigt. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde Naturkautschuk zu einer der wichtigsten Plantagenfrüchte. Die ersten Samen kamen durch den britischen Gummihändler und Naturforscher, Henry Wickham, 1876 nach Indonesien. Die ersten Zuchtversuche wurden von niederländischen Arbeitern in Java und Sumatra unternommen, was zu enormen Ertragssteigerungen führte. Die Forschung von Margarete von Uexküll war somit auch in koloniale Wirtschaftsstrukturen eingebettet.
Schweizer Forschung im niederländischen Kolonialreich
Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es einen noch nie dagewesenen Ansturm auf den malaiischen Archipel und seine Naturschätze, der vom werdenden niederländischen Kolonialstaat und naturhistorischen Institutionen in den Niederlanden indiziert wurde. Viele europäische botanische Gärten, Universitäten und andere staatliche Institutionen schickten Forscher, die die Grundlagen für die Beschreibung von Lebewesen, Naturprodukten und Erzeugnissen liefern sollten. Da die Schweiz keine eigenen Kolonien hatte, war ihr Zugang zu Materialien aus fernen Welten eingeschränkt. Darauf reagierte die Schweizer Naturforschung, indem sie sich auf die Untersuchung der Alpen fokussierte, aber auch Anschluss an die Naturforschung europäischer Kolonialmächte suchte. Viele studierten den Zusammenhang zwischen den Alpen und den Tropen. Dabei war das niederländische Kolonialreich traditionellerweise für Europäer anderer Nationen durchlässig und rekrutierte viele Schweizer Soldaten, Chirurgen und später auch Wissenschaftler.10 Die meisten dieser Wissenschaftler waren Männer, und generell war die Gesellschaft der europäischen Kolonisierer in Übersee bis zur Schwelle des 20. Jahrhunderts männlich geprägt.
Somit war Margarete von Uexküll-Gyllenabnd zwar für ihre Zeit eine Ausnahme. Ihr Fall zeigt aber zugleich, wie es einer Frau aus dem Zarenreich Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts möglich war, mit Unterstützung Schweizer Universitäten in eine niederländische Kolonie zu reisen, um dort Forschung zu betreiben. Die ETH bot Frauen zwar nur begrenzte berufliche Perspektiven, ermöglichte ihnen jedoch bereits früh den Zugang zu Studium und Forschung. Margarete von Üxküll-Gyllenband gehörte zu den ersten Studentinnen der ETH und etablierte sich durch ihre akademische Ausbildung und Promotion an der Universität Zürich als qualifizierte Botanikerin.
Entscheidend war zudem die aktive Einbindung der ETH in internationale wissenschaftliche Netzwerke. Durch die engen persönlichen und institutionellen Beziehungen zwischen Carl Schröter und dem Botanischen Garten von Buitenzorg war die ETH direkt in den kolonialen Wissensaustausch eingebunden. Die Förderung botanischer Reisen und die Unterstützung durch Schweizer Stipendien schufen konkrete Möglichkeiten für Forschungsaufenthalte in den Tropen. Innerhalb dieser Strukturen konnte Margarete von Üxküll-Gyllenband in Buitenzorg arbeiten und einen der ersten Herbarbelege von einer Frau für die ETH sammeln.
Ihre Reise war somit nicht allein Ausdruck individueller Initiative, sondern Ergebnis der wissenschaftlichen Ausrichtung der ETH und ihrer internationalen Verflechtungen. Margarete von Üxküll-Gyllenband steht exemplarisch für die begrenzten, aber realen Handlungsspielräume, die Frauen im frühen 20. Jahrhundert innerhalb akademischer und kolonialer Forschungsstrukturen offenstanden.
Dieser Text ist im Rahmen des Seminars „Koloniale Vergangenheit, verflochtene Gegenwart: Naturwissenschaftliche Sammlungen im Kontext“ von Monique Ligtenberg und Ella D. Müller an der ETH Zürich entstanden. Der Text wurde von Carmen Bortolin korrekturgelesen.
Quellen und Bibliographie
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von Uexküll-Gyllenband, Margarete: Een avontuurlijk leven rond 1900, Ginkgo 2024.
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