Raumplanung und Dichtestress anno 1945

Räumliche Verdichtung und Bevölkerungswachstum beschäftigen die Schweiz nicht erst seitdem die Schweizerische Volkspartei das Thema in ihrem Wahlkampf zum ständigen Politikum erheben und wirksam auszuschlachten versteht. Nein, die Angst vor zu vielen Menschen und zu vielen Häusern wohnt den Schweizerinnen und Schweizern spätestens seit der Industrialisierung und dem rasanten Städtewachstum des 19. Jahrhunderts inne. Besonders virulent wurde das Thema nach dem Zweiten Weltkrieg, als eine gefühlt ungebremste Bautätigkeit der Schweiz ihren Wiedererkennungswert zu nehmen drohte. Städteplaner und Geographen entwickelten Planungsinstrumente, um die Bodennutzung nach einheitlichen Kriterien zu organisieren. Der Schweizer Architekt Rolf Meyer-von Gonzenbach war einer der prägenden Figuren der schweizerischen Landesplanung der Nachkriegszeit.

Am 5. Februar 1945, als in Europa noch der Krieg tobte, hielten Meyer-von Gonzenbach sowie der spätere ETH-Titularprofessor für Städtebau Ernst Egli im Restaurant «Löwen» in Meilen einen Vortrag mit dem Titel «Was lehrt uns die Entwicklung der Dörfer und Städte?» In dieser im Hochschularchiv überlieferten Vortragsniederschrift zeichnet Meyer «Krankheitserscheinungen» der Schweizer Dörfer auf, die nach seinem Urteil die Folge von «Technisierung und Industrialisierung» sind. Er beschreibt damit die unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten von Ortschaften, von denen einige abseits grosser Verkehrswege geblieben waren und ihre bisherige Siedlungsstruktur dadurch bewahren konnten. Andere Gemeinden erfuhren einen rasanten Aufschwung durch Industrie und Eisenbahnanschluss und wuchsen schneller besonders schnell, wobei der vermeintlich «dörfliche» Charakter verloren ging.

Werkgelände der Firmen Benninger und Gebr. Bühler in Niederuzwil SG, aufgenommen am 18.5.1964 von der Comet Photo AG. Uzwil wird von Meyer-von Gonzenbach als Beispiel für überstürztes Wachstum. ETH-Bildarchiv, Com_F64-02186.tif, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000262659.

Meyer-von Gonzenbach sieht die Ursachen dieses Umstandes in der «unzureichenden Beherrschung der Begleiterscheinungen der Industrialisierung». Dabei dient neben der Entwicklung im positiven Sinn auch der Krieg als Beweis, dass der Mensch nicht mehr wisse, wie die Technik zum Wohl der ganzen Menschheit zu gebrauchen sei. Es geht im Kern also um Goethes Zauberlehrling, der mit «Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los» den Umstand beschreibt, dass nicht-intendierte Folgen einer Entwicklung wie der Industrialisierung eine Eigendynamik entwickeln, die nicht vorhersehbar sind. Hinzu kommt die vermehrte Spekulation mit Boden. Meyer moniert, dass früher Boden für den eigenen Bedarf genutzt worden sei, heute dieser jedoch als Handels- und Spekulationsware für fremden Bedarf diene. Expropriierte Landbesitzer, die Grossprojekten wie aufzustauenden Seen weichen mussten, sind die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite gab es auch die Landwirte im Mittelland, die beim Autobahnbau ihr Land mit barem Gold aufwiegen konnten, wenn sie sich für den Verkauf entschieden.

«Geschmacklosigkeit im Ortsbild» ist für Meyer-von Gonzenbach denn auch eine Folge der vielen vorherrschenden Architekturstile, von denen keiner lange genug massgeblich war, um eine einheitliche Ortsbildgestaltung zu ermöglichen. Es herrsche ein rücksichtsloser Individualismus, so Meyer, auf Seiten der Architekten, aber auch seitens der Bauherren und Eigentümer. Die Rücksicht auf die Gemeinschaft nehme ab. Derartige Lamenti hört man auch 30 Jahre später und noch heute immer wieder. Es scheint, als sei der Zerfall eine Konstante.

Remigen AG bei Brugg, aufgenommen von der Photoramacolor AG am 4.10.1989. Das Dorf am Fuss des Geissbergs wurde um seine ursprüngliche Form erweitert. Neubaugebiete sind aufgrund der Architektur klar erkennbar. ETH-Bildarchiv, AIC_02-0E-153240-004.tif, http://doi.org/10.3932/ethz-a-001329678.

Meyers Beobachtungen sollten sich in den folgenden Jahrzehnten noch intensiver bestätigen. Die Periode des Wirtschaftswunders bis Mitte der 1970er-Jahre prägte in der Schweiz eine beispiellose Bautätigkeit, dessen Folgen, graue Wohntürme, Spannbetonbrücken für Autobahnen, inzwischen marode Regionalspitalbauten, noch heute beispielhaft für die Landschaften des Mittellandes sind. Als oberster Raumplaner des Kantons Zürich von 1967-1975 setzte Meyer von Gonzenbach Massstäbe für die Verankerung von Regional- und Ortsplanung in der Baupolitik.

Graltshausen bei Berg TG, aufgenommen von Werner Friedli am 17.8.1964. Der Obstbau wurde inzwischen von Acker- und Viehwirtschaft verdrängt, der dörfliche Charakter hat sich aber bis heute bewahrt. ETH-Bildarchiv, LBS_H1-025487.tif,
http://doi.org/10.3932/ethz-a-000702660
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Was ist die Lösung? Meyer-von Gonzenbach plädiert für eine helvetische Kompromissbereitschaft. Strassen müssten so geplant werden, dass landwirtschaftliche Flächen nicht zerschnitten würden. Die unterschiedlichen Nutzungen, das heisst wohnen, arbeiten, bebauen, erholen, produzieren, sollten klar getrennt sein. Regional- und Ortsplanungsinstrumente schoben ab den 1970er-Jahren diesem Wildwuchs in der Baupolitik einen Riegel vor. Heute sehen wir die Folgen dieser Einzonungsentscheide: Das Bauland ist in vielen Gemeinden so gut wie aufgebraucht, dafür konnte die ungebremste Zersiedelung verlangsamt werden.

Das Hochschularchiv archiviert diverse Dokumente aus dem Nachlass von Rolf Meyer-von Gonzenbach, unter anderem Korrespondenz sowie zahlreiche Schriften und Publikationen. Die handschriftliche Vortragsskript zum Thema „Was lehrt uns die Entwicklung der Dörfer und Städte?“ findet sich unter Hs 1412:33.

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