Carl Hartwich, der Peyote und die Assimilierung der indigenen Bevölkerung in Amerika

Photo by: Manuel Diaz from East Coast Camanchaca

Auf dem ETH Campus Hönggerberg befindet sich im HCI-Gebäude die Pharmakognostische Sammlung, deren Exponate aus dem Nachlass des ehemaligen Professors des Eidgenössischen Polytechnikums, Carl Gottfried Hartwich, stammen[1]. Hartwich, der 1851 in Tangermünde, Deutschland, geboren wurde, begann seine berufliche Karriere in der Apotheke seines Vaters, wo er seine Berufslehre als Apotheker absolvierte[2]. Danach studierte er in Berlin Botanik, Chemie und Pharmazie und übernahm die Apotheke seines Vaters. Diese verkaufte er 1891 und erhielt 1892 seine Professur am Eidgenössischen Polytechnikum.

Schon während seiner Zeit als Apotheker in Tangermünden beschäftigte sich Hartwich mit wissenschaftlichen Arbeiten über die Pharmakognosie, doch er konnte auch seine Vorliebe für anthropologische Wissenschaft ausführen und nahm zum Beispiel an Ausgrabungen. So ist es nicht verwunderlich, dass eines seiner bekanntesten Werke, «Die menschlichen Genussmittel, ihre Herkunft, Verbreitung, Geschichte, Anwendung, Bestandteile und Wirkung», sich genau mit der Schnittstelle der Pharmakognosie und Anthropologie beschäftigt. In diesem Buch schreibt Hartwich über eine ganze Reihe verschiedener Genussmittel der ganzen Welt, viele davon werden auch in der Pharmakognostischen Sammlung thematisiert. Eines der Genussmittel, das nur im Buch, jedoch nicht in der Sammlungsausstellung erwähnt wird, ist der Peyote. Die Beschreibung Hartwichs über den Peyote-Konsum der indigenen Bevölkerung in Amerika offenbart bei genauem Hinschauen kleine Stücke einer viel grösseren Geschichte, die eng mit der gezwungenen Assimilierung der indigenen Bevölkerung sowie der geplanten Zerstörung ihrer Kultur zusammenhängt.

Der Peyote (oder Peyotl, dargestellt in Bild 1)[3] ist ein kleiner, dornenloser Kaktus, der in den südlichen USA und in weiten Teilen Mexikos gefunden werden kann und das psychoaktive Alkaloid «Meskalin» enthält. Die Taxonomie dieser Pflanze ist nicht ganz einfach nachzuvollziehen und noch heute gibt es Uneinigkeiten über die korrekte Artbezeichnung[4]. Hartwich bezeichnet die Pflanze als Anhalonium Lewinii Hennings, vermerkt jedoch schon im Buch, dass die Gattung mit Echinocactus vereinigt wurde[5]. Heute ist aber der allgemein gültige Name Lophophora Williamsii im Gebrauch.

Hartwich beginnt sein Kapitel über Peyote mit einer allgemeinen Beschreibung dieses Kaktus sowie einer Erklärung der Namensherkunft und den unterschiedlichen Namen, die er in den verschiedenen «Stämmen» hat. Er fokussiert sich danach auf die Art und Weise, wie der Peyote konsumiert wird, und erklärt, dass der Kaktus oftmals getrocknet wird. Die getrockneten Stücke, genannt «Mescal Buttons» (Bild 2)[6], werden dann entweder direkt gegessen oder verrieben und Getränken beigemischt. Weiter thematisiert Hartwich den Rausch, den der Konsum der Buttons auslöst, und bezieht sich dabei hauptsächlich auf einen Selbstversuch vom deutschen Pharmakologen Arthur Heffter. Zum Ende des Kapitels geht Hartwich noch auf die genauen chemischen Inhaltsstoffe ein, die dem Peyote die berauschenden Eigenschaften geben.

Hartwichs Text konstruiert mit der Sprache, die er braucht, eine Abgrenzung zwischen dem europäischen Zielpublikum seines Buchs und den indigenen Gemeinschaften in Amerika, die den Peyote konsumieren. Die steril angewandte wissenschaftliche Sprache versetzt die indigenen Amerikaner in die Position des zu erforschenden Objekts und nicht auf eine gleichgestellte Ebene. Diese hierarchische Struktur wird schnell deutlich, wenn man sich darauf achtet, welche Quellen Hartwich benutzt, denn Hartwich hat keinerlei eigene Erfahrungen mit dem Konsum von Peyote, sondern stützt sich ausschliesslich auf andere Quellen. Die Informationen im Buch stammen von Erzählungen, Erfahrungsberichten und Forschungsarbeiten von weissen Männern, wie beispielsweise das Selbstexperiment mit Peyote von Arthur Heffter oder den Text «The Mescal plant and ceremony» von James Mooney, wobei nie direkte Quellen von der indigenen Bevölkerung selbst genannt werden. Hartwich erwähnt spezifisch, wie wichtig die Informationen von medizinisch gebildeten Männern sind, obwohl diese keine Experten im Konsum von Peyote sind:

«Von besonderem Interesse müssen die Angaben von medizinisch gebildeten Männer über die Erscheinungen sein, die sie an sich selbst beobachtet haben, wenn schon wir, wie ich schon andeutete, annehmen dürfen, dass diese Erscheinungen nur ein geringeres Stadium darstellen und dass sie bei stärkerem Verbrauch wohl noch gesteigert worden wären.»[7]

Hartwich fokussiert sich hauptsächlich auf den Konsum, den Rausch und die Wirkung des Konsums sowie auf die chemischen Ursprünge des Rauschs und erwähnt dabei nur an zwei Textstellen, dass der Peyote-Konsum eine Rolle im religiösen Leben der indigenen Bevölkerung spielt:

«Sehr bemerkenswert ist, dass wir vom Peyotl recht deutliche Nachrichten haben, welche zeigen, dass er eine Rolle im religiösen Leben der indianer spielte.»[8]

«Auch die Festlichkeiten, bei denen noch heute der Genuss von Peyotl als wesentlicher Bestandteil erscheint, haben religiösen Charakter und sind offenbar Ausläufer der alten Gebräuche.»[9]

Der Text von Mooney, den Hartwich mehrere Male zitiert, verweist auf die religiöse Bedeutung des Peyote für die indigene Bevölkerung[10], doch Hartwich scheint dies nicht als relevant zu empfinden. Für die Geschichte der indigenen Bevölkerung in Amerika ist das Verhältnis zwischen Peyote-Konsum und Religion jedoch unabdingbar[11].

Ende des 19. Jahrhunderts nahmen die Massnahmen für die gezwungene Assimilation der indigenen Bevölkerung stark zu. Dies ist unter anderem dem Korporal Richard Henry Pratt zu verdanken, der in seinem Dienst die Verantwortung über mehrere indigene Gefangene bekam. Er zwang die Gefangenen Englisch zu sprechen und unterband jegliches Ausleben ihrer Kultur. Er sah die Anpassung der indigenen Gefangen an die westlichen Bräuche und Gesellschaft als einen grossen Erfolg[12],[13] und entwickelte aufgrund dieser Erfahrung eine neue Assimilierungs-Strategie nach dem Prinzip «Kill the Indian in him, save the man». Viele Kinder wurden daraufhin in sogenannte Residential Schools geschickt, in denen sie ihre Sprache, Kultur und sogar ihre indigenen Namen aufgeben mussten und dann unter militärisch geprägtem Alltag lebten[14]. In dieser Zeit verbreitete sich der Peyote-Konsum als Form von spirituellem Widerstand, an dem viele indigene Menschen festhielten, um wenigstens einen kleinen Teil ihrer Kultur vor dem Ethnozid zu bewahren. Der Peyote-Konsum verbreitete sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts rapide[15] und vereinte die spirituelle Kultur verschiedener indigener Gemeinschaften. Der Regierung war das ein Dorn im Auge und sie verbot den Peyote-Handel sowie das Durchführen von Peyote-Sitzungen. Im Jahre 1918 wurde beinahe ein nationales Verbot des Peyote-Konsums berufen, das von verschiedenen Lagern unterstützt wurde, unter anderem auch von der Indian Rights Association

Diese Organisationen sahen den Peyote-Konsum als Krankheit, vor der man die indigene Bevölkerung schützen müsste. Interessanterweise scheint Hartwich eine ähnliche Haltung gehabt zu haben, so schreibt er in seinem Buch:

« [. . .] und zwar sind es hauptsächlich die Indianer, die dem Genusse ergeben sind.»

Um die Peyote-Religion zu erhalten, wurde noch im selben Jahr von mehreren indigenen Gemeinschaften die Native American Church (NAC) gegründet. Diese vereinte indigene Glaubensformen mit vielen Elementen aus dem Christentum, wodurch die Akzeptanz der christlich geprägten US-Regierung wuchs. Der Konsum des Peyote-Kaktus fiel somit unter das First Amendment und war dadurch geschützt, jedoch nur in den drei Bundesstaaten, in denen der Besitz von Peyote nicht einem Kriminaldelikt entsprach. Der Schutz des First Amendment war jedoch nicht sehr weitreichend und erst seit 1994 mit dem American Indian Religious Freedom Act Amendments sind die Angehörigen der NAC komplett vom nationalen Verbot des Peyote-Konsums ausgenommen.

Hartwich beendet sein Kapitel über Peyote mit folgenden Worten:

«Die von Weir Mitchell und Ellis ausgesprochene Erwartung, dass Anhalonium Lewinii (Peyote) sich auch unter kultivierten Völkern Freunde als Berauschungsmittel erwerben werde, ist bisher nicht in Erfüllung gegangen und wird es wohl auch nicht tun, da die nebenerscheinungen nicht zum Genuss einladen. Zu wünschen wäre es auch nicht, denn an Berauschungsmitteln genügt das Vorhandene.»[16]

Diese Aussage ist von erstaunlicher Ironie, denn eine der grössten Bedrohungen für den religiösen Nutzen der Pflanze für Mitglieder der NAC heutzutage ist die zunehmende Knappheit an Peyote-Pflanzen aufgrund von Lebensraumverlusten und steigendem Interesse am Peyote-Rausch der westlichen Welt. In den letzten Jahren gab es immer wieder Versuche, Pflanzen mit psychoaktiven Substanzen, darunter auch der Peyote, zu entkriminalisieren. Die NAC ist eine grosse Gegnerin dieser Bewegung und vertritt die Meinung, dass der Besitz und Konsum von Peyote mit Ausnahme für Mitglieder der NAC weiterhin verboten sein sollte. Hartwichs Kapitel über den Peyote gibt einen kleinen Einblick in eine komplexe Geschichte der Kultur der indigenen Bevölkerung in Amerika, die mit systematischer Unterdrückung und gezwungener Assimilation eng verbunden ist. Der Peyote war dabei ein zentrales Thema, das von der US-Regierung wiederholt benutzt wurde, um die Identität der indigenen Bevölkerung zu unterdrücken. Jedoch konnte die Kultur rund um den Peyote nicht zerstört werden und so entstand aus dieser Unterdrückung die NAC, welche die Peyote-Religion mit dem westlichen Christentum verbindet.

Dieser Text ist im Rahmen des Seminars „Koloniale Vergangenheit, verflochtene Gegenwart: Naturwissenschaftliche Sammlungen im Kontext“ von Monique Ligtenberg und Ella D. Müller an der ETH Zürich entstanden. Der Text wurde von Carmen Bortolin korrekturgelesen.


[1] Otto Sticher. „Hartwich, Carl“ in Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 28.08.2006. Accessed: 2025-01-26. 2008. url: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/028846/2006-08-28/.

[2] Berend Strahlmann. „Hartwich, Carl Gottfried Eugen Victor“. In: Neue Deutsche Biographie 8 (1969[2]), S. 9–10 [Online-Version]. Accessed: 2025-01-26. 1968. url: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116503467html#ndbcontent.

[3] Paul Christoph Henning. “Eine giftige Kaktee, Anhalonium Lewinii”. In: “Gartenflora: Garten- und Blumenkunde”, 1888, S. 411.

[4] Joel Calvo and Guillermo Benítez. “A nomenclatural review of the name Echinocactus williamsii (Lophophora williamsii): Correct author and year of publication”. In: Taxon 72.5 (Oct. 2023), S. 1093–1097. doi: 10.1002/tax.12979.

[5] Carl Hartwich. “Die menschlichen Genussmittel: ihre Herkunft, Verbreitung, Geschichte, Anwendung, Bestandteile und Wirkung”. Leipzig: Tauchnitz,1911, S. 246.

[6] Carl Hartwich. “Die menschlichen Genussmittel: ihre Herkunft, Verbreitung, Geschichte, Anwendung, Bestandteile und Wirkung”. Leipzig: Tauchnitz,1911, S. 247.

[7] Carl Hartwich. “Die menschlichen Genussmittel: ihre Herkunft, Verbreitung, Geschichte, Anwendung, Bestandteile und Wirkung”. Leipzig: Tauchnitz,1911, S. 250.

[8] Carl Hartwich. “Die menschlichen Genussmittel: ihre Herkunft, Verbreitung, Geschichte, Anwendung, Bestandteile und Wirkung”. Leipzig: Tauchnitz,1911, S. 251.

[9] Carl Hartwich. “Die menschlichen Genussmittel: ihre Herkunft, Verbreitung, Geschichte, Anwendung, Bestandteile und Wirkung”. Leipzig: Tauchnitz,1911, S. 252.

[10] James Mooney. “THE MESCAL PLANT AND CEREMONY”. In: THE THERAPEUTIC GAZETTE, 1896.

[11] Douglas Youvan. “Peyote and the Native American Church: A Sacred Medicine at the Crossroads of Tradition, Conservation, and Modern Psychedelic Culture”. 2025. doi:10.13140/RG.2.2.23661.91369.

[12] Richard Henry Pratt Papers. Accessed: 2025-02-05. url: https://beinecke.library.yale.edu/collections/highlights/richard-henry-pratt-papers.

[13] Richard Henry Pratt. “The advantages of mingling indians with whites”, Proceedings of the National Conference of Charities and Correction at the Nineteenth session held in Denver Colorado (June 1892), url: https://carlisleindian.dickinson.edu/sites/default/files/docs-resources/CIS-Resources_1892-PrattSpeech.pdf, Accessed: 2025-02-09.

[14] Becky Little. „How Boarding Schools Tried to ‘Kill the Indian’ Through Assimilation“. Accessed: 2025-01-26. 2017. url: https://www.history.com/articles/how- boarding-schools- tried- to- kill- the- indian-through-assimilation

[15] Mike Jay. “Mescaline: A Global History of the First Psychedelic”. New Haven, CT: Yale University Press, 2019, S. 121–128

[16] Carl Hartwich. “Die menschlichen Genussmittel: ihre Herkunft, Verbreitung, Geschichte, Anwendung, Bestandteile und Wirkung”. Leipzig: Tauchnitz,1911, S. 254.

Schreibe einen Kommentar