Die Schweizer Bier-Idee – Eintauchen ins Archiv des Brauerei-Verbands

Wasser, Malz, Hopfen und Hefe – und eine volle «Maß» Schweizer Wirtschaftsgeschichte: Das historische Archiv des 1877 gegründeten Schweizer Brauerei-Verbands SBV umfasst Schrift- und Bildquellen von der Gründungszeit bis in die Gegenwart. Sie lassen tief in die Branchengeschichte blicken und dokumentieren den Weg vom kartellierten «Schweizer Bier» bis zur heutigen wettbewerbsorientierten Vielfalt mit unzähligen Kleinbrauereien und wenigen Grosskonzernen.

Organisatorischer Zusammenschluss im 19. Jahrhundert

Der Schweizer Brauerei-Verband wurde am 19. April 1877 in Olten unter dem Namen «Schweizerischer Bierbrauer-Verein» (SBV) von 92 Brauereien gegründet. Hauptanliegen war es, sich gemeinsam gegen die steigende Zahl an Bierimporten zur Wehr zu setzen. Daneben sollte u.a. die Schaffung von Lehrbüchern die Ausbildung der angehenden Brauer (damals ausschliesslich Männer) sicherstellen.

Protokoll der konstituierenden Versammlung vom 19. April 1877 (AfZ, IB SBV / 474).

Die führenden Organe des Verbands bildeten die Generalversammlung, der Vorstand mit Präsidium und Ausschuss sowie die Direktion, welche für die Geschäftsleitung verantwortlich war. Hinzu kamen diverse Kommissionen und Arbeitsgruppen für Tätigkeitsfelder und Themen wie Werbung und Marketing, Gebinde und Verpackung, Frachten, Preise oder Getränkesteuer.

2002 fusionierte der SBV mit dem Verband Schweizerischer Brauereien VSB und übernahm damit auch dessen Aufgaben als Arbeitgebervertretung in der Braubranche. Der Name «Schweizerischer Bierbrauer-Verein» blieb danach noch kurze Zeit bestehen und wurde 2004 durch «Schweizer Brauerei-Verband» abgelöst.

Krisenbewältigung und Bierkartell von 1935

Die Verbandsstatuten von 1913 definierten als wichtige Aufgabe, dass «die gewerblichen Interessen gemeinschaftlich zu wahren» seien. Der SBV versuchte, nebst der Eindämmung der Bierimporte auch die Bierpreise zugunsten der Brauereien auszuhandeln. Zentrales Instrument dafür war die 1935 abgeschlossene Konvention der schweizerischen Brauereien. Sie fasste die bereits bestehenden Verträge der regionalen Brauereivereinigungen bzw. Brauereien zusammen und vereinheitlichte sie. Das daraus entstandene Bierkartell konnte sich bis Anfang der 1990er Jahre halten. Die Zentrale Vertragsleitung ZVL, das Brauer-Schiedsgericht sowie ein gemeinsames Schlichtungsorgan mit dem Schweizer Wirteverband übernahm in dieser Zeit die Klärung von Rechtsfragen und die Umsetzung geltender Regelungen.

Gegen «ungesunde Erscheinungen im Wettbewerb»: Konvention der schweizerischen Brauereien von 1935 (AfZ, IB SBV / 473).

Gemeinschaftswerbung und Normierung von Produktion und Verkauf

Die Konvention sah unter der Einbindung von Handel und Wirten und so mit deren Zustimmung oder zumindest Duldung die Normierung und Vereinheitlichung der Bierproduktion vor. Mittel dazu waren Gebietszuteilungen, die Vorgaben von Biersorten, Stammwürze, Gebindegrössen und -Formen von Bierflaschen und Getränkeharassen. Zur Regelung von Verkauf und Vertrieb dienten nebst der Festlegung von Gross- und Einzelhandelspreisen aber auch Wirtschaftsstatistiken und Analysen des Biermarkts.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bildete sich mit der Gemeinschaftswerbung ein weiterer Schwerpunkt des Verbands aus. Werbeplakate etwa präsentierten ohne Nennung einzelner Marken «Schweizer Bier» als Genussmittel und Konsumgut mit nationaler Reichweite und Qualität. Zu den PR- und Marketingmassnahmen gesellten sich darüber hinaus die Gründung des Bierordens 1972 und die Lancierung des Tages des Schweizer Biers 2012. Der SBV nahm auch an verschiedenen Landesausstellungen teil und engagierte sich in nationalen sowie internationalen Verbänden. Dazu gehörten der Vorort (heute economiesuisse), der Schweizerische Gewerbeverband oder die europäische Vereinigung «The Brewers of Europe».

Werbeplakate für das Gemeinschaftsprodukt «Schweizer Bier» (AfZ, IB SBV).

Marktöffnung nach Denner-Angriff auf die Regulierung

Planungssicherheit, Besitzstandwahrung und Vermeidung von Konkurrenzkämpfen standen unter gleichzeitiger Vernachlässigung der Entwicklung neuer Produkte oder Absatzmärkte lange im Vordergrund. Auch der Bierexport und Zusammenschlüsse mit ausländischen Brauereien blieben im Hintergrund, während Zollrestriktionen den heimischen Markt vor Importen schützten.

Der Discounter Denner legte sich allerdings seit den 1970er Jahren wiederholt und hartnäckig mit dem Bierkartell und dessen Preisvorgaben an. Was folgte, war eine lange Reihe von Boykotten, Klagen und Prozessen durch alle Instanzen. Das Bundesgericht stellte dabei zunächst zweimal fest, dass die Boykotte gegen Denner seitens der Bierproduzenten rechtmässig waren.

Der Wind hatte aber nicht zuletzt nach dem Beitritt der Schweiz zu internationalen Handelsabkommen wie dem GATT und angesichts sich lockernder Importregulierungen bereits zu drehen begonnen. So hob das Bundesgericht im Mai 1986 ein Urteil des Handelsgerichts Zürich auf, welches die Liefersperre gegen Denner noch gutgeheissen hatte. Auf den Austritt kleinerer Produzenten folgte schliesslich jener der Grossbrauereien Feldschlösschen und Hürlimann, was 1991 das Ende von Konvention und Kartell bedeutete.

Auswirkungen

Trotz des langen Kampfes überraschte das Ende des Kartells wie bereits zuvor auch die Marktöffnung für ausländische Biere Teile der schweizerischen Brauereien und ihrer Vertriebsstruktur. Nun rächte sich, dass die Branche nur bedingt kundenorientiertes Marketing gewohnt und Erfahrungen mit Getränkeinnovationen hatte. Dem Schweizer Bier haftete nach den Jahrzehnten der Normierung das Image des Gewöhnlichen an. Konsumentinnen und Konsumenten machte dies für neue ausländische, aber auch inländische Nischenprodukte äusserst empfänglich. Grossanbieter wie Carlsberg (heute inkl. Feldschlösschen und Hürlimann) und Heineken (heute inkl. Calanda, Eichhof und Haldengut) mit ihren internationalen Marketingkampagnen und eben schweizerische Kleinbrauer profitierten davon. Eine explosionsartige Entwicklung liess bis heute über 1000 Anbieter im ganzen Land entstehen.

Parallel dazu entwickelte sich im Zug veränderter Trinkgewohnheiten der Bierkonsum pro Kopf aber drastisch rückläufig von 71 Litern im Jahr 1991 auf noch 46 Liter im Jahr 2025. Dies stellt die Bierproduktion in der Schweiz heute vor völlig veränderte Rahmenbedingungen. Ausdruck davon ist etwa die laufende Kampagne zum 150-jährigen Jubiläum von Feldschlösschen. In deren Zentrum steht nicht mehr das «Schweizer Bier». Der Konsum alkoholfreier Biere und innovativer Getränkekreationen soll nun nichts weniger als den gefährdeten generationenübergreifenden gesellschaftlichen Zusammenhalt der Schweiz befördern. Darauf ein Prosit!

Vor 50 Jahren: Noch steht das Produkt ganz im Zentrum der Transportschau bei Feldschlösschen 1976 (AfZ, IB SBV 585).

Weitere Einblicke in Geschichte und Archiv des Schweizer Brauerei-Verbands gibt es an der ETH Tour des Archivs für Zeitgeschichte vom 25. August 2026.

Archivbestand des Schweizer Brauerei-Verbands im Archiv für Zeitgeschichte.

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