Zwischen Gletscher und Glas: Die Fotodokumente der Schweizer Grönlandexpedition 1912/13

Vor der Unterkunft der Schweizerischen Grönlandexpedition in Sisimiut standen im Mai 1912 Blechbüchsen und Holzkisten. Ein Schneezipfel beherbergte die leeren Schlitten, die akurat aufgereiht genau wie die Skis an der Hauswand ihrer Verwendung entgegensahen. Es muss bald nach der Ankunft in Sisimiut gewesen sein, als die sieben Expeditionsteilnehmer an ersten Etappenzielen Touren absolviert und die allermeisten Instrumente erprobt hatten. Gewonnene Einsichten manifestierten sich, lange erhoffte Ereignisse warteten noch auf dem Weg der Ost- und der Westgruppe der Küste entlang nach Norden.
Mitgeführt wurden unter anderem Apparate und Behältnisse voller Negativmaterial für eine exklusive Fotodokumentation.
Wir möchten im Folgenden auf einige Kameraausrüstungen hinweisen und den Spielraum betrachten, der sich 1912 den Akteuren der Expedition in fotografischer Hinsicht bot.

Auf den Bildern sind heute zahlreiche Alterungsprozesse sichtbar. Dies führt uns auf eine weitere, wortwörtliche Spurensuche, welche die Auswahl für diesen Blogbeitrag geprägt hat.

Mehr als hübsche Aufnahmen

Ein wissenschaftlich und alpin anspruchsvolles Programm sollte 1912 in seiner Einmaligkeit belegt werden. Für eine populäre Verwertung der Reise war zudem eine bestimmte, bereits in Europa gängige Sichtweise einzufangen.

Abb. 1: Jakobshavn [Ilulissat], am Ufer, Hendryk in Kap-York-Tracht, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Dia_390-0120, Foto: Jost, Wilhelm

Auf dem Bild oben ist folgendes zu sehen: eisiges Meer aus etwas erhöhter Position, gute Beleuchtung der Szenerie und links der Bildmitte eine kauernde Gestalt. Ob diese Aufnahme eher für das populäre Publikum gedacht war? Wilhelm Jost, Geophysiker und einer der Teilnehmer der Grönlandexpedition, entschied sich für eine Autochrom-Platte. Er konnte sie belichten, ohne den Apparat zu wechseln. Die Möglichkeit für solche Farbaufnahmen war seit 1907 gegeben.

Dieses neuartige sog. Autochrom-Verfahren war von den Gebrüder Lumière in Lyon entwickelt worden. Es wurden dabei direkt Diapositive auf Glas gebannt, es entstand nie ein Negativ. Das Verfahren basierte auf dem Kornrasterverfahren unter Verwendung von Kartoffelstärke und kam bis etwa 1930 vor. So war es erstmals möglich, Bilder in Farbe herzustellen. Ein Nachteil war die lange Belichtungszeit, was mit ein Grund gewesen sein dürfte, dass sich das Verfahren langfristig nicht durchgesetzt hat.

Schönes altes Autochrom, aber Ablösung der Bildschicht

Die Fotoemulsion, eine lichtempfindliche Schicht über den Stärkekörnern, die ein Punktraster aus den drei Grundfarben herstellten, war eine heikle Oberfläche. Das von uns gewählte Autochrom zeigt deutliche Bildverluste. Es ist heute leider ziemlich beschädigt. Die Farbschicht löste sich von der Glasplatte ab.

Abb. 1 Bildausschnitt: Hendryk in Kap-York-Tracht. Erkennbar die typische Kornrasterung, seitlich der Bildverlust. Detail aus: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Dia_390-0120, Foto: Jost, Wilhelm

Farbnuancen

Um Farben aufs Bild zu bannen, gab es seit jeher den Ausweg, zum Pinsel zu greifen. Damit liessen sich jene «prächtigen farbigen Lichtbilder» erzielen, die Alfred de Quervain in seinen Vorträgen zeigte, so auch, als er in Kopenhagen mit der goldenen Medaille der königlich geographischen Gesellschaft ausgezeichnet wurde. Dies geschah ein Jahr nach der Rückkehr vom grönländischen Eisschild wieder nach Europa. «Am 11. November 1913 wurde in Kopenhagen ein Fest zu Ehren von Dr. de Quervain gefeiert. Zuerst hielt … der gefeierte Durchquerer Grönlands einen hochinteressanten Vortrag über seine an Strapazen, aber auch an wissenschaftlicher Ausbeute reiche Reise. Prächtige farbige Lichtbilder unterstützten das gesprochene Wort.» (Zürcher. Freitagszeitung Nr. 47, 21.11.1913)

Abb. 2: Die Teilnehmer der Schweizerischen Grönlandexpedition 1912/13 und die Schiffscrew der «Fox» in Quervainhavn [Nalluarsuit Tasinngortaat] Originales Lichtbild, der Verlauf des Himmels zeigt den Pinselgebrauch. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Dia_297-0050, Foto: vermutl. H. Ostermann

Wer die angesprochene nachträgliche Kolorierung der Glasdias, die damals nur in schwarz/weiss erhältlich waren, für die Schweizerische Grönlandexpedition ausgeführt hat, ist überliefert. Es war Wilhelm Heller, der selbst Fotograf war. Er stellte wenig später sein fotografisches Wissen für all jene Hochalpinistinnen und -alpinisten zusammen, die bei der Tourenplanung den »Ratgeber für Bergsteiger der Sektion Uto» von 1916 zur Hand nahmen. Sein Beitrag mit Tipps und Tricks für Fotografie im Hochgebirge enthält spannende Details zum Umgang mit Platten und Kameras von damals.

Gut Licht!»

«Zum Anfertigen von schönen Diapositiven benötigt man vor allem auch schöne Negative – … und was am wichtigsten ist, recht scharf(e). …», so lautete Hellers Erkenntnis. Auch Marken bzw. Hersteller von Fotoplatten werden erörtert. «Guilleminot oder Schleussner Diapositivplatten im Kontakt mit einem normalen Negative, ½ m Abstand von einer 50kerzigen Birne, 4-6 Sekunden exponiert» und wenige Minuten im Entwickler, später gespült, fixiert und dann noch im Klärbad.

Guilleminot Diapositivplatten

Bei Wahl der Marke „Guilleminot“ gelängen gute Diapositive, lässt der erfahrene Fotograf Wilhelm Heller sein Publikum wissen. Jeder wähle zudem das hoffentlich bald einheitliche und praktische Format für Lichtbilder, in Hellers Worten: «Ich möchte noch besonders empfehlen zu Projektionszwecken nur das Format 8 ½ x10 zu verwenden.»

Abb. 3: Schachtel für Plaques en opaline, der Firma R.Guilleminot, Boespflug & Co., Paris. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / HSA_0002-06-0006, Foto: Unbekannt

Über die Kolorierung findet sich im erwähnten Artikel leider nichts. Heller hat jedoch eine grössere Anzahl 8,5 x 10 cm grosser Diapositive für Alfred de Quervain mit feinsten Pinseln eingefärbt. Und er hat vermutlich schon bei der Entwicklung Vorkehrungen getroffen, die dem Zweck entsprechende Tönung herauszuholen, um überzeugend kolorieren zu können. Die von ihm gelieferten Lichtbilder wurden von Alfred de Quervain für zahlreiche Vorträge verwendet. Wir müssen uns «zirka 60 Lichtbilder aus der arktischen Landschaft» – dabei «meist» farbige, wie in manchen Zeitungsartikeln noch präzisiert wurde, vorstellen, die an seinem Vortragsabend jeweils gezeigt wurden.

Ursprünglich angeliefert und dem Bildarchiv der ETH-Bibliothek übergeben wurden die Bilder von Alfred de Quervain und von Wilhelm Jost rund 100 Jahre später in vielen kleinen Schachteln. Einige davon wurden fotografiert, um aufzuzeigen, wie Bildbestände ins Bildarchiv gelangen. Die Schachteln selbst weisen auf die verwendeten Grössen hin, deren Wahl nicht zufällig geschah. Gerade für eine Expedition wurde – wie für eine Hochgebirgstour – sehr sorgfältig auf die Wahl von Kamera und Material geachtet. Später wurde dann kunterbunt wiederverwendet, was an geeigneten Verpackungsgrössen zur Hand war. Die fertig entwickelten Platten reihten sich durch die aufgenommenen Bilder in eine neue Ordnung ein. Verpackungen wurden deshalb zu diesem Zweck beschriftet und umfunktioniert und ab da nicht mehr unter dem Gesichtspunkt des Aufdrucks von Lieferanten oder Lieferzeitpunkt betrachtet!

Im Folgenden möchten wir unterschiedliche Bildträger und deren Verpackungen vorstellen, die in Grönland je einen spezifischen Zweck erfüllen mussten. Herausgesucht haben wir Fotografien, anhand derer aufgezeigt werden kann, was für Schäden über die Jahre bei den verschiedenen Bildträgern auftreten können.

Wahl der richtigen Platten für die Negativaufnahmen

«Orthochromatische Platten geben die Farbverhältnisse richtiger wieder.» Darauf wies Wilhelm Heller eindringlich hin und führte aus, dass bei diesen Platten gewisse Zusätze in der Emulsion bewirken würden, dass die Empfindlichkeit für gelbe, grüne und rote Strahlen viel besser sei. «Es handelt sich wohlverstanden nicht um farbige Photographien, sondern nur um die Wiedergabe verhältnismässig richtig unterschiedener Farbenwerte als verschieden starkes Schwarz.» (S. 263)
Im Nachlass von Wilhelm Jost waren bei Abgabe einige der entwickelten Glasplattennegative aus seinem Aufenthalt in Qeqertarsuaq in die unten abgebildete Schachtel gelegt, die in Grossbuchstaben den Zusatz «orthochromatique» trägt. Beschriftet an sich als Gelatine-Bromsilber-Platten, die demnach den beschriebenen Zusatz enthielten.

Abb. 4: Schachtel der Firma Société Anonyme des Plaques et Papiers photographiques A. Lumière et ses Fils. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / HSA_0002-06-0003c, Foto: Stephan Bösch

Glasdiapositiv, Verbleichung und Aussilberung

Glasdiapositive waren im Original schwarz-weiss. Über die Jahre kam es bei einigen Dias zu Aussilberungen, was ein typisches Schadensbild für diese Bildträger darstellt.

Dieses Dia ist eine Reproduktion ab originalem Glasnegativ, bei leicht angepasstem Bildausschnitt. Unter Umständen wurde es damals so hergestellt, wie weiter oben von Wilhelm Heller beschrieben. Der Aufnahmezeitpunkt verweist auf eine Exkursion, die stattfand, als nur noch Wilhelm Jost in Grönland war, was in einem späteren Blog vertieft werden wird.

Abb. 5: Ataa, Inuit, besucht mit Morten Porsild im Juli 1913. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Dia_390-0044a, Foto: Jost, Wilhelm

Handkoloriertes Glasdiapositiv mit Glasbruch

Im Folgenden ist eines der Lichtbilder zu sehen, das Alfred de Quervain an seinen Vorträgen zeigte. Oft vorgeführt und irgendwann beschädigt weggepackt – Glasbruch! Das zugrunde liegende Negativ entstand im August 1912 in Tasiilaq, als die Grönland-Reisenden und bald darauf – Rückkehrer im Freien zahlreiche Einwohnerinnen und Einwohner fotografierten und ihre Sichtweise in die Aufnahme einfliessen liessen. Später in Zürich wurde in diesem Fall das Format 6 x 9 cm hergestellt und im Nachhinein die Handkolorierung vorgenommen. Dieses Original war gebrochen und wurde von einer Fotokonservatorin fachkundig restauriert.

Abb. 6: Angmagssalik [Tasiilaq], Inuit Frau mit Kleinkind im Amauti. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Dia_297-0084, Foto: Ostgruppe der Schweiz. Grönlandexpedition 1912/13

Glasplattennegativ

Auch das zugrunde liegende Glasplattennegativ ist überliefert. Es ist glücklicherweise soweit unbeschädigt. Im Rahmen der Arbeiten wurde es im Bildarchiv der ETH fachgerecht verpackt, im DigiCenter der ETH-Bibliothek digitalisiert, später erschlossen und ist nun, so wie der gesamte Bestand, online zugänglich.

Abb. 7: Angmagssalik [Tasiilaq], Inuit Frau mit Kleinkind im Amauti. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / HSA_0001-01-0114, Foto: Ostgruppe der Schweiz. Grönlandexpedition 1912/13

Kunststoffnegative

Alfred de Quervain notierte sich beim Packen für das Inlandeis bzw. bei Wägungen, um die Schlitten nicht zu überladen, unter den Instrumenten auch seine eigene Kamera.
«Ideal Q 3 Taschenfilmbleche = 72 Stück». Diese Planung und weitere Notizen zeigen, dass eine Kamera bezeichnet als ICA Ideal im Einsatz war. Mit im Gepäck war sie als persönliche Kamera von Alfred de Quervain, mit der er schon Ende April fotografierte und die er während der Durchquerung von 1912 dabeihatte. Die zugehörigen Filmbleche enthielten Planfilmblätter aus einer Acetatschicht. Natürlich waren diese dünneren Planfilme viel besser geeignet für den Transport über den grönländischen Eisschild. Die überlieferten Negative aus der Zeit der Durchquerung wurden alle auf Planfilm aufgenommen, aber auch vorher und nachher kam zwischendurch dieses handliche Material zum Zug.

Auf dem unten gezeigten Negativ wurden direkt auf dem Original gewisse Stellen weiss abgedeckt, was wie Flecken wirkt, aber eine Vorarbeit für das Reproduzieren war. Auf dem Bild zu sehen sind von links nach rechts Roderich Fick, Alfred de Quervain, Hans Hössli bei einer – offensichtlich inszenierten – Verpflegungsrast. Der Zeitpunkt der Aufnahme ist nirgends notiert worden. Andere Aufnahmen während der Querung wurden in ein Büchlein eingetragen. Ab 15.5.1912 in Sisimiut möglich, möglicherweise Inlandeisrand. Vermutlich wurde im Hintergrund ein nicht nur weisser Abhang retouchiert. Von solchen Negativen wurden ebenfalls Glaslichtbilder (Dias 8,5 x 10 cm) hergestellt und teilweise koloriert.

Abb. 8: Grönland, Rast an einem bepackten Schlitten. Fast vollzählige Ostgruppe der Schweizerischen Grönlandexpedition bei einer inszenierten Verpflegung. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / HSA_0001-04-0074, Foto: Gaule, Karl

Glasplattennegativ, stereoskopisch

Bei der Stereoskopie werden zwei leicht versetzte Bilder desselben Motivs aufgenommen. Wenn die Aufnahmen später mit einem Stereoskop betrachtet werden, entsteht der Eindruck eines dreidimensionalen Bildes. Für solche Aufnahmen war eine spezielle Kamera nötig. 1912 war ein Modell im Einsatz, das leicht im Gewicht und gut bedienbar war und in der Schilderung «Quer durchs Grönlandeis» von 1914 als «Polyskop» vorkommt. Die zugehörigen Glasnegative waren länglich und leichter als die Glasplatten 9×12 oder 13×18 cm, die für die Kamera mit Stativ mitzutragen waren. Während der Anreise bis zum Inlandeisrand wurde die Kamera «Polyskop» von verschiedenen Expeditionsteilnehmern bedient, unter anderem im Sarfanguak, wo nach dem Hundeschlittentraining noch das Kajakfahren geübt wurde. Nur Hans Hössli, August Stolberg und Paul-Louis Mercanton griffen zu ihren eigenen Fotoapparaten. Die unten abgebildete Glasplatte ist gut erhalten und weist keine grösseren Beschädigungen auf. Eine der zwei Aufnahmen wurde später ebenfalls zur Grundlage für ein Lichtbild (Diapositiv 8,5 x10 cm).

Abb. 9: Westgrönland [Kitaa], zwei junge Inuit bei einem neu wirkenden Kajak. Eine im 20. Jahrhundert gängige Interpretation des Bildes ist wohl heute weiter zu befragen. Vgl. die ausführliche Bildbeschreibung ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / HSA_0001-02-0048-F, Foto: Ostgruppe der Grönlandexpedition

Stereoabzüge auf Karton montiert

Das folgende Stereobild ist als Abzug auf Karton montiert vorhanden. Auf einer solchen Grundlage konnten die Bilder mit der passenden Vorrichtung betrachtet werden. Das zugehörige Negativ fehlt heute im Bestand. Das Glas links muss jedoch als Basis für ein späteres koloriertes Lichtbild verwendet worden sein, das Alfred de Quervain bei seinen Vorträgen zeigte. Aber auch dieses handkolorierte Lichtbild ist nicht vorhanden. Es muss noch gegen Ende des 20. Jahrhunderts existiert haben, denn der Sohn Marcel de Quervain fertigte 1990 ein Kodachrom-Dia davon an. Wie man sehen kann, war das rechte Bild links oben bereits als Glasnegativ nur beschädigt vorhanden. Der obere Teil ist schwarz, weil in diesem Bereich für die Erstellung des Abzugs kein Glas vorhanden war.

Abb. 10: Sarfanguak [Sarfannguit], Vier Kinder aus Sarfanguak mit Grönlandhunden. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / HSA_0001-02-0043-RE, Foto: Ostgruppe der Grönlandexpedition

Quellen und Literatur

Quervain, Alfred de, Mercanton, Paul-Louis, Stolberg, August, Quer durchs Grönlandeis. Die schweizerische Grönlandexpedition 1912/13, Basel 1914.

Sektion UTO (Hrsg.): Ratgeber für Bergsteiger, Erster Band. Wilhelm Heller, « Das Photographieren im Hochgebirge», S. 250-281.

Zürcherische Freitagszeitung, 1913, 21. November, 240 Jahrgang, Nr. 47

Blogbeitrag ETHeritage «Als Westgruppe am Eisrand. Was 1912 drei Forscher in Grönland motivierte» von Evelyn Boesch

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