Im April 1912 brachen sieben Wissenschaftler unter der Leitung des Schweizer Forschers Alfred de Quervain (1879–1927) zur rund vierzehnmonatigen ‹Schweizerischen Grönlandexpedition› auf. Nach dem gescheiterten ersten Anlauf im Jahr 1909 sollte nun bei diesem zweiten Versuch die Erstüberquerung des Inlandeises bis zur Ostküste Grönlands und deren Erstkartografierung gelingen. Das Gebiet im Osten Grönlands heisst bis heute ‹Schweizerland›. Im Anschluss an diese Expedition im kolonialen Kontext erhielt de Quervain im Jahr 1915 eine Titularprofessur an der ETH Zürich.

Am Beispiel dieser Forschungsexpedition und der dabei praktizierten Kartografie zeigt sich, dass eine wissenschaftliche Expedition untrennbar verbunden sein kann mit kolonialem Denken, Patriotismus und Schweizer Heldentum.
Wissenschaft als politische Praktik
Die Schweiz hatte in Grönland keine imperialen Ambitionen und lehnte de Quervains Gesuch nach finanzieller Unterstützung ab (Pfäffli, 172). Diese fand er aber bei der NZZ, welche die Expedition wesentlich mitfinanzierte. Als Gegenleistung schilderte de Quervain seine Eindrücke ausführlich in diversen Zeitungsartikeln (Pfäffli, 15).
Den Forschern stand keine Schweizer Infrastruktur zur Verfügung und so stützten sie sich sowohl für die Transportmittel und Unterkünfte als auch für die Forschung auf die dänische koloniale Infrastruktur (Pfäffli, 12f.). Ohne diplomatische Schweizer Bemühungen wäre aber bereits die Fahrt auf dem Schiff der dänischen Handelsgesellschaft von Kopenhagen nach Grönland nicht möglich gewesen: Denn für diese zweite Expedition engagierte sich sowohl Bundesrat Marc-Emile Ruchet persönlich als auch die Schweizer Botschaft in Kopenhagen (Pfäffli, 53). Trotz rigoroser Abschottung des dänischen Kolonialraums Grönland erhielten de Quervain und seine Mitreisenden nicht nur eine Einreiseerlaubnis, sondern wurden in ihren Möglichkeiten dänischen Forschenden gleichgestellt (Pfäffli, 54ff.). Zwei Quittungen aus dem Hochschularchiv der ETH Zürich zeigen beispielhaft, dass de Quervain und sein Team für ihre zweite Expedition Hunde kauften beziehungsweise kaufen konnten. Das wäre ohne die Genehmigung der Kolonialregierung nicht möglich gewesen und ist als Privileg dieser Expedition zu verstehen – Forschenden anderer Herkunft wurde das verwehrt.


Abb. 2 und 3: Links: Rechnung, ausgestellt von Unbekannt mit der Überschrift „til den schweizerische Expedition“, für u.a. Kaffee, Reis, fünf Hunde, in der rechten Spalte ist zudem vermerkt, dass in Kristianshaab (Qasigiannguit, gelegen in der Diskobucht) weitere acht Hunde gekauft wurden. Rechts: Rechnungszusammenstellung der dänischen Kolonialverwaltung in Jakobshavn, Assistent Krogh, zuhanden von Alfred de Quervain (Hs 1511_prov.Sig.in 4.2.3_42 und 4.2.3_50).
Alfred de Quervains Expedition wurde als eine Schweizer Expedition beschrieben und vermarktet, obwohl staatliche finanzielle Unterstützung ausblieb. Er begründete dies damit, dass sein Team genau wegen spezifisch schweizerischen Erfahrungen und Werten für eine solche Reise prädestiniert sei. Damit meinte er zum einen «das, was uns unsere Heimat mitgibt, die Liebe zum Hochgebirge, die Vertrautheit mit Schnee und Gletscher [sic]» (de Quervain, 1914, VII), aber auch «eine gewisse Anpassungsfähigkeit und Anspruchslosigkeit» (de Quervain, 1914, VII). Im Vorwort seines Reiseberichts von 1914 dankt de Quervain sowohl dem «Schweizerischen Bundesrat für den dem Leiter», also ihm selbst, «gewährten Urlaub» (de Quervain, 1914, VIII) als auch der dänischen Regierung für ihre Unterstützung. Im letzten Abschnitt des Vorworts einer Publikation des Jahres 1920, in der nochmals die Ergebnisse der Expedition zusammengetragen wurden, schreibt de Quervain über sein Verhältnis zur Schweiz zudem, dass «der karge Nährboden unseres Landes der Arbeit seiner eigenen Kinder nicht immer Raum bot. Die Bewährung ihres Könnens und des Schweizernamens, die ihnen in der Heimat versagt bleibt, versuchen sie in der Ferne» (de Quervain, 1920, XI). So begründete er die Beteiligung von Personen aus der Schweiz an Forschungsexpeditionen und Unternehmungen im kolonialen Kontext.
Auf ihrer Forschungsexpedition sammelten die Schweizer nicht nur ausführlich Daten zu Luftdruck, -temperatur und Windrichtung. Sie griffen ebenso, wie es im kolonialen und zugleich wissenschaftlichen Erschliessungskontext häufig der Fall war, auf sogenannte discovery claims zurück (Pfäffli, 154). Dabei wurden ‹Erschliessungen› von Räumen nicht nur – wie auf der ersten Abbildung – mit der Nationalflagge markiert und fotografisch festgehalten. Diese bis anhin angeblich ‹weissen Flecken› wurden auch über das Benennen symbolisch in Besitz genommen. Als Referenz diente dabei stets der Westen, seine (kulturellen) Ordnungen und Personen, die ihn vertraten. Die bereits erwähnten Teilnehmer Gaule, Fick, Hössli und auch de Quervain benannten gewisse Landschaftselemente nach sich selbst und verewigten sich und ihre Expedition so mit den Mitteln der Kartografie (Pfäffli, 155). Dabei vermischten sich koloniale und schweizerisch nationale Rhetorik und Denkweisen ständig.

Auf dieser Karte sind zwar nur wenige Landschaftselemente beschriftet, das bewusst gewählte Ankunftsdatum im Osten Grönlands, der Schweizer Nationalfeiertag, ist hier aber vermerkt. Wie 1909 wurde auch bei der zweiten Expedition von 1912/13 die Ankunft auf den 1. August gelegt. Dazu schreibt de Quervain zum Beispiel: «Am 1. August war ich angekommen. Stolberg hatte mir noch auf der Westküste dieses für eine Schweizerexpedition besonders passende Datum empfohlen» (de Quervain, 1914, 120). Unmittelbar oberhalb des Datums sieht man die Beschriftung «Mont Forel», benannt nach dem Lausanner Glaziologen François-Alphonse Forel. De Quervain widmete den grössten Berg dieser Region dem Schweizer Wissenschaftler und «Fürsprecher der Expedition» (Pfäffli, 154) und schreibt dazu unter anderem: «Man sieht immer noch den ersten Berg, er dominiert. Ich nannte ihn Mont Forel» (de Quervain, 1914, 100).
Eine solche Verschränkung kolonialer und schweizerisch nationaler Rhetorik und Denkweisen kommt in diversen Karten zum Ausdruck. So benannten de Quervain und seine Mitreisenden ein Gebiet im Osten Grönlands ‹Schweizerland›, ein Name, der bis heute gilt und den nationalen Gestus dieser nicht nur wissenschaftlich motivierten Expedition erneut unterstreicht. Wie nachhaltig solche Benennungspraktiken wirken, sieht man auch, wenn man beispielweise die Karte ‹Schweizerland› des Kartografen Hans Friedrich Bossart analysiert (da sich diese Karte noch innerhalb der Schutzfrist befindet, kann sie hier nicht abgebildet werden. Sie ist jedoch zugänglich in der Zentralbibliothek Zürich unter: Kartensammlung, Magazin 05; 4 Ws 07: 2). Bossart fertigte seine Karte erst Jahrzehnte nach der Expedition, nämlich 1948, an, was neben der bedeutenden Rolle von Schweizer Wissenschaftlern bei der imperialen ‹Erschliessung› Grönlands die anhaltende Wirksamkeit dieser Praktik illustriert. Ein genauerer Blick auf die Namensgebung zeigt auch, wie die schweizerische Forschungsgruppe unter de Quervain sich selbst in die Landschaft einschrieb und dadurch das bereits bewohnte Grönland für sich beanspruchte. In diesem ‹Schweizerland› findet man, um nur wenige Beispiele solcher kolonialen Symbolik zu nennen, neben den Bergen ‹de Quervain› und ‹de Saussure› weitere Namen bekannter Wissenschaftler – nur Männer. Diese «kolonial geprägte Perspektive auf die Welt» (Purtschert, 205) zeigt sich in den Aussagen der Expeditionsteilnehmer über die dänische Kolonialregierung noch deutlicher. In ihren Augen praktizierte diese eine «harmonische[…]» (de Quervain, 1914, 22) Form des Kolonialismus, was sie auch in Anbetracht von Kritik an der dänischen Kolonialmacht nicht müde wurden zu betonen. Dänemark halte vielmehr seit «zwei Jahrhunderten seine Hand schützend und alle Unberufenen fernhaltend über diesen Gebieten», was man klar als «Verdienst Dänemarks» sehen müsse (de Quervain, 1914, 22). An einer anderen Stelle spricht de Quervain auch von einer erstrebenswerten Form des Kolonialismus, bei der «der Kulturmensch, der dort oben der Naturgewalt ganz ausgeliefert ist, diese Naturkinder lieb haben lernt» (de Quervain, 1914, VII). Dänemark profitierte also nicht nur finanziell und wissenschaftlich von der Expedition, etwa indem die Schweizer nützliche Karten herstellten oder Rohstoffe ausfindig machten, sondern auch durch die moralische Legitimation der dänischen Herrschaft, die sich in den Schriften der Schweizer Grönlandforscher findet. Hier sieht man deutlich, was Purtschert meint, wenn sie davon spricht, dass es die viel beschworene Trennung von Wissenschaft und Politik im kolonialen Kontext so nicht gibt und «letztere […] immer auch eine ‹Politik mit anderen Mitteln› war» (Purtschert, 204).
Die Expedition fand genau zur Zeit des imperialen Wettlaufs um die Arktis und die Antarktis statt (Pfäffli, 7), in einer Zeit, in der ein Grossteil der Welt bereits kolonial aufgeteilt worden war. Dabei baute de Quervain die Schweiz mit ihren eigenen Gletschern und verschneiten Bergen zur Polarforschernation auf, wobei er diese Analogie gleichzeitig zur Festigung nationaler Identität verwendete. So stellt er zu Beginn seines Buches zur zweiten Expedition die Frage, ob denn ‹wir Schweizer› eine Nation seien. Die «erlebt[e]» Antwort auf diese «viel diskutierte[…]» Frage gibt er sogleich selbst: «Den Schweizer verbindet etwas mit dem Schweizer, […] etwas, was er über sein Vaterland, sein kleines, enges Vaterland hinaus nicht finden wird» (de Quervain, 1914, 26). Dieses gesuchte ‹helvetische Wir› zeigt sich in den verschiedensten Aspekten der Reise.
Wissenschaft als männliche Praktik
Es wird deutlich, dass die Expeditionsteilnehmer und deren mediale Begleitung an der Produktion eines nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls interessiert waren (Pfäffli, 157). Dabei verband sich die Figur des Polarhelden mit jener des Schweizer Alpinisten, beides wirksame Projektionsflächen vitaler Männlichkeit – in einer Zeit, in der traditionelle Männlichkeitsvorstellungen wieder einmal krisenhaft waren (Pfäffli 157 & 151).

Alle offiziellen Expeditionsteilnehmer waren Männer (Pfäffli, 37). Auf dieser fünften Abbildung wird besonders deutlich, wie das patriotische Heldennarrativ, das Schweizer in Grönland beanspruchten, ausschliesslich Männern vorbehalten war. Auf der Abbildung posieren vier Männer und eine Frau mit einer Schweizer Fahne – nur die Männer sind mit Namen beschriftet, die Frau bleibt anonym. Es handelt sich um Ella de Quervain, Alfred de Quervains Ehefrau (vgl. Bildbeschreibung von Boesch: https://ba.e-pics.ethz.ch/#categories-node=c327b216-79e5-4722-8bbb-0bbcc9fd5cc5&detail-asset=c0e9cb95-b74d-4894-8e74-73c89f08c4e0). Das Gleiche widerfährt den indigenen Inuit, die einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen der Expedition leisteten – nur wenige werden in den Reiseberichten explizit und mit Namen erwähnt (Pfäffli, 94 & 101 & 103). Ohnehin galten sie als ‹naturnah› oder ‹edle Wilde›, womit sie aus dem westlichen Verständnis von Wissenschaftlichkeit ausgeschlossen wurden. Sich selbst inszenierten die Schweizer Männer aber, weil sie den Naturgefahren trotzten, als Polarhelden. In den für die Finanzierung der Expedition wichtigen Zeitungsartikeln waren die wissenschaftlichen Erkenntnisse nebensächlich. Das zentrale Narrativ bildete auch hier die Erstbegehung zuvor «unbekannten Gebietes» (Pfäffli, 162). Dabei zeigt sich eine Schweiz, die den Anschluss an den kolonialen Wettbewerb um die Polargebiete sucht und sich einreiht, um gleich auch ihre eigenen nationalen Helden zu konstruieren (Pfäffli, 164). Die Schweizer Regierung bekundete zwar wenig nationales Interesse an diesen Vorhaben. De Quervains Berichterstattungen – und das zeigt das starke Interesse der Leser:innen der NZZ – mit all ihren kolonialen, exotisierten Bildern und Pathosformeln fanden aber in der bürgerlichen Schweizer Öffentlichkeit einen bedeutenden Resonanzraum (Pfäffli, 172f. & 180).
Primärliteratur und Quellen
Alfred de Quervain: Quer durchs Grönlandeis. Schweizerische Grönlandexpedition 1912–13, Verlag von Ernst Reinhard, München 1914.
Alfred de Quervain: Ergebnisse der Schweizerischen Grönlandexpedition 1912–1913, in: Neue Denkschriften der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft, Bd. LIII, Basel/Genf/Lyon 1920.
Hochschularchiv der ETH Zürich: Nachlass Alfred de Quervain, Zettel aus dem Umschlag «Quittungen aus Grönland», Hs 1511_prov.Sig.in 4.2.3_42 und 4.2.3_50.
Hochschularchiv der ETH Zürich, Bildarchiv: Angmagssalik [Tasiilaq], Ostgruppe der Schweizerischen Grönlandexpedition 1912, https://ba.e-pics.ethz.ch/#categories- node=c327b216-79e5-4722-8bbb-0bbcc9fd5cc5&detail-asset=c0e9cb95-b74d-4894- 8e74-73c89f08c4e0, Stand: 19.04.2026.
Sekundärliteratur
Lea Pfäffli: Arktisches Wissen. Schweizer Expeditionen und dänischer Kolonialhandel in Grönland (1908–1913), Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2021.
Patricia Purtschert: Kolonialität und Geschlecht im 20. Jahrhundert. Eine Geschichte der weißen Schweiz, transcript Verlag, Bielefeld 2019.
Für diesen Blogbeitrag orientiere ich mich wesentlich an Lea Pfäfflis Buch Arktisches Wissen. Schweizer Expeditionen und dänischer Kolonialhandel in Grönland (1908–1913) aus dem Jahr 2021.
Mein Dank geht auch an Evelyn Boesch vom Hochschularchiv der ETH Zürich für die interessanten und aufschlussreichen Gespräche und Hinweise. Frau Boesch kümmert sich unter anderem um die Erschliessung des Nachlasses von Alfred de Quervain.
Dieser Blogbeitrag ist angeregt durch die von Dr. Monique Ligtenberg kuratierte Ausstellung Koloniale Spuren – Sammlungen im Kontext, die in der ETH Zürich vom 30. August 2024 bis zum 13. Juli 2025 gezeigt wurde.
Dieser Text ist im Rahmen des Seminars „Koloniale Vergangenheit, verflochtene Gegenwart: Naturwissenschaftliche Sammlungen im Kontext“ von Monique Ligtenberg und Ella D. Müller an der ETH Zürich entstanden. Der Text wurde von Carmen Bortolin korrekturgelesen.