«keine elitäre Literaturverfilmung» – Stefan Haupt im Interview

Mit seinem Film «Stiller», der im Herbst 2025 in die Kinos kam, brachte Stefan Haupt den weltberühmten Roman von Max Frisch erstmals auf die grosse Leinwand. Sieben Fragen an den Regisseur.

Was bedeutet für Sie Max Frisch?
Max Frisch bedeutete mir schon als junger Mann sehr viel: sein wacher und kritischer Blick auf unser Land, auf diese Welt, und eben auch auf sich selbst, auch auf seine Beziehungen – häufig in einen poetischen Pragmatismus verpackt.

Warum ausgerechnet Max Frischs «Stiller»?
Die Wahl fiel auf «Stiller», weil es ein intuitiver, blitzschneller Impuls war, als von Seiten C-Films die Idee auftauchte, gemeinsam einen Roman von Max Frisch zu verfilmen. Dieser Roman begeistert und fasziniert mich seit meiner ersten Lektüre.
Es war mir wichtig, dass «Stiller» keine elitäre Literaturverfilmung werden sollte. Die Geschichte soll auch für diejenigen zugänglich sein, die noch nie etwas von Max Frischs Roman gehört haben.

«Stiller» ist 1954 erschienen. Was ist daran heute noch aktuell?
Die universellen Fragen nach Identität, Freiheit und dem Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, welche uns Menschen beschäftigen, sind heute noch genauso aktuell wie vor 70 Jahren.
Der erste Satz des Romans lautet: «Ich bin nicht Stiller!» Schaut man sich den Satz genauer an, dann bedeutet dieser Ausruf letztlich: Wenn ich nicht Stiller bin, wer bin ich denn dann? – Wer bin ich?
Im Roman stellt sich ein Mann, der ganz klar in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts verortet ist, diese Frage. Er leidet unter dem Gefühl, versagt zu haben im Spanischen Bürgerkrieg. Er fühlt sich impotent, weil er nicht auf Menschen geschossen hat, er fühlt sich nicht als Held, nicht als erfolgreicher Künstler, nicht als Vater, nicht als Ernährer. Kurz: nicht als Mann. (Was immer das bedeutet!)
Dies zu reflektieren – gerade in einer Zeit, wo sich misogyne, autoritäre Patriarchen wieder in den Vordergrund drängen –, macht in der heutigen Zeit durchaus Sinn.
Und dann bleibt natürlich auch die Frage zeitlos aktuell: «Was ist das eigentlich: Liebe? Wie geht das?»

Stefan Haupt bei den Dreharbeiten, hier mit Sven Schelker und Paula Beer

Was waren die grössten Herausforderungen beim Verfilmen des Romans? Inhaltlich? Technisch?
Auf inhaltlicher Ebene war die grösste Herausforderung, dass ja zwei Hauptpersonen vorkommen: der Amerikaner James Larkin White und der Schweizer Bildhauer Anatol Stiller. Der Roman kann damit spielen, kann es den Lesenden überlassen, sich die Figuren vorzustellen, so dass lange im Vagen bleibt, ob White nun Stiller ist oder nicht. Das Medium Film aber muss die Gesichter zeigen! Dass wir mit Albrecht Schuch und Sven Schelker zwei Schauspieler finden konnten, die grosse Ähnlichkeiten haben, ergab dann die zündende Idee eines Doppelspiels. Ich rechne es den beiden hoch an, dass sie sich darauf eingelassen haben.
Technisch gesehen sind historische Filme immer eine grosse Herausforderung, speziell wenn man möchte, dass die dargestellte Welt trotz der zeitlichen Distanz so natürlich, selbstverständlich und nebensächlich daher kommt wie nur möglich.

Wo wurde gedreht? Wie macht man ein historisches Zürich glaubhaft?
Um ein historisches Zürich glaubhaft machen zu können, haben wir aufwändig gescoutet, sorgfältig nach möglichen Blickwinkeln gesucht und letztlich dann an sehr vielen unterschiedlichen Locations gedreht: etwa am Zürichhorn, im Rondell des Strandbad Tiefenbrunnen, auf der Rudolf-Brun- und auf der Münsterbrücke, in und vor dem Opernhaus und an einigen Orten mehr.

Was ist Ihre liebste Szene?
Meine liebste Szene im Film ist die erste Begegnung von Stiller und Julika auf der nächtlichen Terrasse. Oder nein: Die erste Begegnung von Julika mit White im Gefängnis. Oder nein: Eine Szene mit Knobel, dem Gefängniswärter – oder doch eher die Fahrt durch Amerika? Oder… – ich kann’s definitiv nicht sagen, ich mag sie alle.

Im Film haben Sie auf das «Nachwort des Staatsanwalts», das von Stillers Leben in Glion und von Julikas Tod erzählt, verzichtet. Warum haben Sie sich für ein anderes Ende entschieden?
Frischs ursprüngliches Ende war ja ein als Unfall getarnter Selbstmord Stillers. Auf Anregung von Peter Suhrkamp schrieb er das aber zur Variante um, die wir heute kennen, in der Julika sterben muss. Mein Koautor Alex Buresch und ich hatten das lange Zeit im Drehbuch so drin, bis wir uns plötzlich anschauten und sagten: Hey, es gab schon viel zu viele Romane und Bücher, in denen die Frau sterben muss, während der Mann irgendwie weiterklüngelt. Und da fanden wir: Es ist heutig, modern, oder im besten Sinn frisch, dass wir den Ausgang offenlassen.

Stefan Haupts Verfilmung ist in diesem Sommer in mehreren Openair-Kinos zu sehen. Ihr widmet sich auch die aktuelle Ausstellung des Max Frisch-Archivs an der ETH-Bibliothek: Max Frischs «Stiller» – vom Roman zum Film (ETH-Hauptgebäude, H-Stock, bis 3. Juli 2026)

Fotos: © C-FILMS AG, Zürich

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