Die Schweizerische Grönlandexpedition startete am 20. Juni 1912 am Rand des Gletschers Eqip Sermia ins Innere des grönländischen Eisschilds. Alle sieben Grönlandreisenden und fünf Inuit, begleitet von 29 Hunden, zogen und hievten auf 600 m über Meer drei volle Schlitten und sich selbst das ansteigende, unebene Eis hinauf. Eine geballte Ladung Schub für die erfolgreiche Bewältigung der Hunderte Kilometer langen Strecke bis Ostgrönland. Die vierköpfige Ostgruppe unter der Leitung von Alfred de Quervain war dadurch und dank ausgezeichneter Vorbereitung optimal positioniert und nahm die Querung unter die Füsse bzw. Kufen.
Nicht Teil des Teams waren die drei Mitglieder der Westgruppe. Ihnen ist der folgende Beitrag gewidmet.
Die Mitglieder der Westgruppe kehrten an den Eisrand zurück. Zuerst August Stolberg mit ersten Trägern, einen Tag später die restlichen Helfer, drei Inuit und Wilhelm Jost sowie Paul-Louis Mercanton. Sie waren länger im Einsatz gewesen und benötigten für die Distanz westwärts zwei Tagesmärsche.
Für einmal sollen Selbstverständnis und Forschungsaufenthalt dieser Expeditionsteilnehmer thematisiert werden. Denn oft schon war der Leiter und das Unternehmen der Querung im Fokus.

Diese eigentliche Lebensversicherung bestand aus diversen Instrumenten, unter anderem Chronometer für die Bestimmung der Position. – Bildarchiv, HSA_0001-01-0094
Das Unternehmen zur Erstellung eines Höhenprofils des Inlandeises ist die vielbeachtete Expedition, die bei der Anreise und später bei ihrer Verwertung im Rahmen wissenschaftlicher und öffentlicher Berichte zu historisch interessanten Belegen und Begebenheiten führte. Damals wie heute faszinierte das Wagnis des fünfwöchigen Unternehmens quer über den grönländischen Eisschild noch ohne unterstützendes GPS.
Im Gegensatz dazu verlief die geplante stationäre Untersuchung am Eisrand in einer öden Gesteinslandschaft. Sie bot vor allem Gelegenheit für wiederkehrende Touren zu Vermessungspunkten unterhalb und oberhalb des Moränenschutts.
Forschung über Polarforschung
Die Geschichte der Polarforschung wurde und wird aus unterschiedlichen Blickwinkeln geschrieben. Als wichtige Aspekte wurden das Vorantreiben der Forschung und wissenschaftliche Erfolge in den Polargebieten hervorgehoben, bedeutend insbesondere in geographischer und geowissenschaftlicher Hinsicht. Es liegen jedoch auch Untersuchungen aus postkolonialer sowie aus wissensgeschichtlicher Perspektive vor. Die sich in Grönland manifestierenden Schweizer Praktiken der naturwissenschaftlichen Wissenskultur des beginnenden 20. Jahrhunderts und die Handlungsräume der Inuit wurden in letzter Zeit insbesondere durch Lea Pfäffli ausgeleuchtet.
Überlieferte Bilder nach Möglichkeit den Reiserouten, Kameras und Personen zugeordnet
Nach aufwendiger Vorarbeit bei der Erschliessung kann auf Material zugegriffen werden, das der Forschung weitere Einblicke ermöglicht. Die Fotobestände von Alfred de Quervain und Wilhelm Jost sind digitalisiert, erschlossen und online zugänglich.
Die Materialität der Aufnahmen, die komplexen Umstände ihrer Zwischennutzung und die lange Einlagerungsdauer der Bilder, dabei entstandene Umschichtungen und Interpretationen, die mitunter ohne Verknüpfung mit Ereignissen oder mit den Biographien der Forschungsreisenden eine verwirrende Ausgangslage schufen – all dies verwischte die Kontexte und Bezüge derart, dass kontextualisierte Aussagen nur noch bei einem zwar wesentlichen, aber kleinen Teil der Bilder möglich waren und sehr viele Aufnahmen praktisch ohne Aussagekraft aussen vor blieben. Was zuerst als Sicht auf die Ereignisse in private Lebensläufe eingebettet war, bald darauf interpretiert wurde für Vorträge, kam später durch Erkenntnisfortschritte bei den jeweiligen Besitzern und Forschern als Diasammlung in eine neue Ordnung und wurde am Ende durch die Sichtweise einer nächsten Generation erneut umgestaltet.
Mehr als die Expeditionsroute de Quervains von 1912 enthalten
Für die ursprünglich zwei bebilderten Sommerreisen 1909 und 1912 von insgesamt neun Personen mit teilweise individuellen Reiserouten innerhalb Grönlands war im Hinblick auf wissenschaftlich stichhaltige Interpretation Bild für Bild eine sorgfältige Analyse und gesamthaft eine an Chronologie orientierte Ordnung zu leisten. Was Alfred de Quervain an expeditionsbezogenem Bildmaterial ursprünglich bei sich gehabt haben dürfte, kam – zeitlich ja überschneidend – in die Reihenfolge «zuerst Ostgruppe, dann Westgruppe». Bei den Dias stehen ganz an erster Stelle die von seinem Sohn ausgewählten handkolorierten Lichtbilder (1909 und 1912 vom Genannten zusammengenommen), deren Überlieferung im Original leider lückenhaft ist, gefolgt von den fast vollständig überlieferten frühen Farbfotografien (darunter Aufnahmen der Westgruppe). In dieser Serie folgen weiter schwarz-weisse Diapositive, deren Grundlage Negative sind, die mit verschiedenen Kameras aufgenommen wurden. Originale, frühe Kunststoff-Filmnegative bilden neben den Glasnegativen eine eigene Serie. Die Stereobilder der Kamera ICA Polyskop eine weitere. Eine ähnliche Einteilung ergibt sich bei Wilhelm Jost. Für weitere Angaben sei auf einen der nächsten Blogbeiträge zum Thema verwiesen. Die insgesamt komplexe Aufarbeitung von über 2000 Bildträgern (inkl. Abzüge) konnte nur dank vieler aufwendiger digitaler Vergleiche und Quellenarbeit ausgeführt werden und basiert auf historisch-archivarischer Arbeitsweise mit dem Ziel, Grundlagen für die Geschichtsschreibung bereitzustellen. Sie wurde nur zu einem kleinen Teil im Rahmen der sonst definierten, entlöhnten Aufgaben als Archivarin im Hochschularchiv geleistet und war lange nicht der einzige Bearbeitungsschritt auf dem Weg zur definitiven Bereitstellung eines geordneten, erläuterten Bildbestandes. Eine Arbeit, die nur dank der guten Zusammenarbeit gelingen konnte. Die vielen weiteren Schritte, von Erhaltungsmassnahmen des analogen Bilderbestands bis zur Planung der Digitalisierung führte das zuständige Bildarchiv aus, einschliesslich der Veröffentlichung auf E-Pics.
Doch kehren wir zurück ins Jahr 1912 an den Eisrand.

Die Station
Vom Ufer bei Quervainhavn bzw. Nalluarsuit Tasinngortaat führte der Weg über Felsenterrassen in rund dreieinhalb Stunden hoch bis an den Eisrand. In der hügeligen, manchmal steilen Landschaft aus Felsen und Geröll von Nunap Kigdlinga befanden sich mehrere durchaus reizvolle Seen. In fast jedem Winkel aber war es windig. Meist herrschte eine Art Föhnsturm. Bei einem schützenden kleinen Hügel wurde schliesslich der Zeltplatz eingerichtet, nahe am Untersuchungsobjekt ‚Inlandeis‘ und nicht weit vom letzten gemeinsam benützten Platz «Depot». Das Zeltlager, bestehend aus Schlafzelt sowie Material- bzw. Besucherzelt, befand sich gemäss Schilderung „800 m vom Eisrand entfernt auf 535 m Höhe. … Von ferne (sah man) die blauen Wasser des Atasundes mit seinen Eisbergen hinüberglänzen. Hinter dem dunklen Massiv der Insel Igdloluarsuit im Osten erschien der weisse Streifen des mächtigen Torsukatakeisfjord und weiterhin (für Bildbetrachtende im Rücken) bildeten den Horizont … Nugsuak und die fernen Gipfel der Diskoberge“.(Mercanton, Sommererlebnisse, S. 143)
Messreihen und Trägerdienste
Geplant war, den Eismassen und dem Terrain in den folgenden Wochen zu dritt Aussagen zu entlocken. Rings herum befanden sich Zeugen geodynamischer Vorgänge und glaziologischer Phänomene, die in den Augen der Wissenschafter auf Kartierung, Vermessung und fotografische Dokumentation warteten. Instrumente zur wissenschaftlichen Aufnahme hatten sie mitgebracht. Trägerdienste und weitere Unterstützung kamen von dafür flexibel anwesenden Inuit.
Lea Pfäffli untersuchte die Sichtweisen und Handlungsspielräumen der Inuit näher, die mit der Schweizerischen Grönlandexpedition in Kontakt traten. Ihre Recherchen über die bezahlten Löhne zeigen, dass sich interessierte Inuit den Dienst bei den Polarforschern auf besserem Niveau als sonst üblich entgelten lassen konnten, waren doch die Schweizer als externe Reisende, als Nicht-Dänen, zur Erfüllung ihres Forschungsprogramms besonders abhängig von den Leistungen der Inuit. «Sie teilten unser Brot mit uns, leisteten uns hundert kleine Dienste», schildert Paul-Louis Mercanton die Situation. Als Kajakfahrer pendelten viele von Ataa oder Arsivik bis nach Nalluarsuit Tasinngortaat, um vor Ort über ihre Angebote von Esswaren oder Diensten zu verhandeln.

Aufgabenliste, ausgehend von den Gesamtzielen der Expedition 1912/13
Zu Beginn der 30 Seiten der „Sommererlebnisse“ werden von Paul-Louis Mercanton folgende Programmpunkte aufgeführt: Glaziologische Studien, insbesondere Eisbewegung in verschieden geartetem Terrain mittels zweier zeitlich auseinander liegender Messsreihen, topographische Aufnahme des Nunap Kigdlinga und des Gebiets Quervainhavn, «Beobachtungen der mannigfachen Erscheinungen der uns umgebenden Gletscherwelt», möglicherweise Ausdehnung der Untersuchungen auf einen Felsgrat, der als sogenannter ‘Nunatak’ über die Oberfläche der Inlandeismasse aufragte. (Mercanton, Sommererlebnisse, S. 141ff., 166)
Wissenschaftliche Inbesitznahme
Der anfänglichen Fremdheit im Gelände konnte mit den Messarbeiten begegnet werden. Die Wissenschafter befanden sich zwar in arktischer Umgebung, riefen aber in gewohnter Weise ihre eigenen Verfahrensweisen ab, die sie bei der Gletschervermessung in der Schweiz anwandten. Sie gingen davon aus, unter Annahme des «Jedermannsrechts» automatisch die Erlaubnis zur wissenschaftlichen Erkundung des Felsengebiets aufgrund der von den Dänen bewilligten Einreise ins Land zu besitzen. Fragen nach den Rechten von Familien und Gruppen in der Nähe, darunter Fänger, die im Sund unterwegs gewesen müssten, stellten sich ihnen offenbar nicht (mehr), da ja die Einreiseerlaubnis vorlag. Ihre Handlungsspielräume erlebten sie als klar definiert. Was sie auszuführen hatten, war unter anderem die Triangulation, die auf dem Inlandeis zweimal erfolgen musste. Mit diesem Verfahren konnte man die Eisbewegung erkennen, die in der Zeit des Aufenthalts vor sich ging. Paul-Louis Mercanton arbeitete dafür am Theodolit, August Stolberg notierte die Messresultate und Wilhelm Jost ging mit der Messlatte von einem Merkstein zum andern. So berichtet es Mercanton zuhanden eines breiteren Publikums. Die Messungen ergaben, dass je nach Ort und seinem Gefälle oder Hindernissen zwischen rund 2 bis 6 cm Veränderung (Bewegung und Massenverlust) pro Tag zu verzeichnen waren.

Die ausführlichen Ergebnisse wurden in die wissenschaftliche Publikation der Expedition in Band 59 des Meddelelser 1925 (Résultats, S. 240ff) aufgenommen. Dort erfahren wir, dass die erste Vermessung während hartnäckigem Regenwetter 13 Stunden lang durchgezogen wurde. Eine Parforceleistung, die am 3. und 4. Juli dank der Mitternachtssonne möglich war. Der zweite Durchgang fand am 11. bis 12. August statt. Die wissenschaftlichen Belegstellen enthalten viele Details, unter anderem genaue Erläuterungen über platzierte Steine oder aufgestellte Bambusstangen. Diese waren gut im Eis zu verankern. Sie wurden in senkrechte Löcher eingebracht, die 3 m tief und 4 cm breit waren, aufgebrochen mit einer Bohrstange aus Eschenholz mit spezieller Stahlspitze. Wer sich an den Messpunkten am Aufbau beteiligte, darauf wird nicht eingegangen. Weiter gibt unter anderem eine Tabelle Auskunft über die Lageveränderungen der Messpunkte während 38 bzw. 39 Tagen. Insgesamt findet sich jedoch kein Wort, das auf die «hundert kleinen Dienste» der Männer aus Ataa oder Arsivik Bezug nimmt, die sehr wahrscheinlich während der aufwendigen Vorbereitungsarbeiten für die Triangulation durchaus stattfanden und die auch später zum Gelingen der Versuche beigetragen haben dürften.
Paul-Louis Mercanton erstellte im Verlauf der Messungen Landschaftsaufnahmen, die später als Negative Teil der Aufbewahrung von Expeditionsbildern wurden. Es sind Fotoplatten im Format 13 x 18 cm dabei, die für den Gang übers Gelände wohl ihr Gewicht hatten. Vielleicht lagen sie ja während des Transports hin und zurück in helfenden Händen?

Am Punkt 569.1 m ü. M. beim Frysefjeld zeichnete Mercanton auf einer später publizierten Karte zwei Pfeile ein (Ergebnisse 1920, Tafelbeilage III.2). Parallel dazu erstellte er vermutlich zwei fotografische Aufnahmen, von denen nur ein Bild (linker Pfeil; nicht das vorliegende Bild) nach Nordnordwesten publiziert wurde. Das publizierte Bild fehlt heute. Es befand sich nicht unter den archivierten Bildern. Hier zu sehen ist eine der Aufnahmen ist, die sich erhalten haben. Möglicherweise stellt sie die Sicht dar, die dem zweiten Pfeil entsprach.
Ein eigenes kleines Querungsprojekt
Bereits in den Tagen nach der Ankunft in der Bucht vor der Front des Auslassgletschers, bei einer gemeinsamen Begehung im Gelände am 14. Juni mit Alfred de Quervain, waren Paul-Louis Mercanton und Wilhelm Jost zum Schluss gelangt, dass der rund 25 km entfernte, gut sichtbare Felsgrat mitten in der Eismasse ein lohnendes Ziel darstellen würde, um verschiedene Fragen zu klären. Der Nunatak erreichte laut ihrer Messung die Höhe von 640 m, war mindestens 2.5 km lang und etwa einen Kilometer breit. Er erschien ihnen ungeachtet teilweise bewegter Eisoberfläche des Eqip Sermia erreichbar. Trotz oft hartnäckigen Phasen schlechten Wetters stimmten zumindest Wilhelm Jost und Paul-Louis Mercanton offenbar überein, das Projekt nicht nur im Hinterkopf zu behalten, sondern bei erster Gelegenheit darauf zurückzukommen und ihm den gebührenden Platz eines „Lieblingsprojekts“ einzuräumen.

Ein Rekognoszierungsmarsch von 20 Stunden sollte bald mehr Klarheit bringen. Zwei Sätze in der ausführlichen Beschreibung, wie die erste Einschätzung im Vorfeld zum eigentlichen Start ausfiel und dass ein teilweise hochzerklüftetes Gebiet zu erwarten war, fallen auf. Über den äusserst versierten Hochalpinisten Wilhelm Jost fiel der Satz: „Jost brennt vor Ungeduld!“ Dagegen war die Haltung von August Stolberg reservierter. Er hatte sich bereits 1909 mit Alfred de Quervain und Emil Baebler auf 230 km im schwierigen Karajakgebiet bewegt und war entsprechend zurückhaltend: „Stolberg … schüttelt zweifelnd den Kopf“.
Vorbereitung, Aufstieg, Höhepunkt, Wendepunkt, Ausklang
Dies sind die klassischen Merkmale und der Aufbau einer Abenteuer-Schilderung. Der Verfasser der „Sommererlebnisse“ entschied sich im Rückblick für diesen Ansatz und strukturierte seine Ausführungen auf immerhin elf Seiten nach diesem Schema (Mercanton, Sommererlebnisse, S. 154-164). Die Details über den Start sollen hier noch angeführt werden, denn dieser ist einer der Momente, in denen die Akquirierung von Trägerdiensten Erwähnung findet. Von Wilhelm Jost dirigiert und festgebunden kamen auf den Schlitten: „Zelt, Primuskocher, Theodolit, Bambus …“. „Gaba und Immanuel halfen, das Nötige zum Inlandeis hinauf zu schleppen“. Die Kameras und Rucksäcke ergaben weiteres Gepäck. Mit dem von Jost meisterhaft gepackten Schlitten ging es am Abend des 13. Juli los.

Die Klüfte müssen enorm gewesen sein. Das Spaltengebiet forderte auf der mehrtägigen Tour seinen Preis. Gewonnen wurde offenbar das Erlebnis, in noch nie erlebte Dimensionen alpinistischer Leistung einzutauchen. An einem gewissen Punkt kehrte August Stolberg um, allerdings erst am 17. Juli 5 Uhr abends. Bis dahin waren die Herausforderungen je für sich „Höhepunkte“: Dauerregen, einsetzender Nebel, wütender Südwestwind, tiefe Schründe in einem ersten und in einem zweiten Eisstrom, Umwege, Seen, Biwaks, bei denen das Eis vom Wetter „erstaunlich rasch zerfressen“ wurde, „umsonst versuchen wir mit dem Pickel das Zelt zu verankern“. Es fragt sich angesichts der geschilderten Umstände, wo die Beweggründe für eine solche „Mordstour“ lagen. Mit Wilhelm Jost war ein sehr aktiver Berggänger und Kletterer im Team der Westgruppe. Unter Umständen verhalf ihm ein Erfolg zu der von ihm gesuchten Form von Karriereschub, alpinistisches Können verschränkt mit wissenschaftlichem Leistungsausweis. Paul-Louis Mercanton war ganz speziell der Gletscherbeobachtung in den Alpen verpflichtet und gewichtete offenbar die Begehung als Erkenntnisgewinn.
Nach der Verabschiedung von August Stolberg schulterten Wilhelm Jost und Paul-Louis Mercanton das entsprechende Mehrgewicht. Die Instrumente hatten in diesem Moment Vorrang vor Proviant. Das war ihrer Einschätzung nach zu verantworten, denn auf einer schon zwei Tage zuvor, am 15. Juli, erreichten, zwischen Ausgangspunkt und Nunatak liegenden Moräne mitten auf dem Eis hatten sie zu dritt ein Lebensmitteldepot samt Kocher errichtet. Dies war unumgänglich gewesen, denn um den Transport der Instrumente zu ermöglichen, mussten sie die gleichen Strecken mehrfach zurücklegen.
Entscheidende Wendung
Am Schluss aber war die Natur doch eine Spur unberechenbarer als von den beiden Alpinisten angenommen. Am 18. Juli näherten sich Wilhelm Jost und Paul-Louis Mercanton nach sehr anstrengender Kletterei über Grate und Schründe um 8 Uhr morgens der Moräne, um sich auszuruhen und zu verproviantieren. Doch was sie antrafen, liess sie zweifeln, ob sie den Weg verfehlt hatten. Unbekanntes Terrain, eine blaue Eiswand am Ende einer gähnenden Schlucht. Weitere Details halfen auf die Sprünge. Ein See hatte sich durch die Moräne entleert und alles weggespült, was sie deponiert hatten. Auch den Proviant. Obwohl der Nunatak in ihren Augen bereits greifbar nah war, bedeutete dieser Totalverlust, dass der Rückweg angetreten werden musste. Der Aufbruch dazu wurde allerdings noch durch das Missgeschick verzögert, dass Jost, getäuscht durch seine Brille, in einen wilden Bach fiel und nur dank seiner Steigeisen nicht in einem tiefen Kessel verschwand.

Rückkehr
Frierend musste ungeachtet des Fiaskos Erholung gesucht werden. Ein durchnässter Schlafsack und nasse Kleider kamen zur Trocknung an den Wind. In der Wartezeit „wollen wir die Moräne photographieren; vielleicht würde sich dabei noch etwas von unserm Depot finden lassen. Nichts!“ (Mercanton, Sommererlebnisse, S. 163) Dabei nahm Paul-Louis Mercanton obenstehende Fotografie auf. Für den Rückweg, der sich am Schluss bis zum Zelt und Schlitten auf 34 Stunden ohne eigentliche Rast, aber mit vielen kleinen Pausen belief, waren drei Stäbchen einer Art konzentrierter Nahrung einzuteilen. Angekommen beim eingelagerten Zelt, harrten sie dort aufgrund einer Augenentzündung Mercantons und ihrer Erschöpfung zwei Tage aus, bevor sie am 21. Juli wieder bei der Station eintrafen.
Zweifellos war hier neben alpinistischem Können mehrfach Glück im Spiel. Wann entleert sich ein See bei einer Moräne? Wie schnell schmilzt tragendes Eis wirklich bei starkem Regen? Sollten weite Strecken in solchem Terrain lediglich mit Instrumenten im Rucksack begangen werden? Es scheint dennoch nichts dagegen gesprochen zu haben, die Geschichte über die Abenteuer jenseits des Eisrands, über die Tiefen der grönländischen Gletscher und deren letztendlich erfolgreiche Bezwingung zu erzählen. Trotz nicht erreichtem Nunatak konnte auch die Westgruppe eine – allerdings eher an Erfolge im Alpinismus anknüpfende als das Polarfieber bedienende – Heldengeschichte ausweisen.
Zehn Tage nach der Rückkehr zur „Station“ verliess die Westgruppe den Zeltplatz auf 535 m Höhe und stellte die zwei Zelte am Ufer der Bucht Quervainhavn bzw. Nalluarsuit Tasinngortaat auf. Noch war ihre Arbeit nicht abgeschlossen, aber die Wetterbedingungen hatten sie zum Umzug bewegt. Fotografische Arbeiten waren noch nicht ausgeführt. Auch der zweite Durchgang der Triangulation wartete.
Ausblick
Die Abreise und der Winteraufenthalt von August Stolberg und Wilhelm Jost auf Disko sowie die dort erfolgten Exkursionen sollen nicht mehr an dieser Stelle, sondern in weiteren Blogbeiträgen thematisiert werden.
Ein weiterer lohnenswerter Zugang zu den vorliegenden Bildern ist ausserdem, den Blick auf die im Bestand gespiegelte Geschichte der Bildträger und Kameras zu richten sowie die historischen Lichtbilder, die früher bereits Vorträge begleiteten, näher zu betrachten. Diese Fragen sollen gleich als erstes in einem Beitrag des Bildarchivs, der voraussichtlich Mitte Mai erscheinen wird, behandelt werden.

Weiterführende Literatur
Ergebnisse der Schweizerischen Grönlandexpedition 1912-1913, u.a. red. A. de Quervain & P.-L. Mercanton, Basel 1920 (Neue Denkschriften der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft, Bd. 53).
Karte über die vom Grönländischen Ortsnamenausschuss offiziell anerkannten Ortsnamen, verfügbar auf Nunat Aqqi.
Mercanton, Paul-Louis, Sommererlebnisse der Westgruppe, in: Quervain, Alfred de; Mercanton, Paul-Louis, Stolberg, August, Quer durchs Grönlandeis, S. 140-170. Das Kapitel ist in der Wiederauflage durch Quervain, Marcel de, Haffner, Peter, Quer durchs Grönlandeis, im NZZ Verlag 1998 nicht enthalten.
Pfäffli, Lea, Arktisches Wissen, Schweizer Expeditionen und dänischer Kolonialhandel in Grönland (1908-1913), Frankfurt am Main 2021.
Quervain, Alfred de, Mercanton, Paul-Louis, Stolberg, August, Quer durchs Grönlandeis. Die schweizerische Grönlandexpedition 1912/13, Basel 1914.
Quervain, Alfred de, Stolberg, August, Durch Grönlands Eiswüste, Strassburg 1911.
Quervain, Alfred de, Hood, Martin, Across Greenland’s Ice Cap: The Remarkable Swiss Scientific Expedition of 1912, Montreal 2022. Originales Buch von 1914 übersetzt von Elisabeth de Quervain Schriever und William Schriever, inkl. Kapitel von Paul-Louis Mercanton (Sommererlebnisse) und August Stolberg (Überwinterung auf Disko). Mit Einleitung von Martin Lüthi und Andreas Vieli.
Quervain, Marcel de, Haffner, Peter, Quer durchs Grönlandeis, Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 1998.
Résultats scientiques de l’expedition suisse au Groenland 1912-13, u.a. red. P.-L. Mercanton, Kopenhagen 1925 (Meddelser Bd. LIX).
Negative und Glasdiapositive
Bestand von Alfred de Quervain: Fotografischer Nachlass mit Schwerpunkt geophysikalische Forschung sowie Lehre, ca. 1900 bis 1925. Darin Grönlandexpeditionen 1909 und 1912/13, mit Aufbewahrung von Bildern, die an ihn als Leiter der Grönlandexpeditionen 1909 und 1912 gingen. – Unter Umständen ein weiteres Mal mit Entertaste die Suche erneuern – Dia_297, HSA_0001-01, HSA_0001-02, HSA_0001-04
Bestand Wilhelm Jost: Fotografischer Nachlass mit insbesondere Bildern von seinem Aufenthalt auf Disko und in Ilulissat, 1912/13. – Dia_390, HSA_0002-01, HSA_0002-02, HSA_0002-04
Hinweis
Das ganz zu Beginn gezeigte Einstiegsbild zeigt die flache Halbinsel von Atanikerluk und liegt weiter nordwestlich nach Saqqaq am Vaigat und nicht im Atasund. 1919 fotografiert von Morten Porsild in speziell breitem Format (geeignet für das Einstiegsbild) und zugänglich in der Fotosammlung ‚Danish Arctic Institute’s Photography, Art and Object, Maps and Audio Collection‘, Arktiske Billeder, ID 3745. Die in dieser Fotosammlung veröffentlichten Bilder unterstützten mehr als einmal die Bilderschliessung der oben aufgeführten Fotobestände.