Als der Entomologe Vittorio Delucchi im Januar 1968 die ETH betrat, war es eine Heimkehr; eine, für die man ihm einen roten Teppich bis nach Rom ausgerollt hatte. Der Tessiner widmete seine Forschungskarriere der Idee, Schädlinge mit anderen Schädlingen zu bekämpfen. Er war ein Pionier dieser Methode, die sich zur Zeit seines Wirkens als Alternative zur chemischen Schädlingsbekämpfung etablierte.[i] Delucchi war als Gründer des Instituts für Phytomedizin und langjähriger Professor eine wichtige Figur an der ETH. Seine frühe Karriere verbrachte er allerdings beim Commonwealth Institute of Biological Control (CIBC) und der Food and Agriculture Organisation (FAO) der UN. Auch darüber hinaus und danach bewegte er sich in einem sehr internationalen Umfeld. Delucchi war Mitgründer der International Organisation for Biological Control und arbeitete in zahlreichen Ländern, häufig in Nord- und Westafrika.[ii] In der entomologischen Sammlung der ETH liegt die unveröffentlichte Autobiografie des Insektenforschers. Sie erlaubt einen Rückblick auf eine ergiebige Wissenschaftskarriere, aber auch Einblicke in die Ambivalenz der Intervention von multilateralen Organisationen im Zeitalter der Dekolonisierung.
Karriere zwischen ETH und FAO[iii]
Vittorio Delucchi wurde 1925 im Tessiner Dorf Arogno geboren, in dem seine Familie und er, abgesehen von einem Abstecher nach Belgien, seine ganze Kindheit verbringen würden. Nach einer Schlaufe über eine Lehrerausbildung war Delucchi ab 1945 an der ETH für ein Agrarwissenschaftsstudium eingeschrieben. Nach seinem Doktorat begann seine Karriere beim Commonwealth Institute of Biological Control. Hier erprobte Delucchi ab 1949 ein erstes Mal die damals noch neue Idee, Schädlinge mit Schädlingen zu bekämpfen. Dadurch half er mit, der Agrarwirtschaft eine Alternative zu synthetischen Insektiziden zu bieten, wie es in den Jahren des Zweiten Weltkriegs und unmittelbar danach auch an der ETH erforscht und propagiert wurde.[iv] So sollte die Landwirtschaft ökologischer und effizienter gestaltet werden. 1958 wechselte Delucchi zur FAO. Er wurde in Marokko stationiert, hauptsächlich um dort zu erforschen, wie man die Laus Aonidiella aurantii auf Zitrusfrüchten bekämpfen könnte. Vier Jahre später holte man ihn als Forscher an die ETH. 1965 kehrte er zur FAO zurück. Er siedelte nach Rom über, bevor er 1968 wiederum zurück an die ETH wechselte und hier ohne Wettbewerb «Professore» wurde. Gemeinsam mit Heinz Kern gründete Delucchi 1980 das Institut für Phytomedizin.[v] Seine Karriere führte ihn allerdings weiterhin um die Welt. Unter anderem suchte er Antagonisten für einen Reisschädling in einem Grossprojekt für das EDA in Madagaskar, arbeitete aber zum Beispiel in Tunesien, dem Sudan, Benin, Kreta und Griechenland sowie für kürzere Aufenthalte auch in Paraguay und auf den Philippinen. Seine Methode, Schädlinge mit Schädlingen zu bekämpfen, etablierte sich im Verlauf seines Lebens zunehmend und wurde auch kommerziell interessant.[vi] Ab den 70er-Jahren arbeitete Delucchi auch wiederholt mit der Agrarchemie-Firma Ciba Geigy zusammen, so zum Beispiel in einem Projekt zur Bekämpfung eines Baumwollschädlings im Sudan. 1990 ging Delucchi in Pension. Seine Autobiografie schrieb er kurz vor seinem Tod im Jahr 2015.[vii]

Schädlingsbekämpfung und multilaterale Organisationen im Zeitalter der Dekolonisierung
Auch wenn Delucchi für die Entomologie an der ETH eine prägende Figur war, verbrachte er einen wichtigen Teil seiner Karriere im Dienst von multilateralen Organisationen. Die Rolle von multilateralen Organisationen bei der Dekolonisierung von Ländern im Globalen Süden ist heute umstritten.[viii] Gleiches gilt für Entwicklungszusammenarbeit, den Entwicklungsbegriff überhaupt[ix] und Forschungskollaborationen[x]. In Delucchis Autobiografie sind einige dieser Ambivalenzen gespiegelt.
Eva Muschik spricht dabei weniger von Ambivalenz, sondern von einer «Binarität» des Diskurses zwischen jenen, die die Geschichte der multilateralen Organisationen als Erfolgsgeschichte lesen und jenen, die dieselben Organisationen als neokolonial kritisieren[xi], respektive der Influx an Technokraten dieser Organisationen als «third colonial occupation» bezeichnen.[xii] Als Argument für zweitere Sicht wird zum Beispiel betont, dass viel Personal, das in den 1950er-Jahren in der Forst-Abteilung der FAO arbeitete, zuvor beim Colonial Forest Service angestellt gewesen war.[xiii] Auch Vittorio Delucchi war gewissermassen eine solche personelle Kontinuität aus dem Empire bei der FAO: Er startete seine Karriere beim Commonwealth Institute of Biological Control (CIBC) in einer Zeit, in der Grossbritannien noch Kolonien hatte. In seiner Autobiografie findet sich zwar kein Hinweis darauf, dass Delucchi ein Verfechter des britischen Empires gewesen wäre, und sein Hauptarbeitsort war während seiner ganzen Zeit beim CIBC die Schweiz. Aber die Entwicklung der angewandten Entomologie war in Grossbritannien mit der Kolonialpolitik eng verknüpft, so diente zum Beispiel Indien den britischen Entomologen als Experimentierfeld.[xiv] Delucchis erster Arbeitgeber war 1947 zuvor aus dem Imperial Parasite Service hervorgegangen und hiess in den ersten zwei Jahren seiner Anstellung – bis 1951 – noch Imperial Bureau of Biological Control. Schon in der parlamentarischen Debatte zur Gründung und Finanzierung des Entomology Research Committee – aus dem sich alle späteren Unterorganisationen entwickeln würden – hatte ein Mitglied des House of Commons gesagt, dass man mit diesem Geld mehr zur Konsolidierung des Empires beitrage als mit einer militärischen Intervention.[xv][xvi][xvii]
Die spezifische Situation, in der sich Delucchi fand, als er 1958 bei der FAO zu arbeiten begann, war, dass die Organisation in den Jahren zuvor einen Paradigmenwechsel durchlaufen hatte. In den Fünfzigerjahren herrschte die Idee vor, dass in den FAO-Programmen die «Rural Welfare» im Zentrum stehen sollte; dass soziale Faktoren also mindestens so zu gewichten seien wie technische Aspekte. Im Verlauf der 50er-Jahre wurde diese Sicht von einer technischeren Modernisierungsperspektive abgelöst. Im Vordergrund standen nun relativ kurzfristige, technische Interventionen von «Experten» die mit dem lokalen Kontext kaum vertraut waren. Ein Grossteil des Budgets wurde dabei für die westlichen Experten aufgewandt. Heute wird diese Art von rein technischer Intervention kritisch gesehen.[xviii] Delucchi selbst arbeitete als FAO-«Experte» vier Jahre in Marokko. Dem lokalen Kontext blieb er dort weitgehend fern. So begann er etwa Russisch zu lernen, um sich mit anderen Ausländer:innen zu verständigen, anstatt sich die Lokalsprache Arabisch anzueignen. Delucchi fügte 2015 auf diesen Entscheid zurückblickend hinzu: «Heute wäre meine Meinung dazu vielleicht eine andere.»[xix] Auch seine zweite Frau Geraldine Laflamme lernte er im Stab der internationalen Organisationen in Marokko kennen. Laflamme war Physiotherapeutin. Delucchi erwähnt lobend, dass sie sich – anders als viele ihrer Kolleginnen – nicht mit Marokkanern «herumgetrieben» («bazzicava») habe.[xx]
Der wenige Kontakt mit Marokkaner:innen spiegelt sich auch in einer weitestgehenden Abwesenheit von der Erwähnung von lokalen Wissenschaftler:innen in Delucchis Autobiografie. Das Umfeld das Delucchi beschreibt scheint damit eines, das die Kritik stützt, gemäss welcher multilateralen Organisationen primär Menschen aus wohlhabenden Ländern Karrieremöglichkeiten geboten hätten.[xxi][xxii] Allerdings werden in Delucchis Autobiografie einige lokale Angestellte namentlich erwähnt. In einem Abschnitt erwähnt er eine Laborantin mit dem Namen Sabatier, einen Chauffeur namens Fedel, einen «festen Helfer» Doghmì, einen «gelegentlichen Helfer» Mekki. Diese beiden seien in der Lage gewesen, «die Insekten, so klein sie auch waren, auf einwandfreie Weise vorzubereiten». Doghmì habe während seines Aufenthalts in Marokko mindestens zehntausend Calcididae und Proctotrupidae für ihn präpariert. Viele davon seien später als neu beschrieben worden.[xxiii] Mekki und Doghmi werden allerdings in der Publikation Hymenopteres Chalcidiens du Maroc, welche die wichtigsten Ergebnisse vom Forschungsprojekt in Marokko zusammenfasst, nicht erwähnt. Namentlich erwähnt wird dort allerdings Mohamed Fedel Mesbahi, nach dem eine Art benannt wurde, weil er den Holotypen gefangen hatte.[xxiv] Gut möglich, dass der 90-jährige Delucchi den Fedel mit Doghmi oder Mekki verwechselt hat. In seinem Nachruf wird zudem erwähnt, dass Delucchi in einem Projekt in Madagaskar auch einen Fokus darauf gelegt habe, lokale Mitarbeitende auszubilden.[xxv]

Ein Grossteil der in Delucchis Autobiografie erwähnten Personen sind aber Europäer, Amerikaner und Personen aus der Sowjetunion. Delucchi beschreibt auch konkret, wie seine Verbindungen Personen aus der Schweiz wiederum Karrieremöglichkeiten boten: Ein ehemaliger Doktorand von Delucchi machte später ebenfalls Karriere in multilateralen Organisationen. Delucchi beschreibt, wie dieser wiederum mehrere «seiner» späteren Doktoranden angestellt hat.[xxvi] Manchmal wurden lokale Initiativen im Kampf um Ressourcen von multilateralen Organisationen sogar verdrängt.[xxvii] Auch Delucchis Autobiografie spricht das kurz an. Als er in Griechenland mit Olivenschädlingen arbeitete, habe es Kritik von Griechen gegeben: Welche Ahnung habe ein Schweizer schon von Oliven.[xxviii] Über den Forscherkollegen, ein Projekt zur Bekämpfung von Maniok-Schädlingen geleitet hat, schreibt Delucchi, dass ein lokaler Forscher des Inter African Phytosanitary Council verlangt habe, dass man Gelder statt in die Programme unter Führung des Schweizers direkt an seine afrikanische Organisation gebe.[xxix]
Vittorio Delucchis Karriere ist damit ein Beispiel für die Einbettung von beeindruckender, angewandter Forschung im Spannungsfeld multilateraler Organisationen.
[i] Baltensweiler, W.: Zum Rücktritt von Herrn Professor Dr. Vittorio Delucchi, in: Mitteilungen der Schweizerischen Entomologischen Gesellschaft 63 (3–4), S. 275/276, hier S. 275.
[ii] Sauter, Willi: Delucchi, Vittorio, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 27.09.2017.
[iii]Wo nicht anders vermerkt, stammen die Informationen in diesem Abschnitt aus der Autobiografie von Vittorio Delucchi. Die Seitenzahlen in seiner Autobiografie sind nicht fortlaufend, manche existieren doppelt.
[iv] Straumann, Lukas: Nützliche Schädlinge. Angewandte Entomologie, chemische Industrie und Landwirtschaftspolitik in der Schweiz 1874–1952, Zürich 2005, hier: S. 202.
[v] Sauter, Willi: Delucchi, Vittorio, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 27.09.2017.
[vi] Jutsum, A. R.: Commercial Application of Biological Control. Status and Prospects, in: Philosophical Transactions of the Royal Society of London. B, Biological Sciences, 318 (1189), S. 357–373, hier: S. 357–373.
[vii] Delucchi, Vittorio: Biografia di Vittorio Delucchi 1925–2015. Unveröffentlichtes Manuskript, Entomologische Sammlung der ETH Zürich., S. 1–75.
[viii] Muschik, Eva-Maria: Special Issue Introduction: Towards a Global History of International Organizations and Decolonization, in: Journal of Global History 17 (2), S. 173–190, hier: S. 174.
[ix] Cooper, Frederick: Writing the History of Development, in: Journal of Modern European History 8 (1), S. 5–23, hier: S. 10.
[x] Gaillard, J.: North-South Research Partnership. Is Collaboration Possible between [the North and the South?], 1994.
[xi] Muschik, Special Issue Introduction, Journal of Global History 17 (2), hier: S. 174.
[xii] Gold, Jennifer: The Reconfiguration of Scientific Career Networks in the Late Colonial Period. The Case of the Food and Agriculture Organization and the British Colonial Forestry Service, in: Bennett, B. M. et al. (Hg.): Science and Empire, Manchester 2011, S. 297–320, hier: S. 297.
[xiii] Ebd.
[xiv] Clark, J[ohn] F. M[cDiarmid]: Bugs in the System. Insects, Agricultural Science,
and Professional Aspirations in Britain, 1890–1920, in: Agricultural History 75 , .:
[xv] Blight, Denis: CABI. A Century of Scientific Endeavour, Wallingford 2011, S. 1–160, hier: S. 11.
[xvi] Ebd., S. 59/60.
[xvii] Ebd., S. 15/16.
[xviii] Forclaz, Amalia Ribi: From Reconstruction to Development. The Early Years of the Food and Agriculture Organization (FAO) and the Conceptualization of Rural Welfare, 1945–1955, in: The International History Review 41 (2), S. 351–371, hier: S. 351-371.
[xix] Delucchi, Biografia di Vittorio Delucchi, S. 30.
[xx] Ebd., S. 34
[xxi] Eckhard, Steffen; Steinebach, Yves: Staff Recruitment and Geographical Representation in International Organizations, in: International Review of Administrative Sciences 87 (4), S. 701–717, hier S. 701.
[xxii] Posta, Istvan; Terzi, Cihan: Junior Professional Officer/Associate Expert/Associate Professional Officer Programmes in United Nations System Organizations, Genf 2008, S. 1–30, hier: S. 10.
[xxiii] Delucchi, Biografia di Vittorio Delucchi, S.30
[xxiv] Delucchi, Vittorio L.: Hyménoptères Chalcidiens du Maroc. I. Pteromalidae, in: Al Awamia 2, S. 113–135, hier: S. 114.
[xxv] Bieri, Markus; Bigler, Franz: Professor Dr. Vittorio Delucchi (21. Mai 1925–26. Nov. 2015), in: Mitteilungen der Schweizerischen Entomologischen Gesellschaft 89 (1–2), S. 1/2, hier S. 1.
[xxvi] Delucchi, Biografia di Vittorio Delucchi, S.60.
[xxvii] Kamruzzaman, Palash: ‘Epistemic Injustice’ in Aid Sector and Agenda for Researching National Development Experts, in: Social Epistemology Review and Reply Collective 10 (6), S. 77–84, hier: S. 77.
[xxviii] Delucchi, Biografia di Vittorio Delucchi, S. 55.
[xxix] Ebd., S.60.