Franz Ungers (1800-1870) botanische Forschungen in der Gebirgswelt

Der Mediziner und Botaniker Franz Unger (1800-1870) veröffentlichte 1836 sein Werk Ueber den Einfluss des Bodens auf die Vertheilung der Gewächse, nachgewiesen in der Vegetation des nordöstlichen Tirol’s. Darin beschrieb er seine Feldforschungen zum Vorkommen von Pflanzen aufgrund der Bodenbeschaffenheit und der klimatischen Verhältnisse in der Umgebung von Kitzbühel.

Unger arbeitete von 1830-1835 als Arzt in Kitzbühel und widmete sich nebenbei der Botanik. Seit 1831 war er Mitglied der Regensburgischen Botanischen Gesellschaft, die einen Preis «für die beste phytogeographische Arbeit über irgendeinen Theil der süddeutschen Alpenkette» ausgeschrieben hatte und die Arbeit in ihrer Zeitschrift «Flora» veröffentlichen wollte (Drescher 2016, S. 149). Bei Wanderungen im Gebirge war Unger aufgefallen, dass auf bestimmten Kalkböden sich nur bestimmte Pflanzen beobachten liessen. In der Folge befasste er sich über mehrere Jahre mit der systematischen Untersuchung der Vegetation in der Umgebung von Kitzbühel und verglich diese mit der Pflanzenwelt anderer Gebirgsregionen:

Die Vegetation der Umgegend meines Aufenthaltortes, in einer Ausdehnung von 19 ½ Meilen, sollte auf das Sorgfältigste untersucht und ihre Beziehungen zur Aussenwelt auf das Genaueste geprüft werden; ein Pflanzengemälde sollte entworfen werden, das nicht nur eine treue Angabe der räumlichen und zeitlichen Verhältnisse des Einzelnen enthielte, sondern auch den ursächlichen Zusammenhang zwischen den äusseren Bedingungen und dem inneren Leben anschaulich machte (Unger 1936, S. XIII).

Abbildung 1: Phyto-petrographische Karte der Umgebungen von Kitzbühel
Abb. 1: Karte zum untersuchten Gebiet um Kitzbühel (Unger 1836)

Ein weiterer Grund, sich ausgerechnet mit der Pflanzenwelt um Kitzbühel auseinanderzusetzen, lag darin, dass Unger die Pflanzenwelt im Gebirge als authentisch auffasste, die im Gegensatz zu anderen geografischen Regionen von menschlichen Einflüssen noch unbeeinflusst war:

Hat der Lebensbedarf des Menschen, der Handel und Verkehr, der Krieg und sein verheerendes Gefolge mächtig auf die Oberfläche der Erde und ihre Erzeugnisse eingewirkt, so bemerken wir, dass diese Einwirkungen in eben dem Masse abnimmt, als wir von den Ebnen und grossen Stromgebieten in die Gebirgsthäler fortschreiten, und von da uns auf die Anhöhen der Gebirge erheben (Unger 1836, S. IX-X)

Auf die Preisausschreibung wurden nur zwei Arbeiten eingereicht, wobei die zweite Arbeit noch vor Ablauf des Einreichungsdatums zurückgezogen wurde (Drescher 2016, S. 150). Unger vertrat die Auffassung, dass die mineralische Bodenbeschaffenheit der Böden einen Einfluss auf das Vorkommen von Pflanzen hat, was damals noch nicht allgemeine Lehrmeinung war (Drescher 2016, S. 168). Allerdings wurden zur gleichen Zeit ähnliche Untersuchungen durchgeführt. 1836 veröffentlichte beispielsweise Oswald Heer (1809-1883), seit 1835 Professor für Botanik an der Universität Zürich, eine ähnliche Untersuchung, in der er die Ergebnisse zu seinen Forschungen über die Vegetation im südöstlichen Teil des Kantons Glarus präsentierte (Drescher 2016, S. 168). Es ist nicht bekannt, ob Unger schon damals Kenntnis über die Forschungen Heers hatte.

Unger legte Wert darauf, dass sein Werk ungekürzt erschien und liess das mehr als 300 Seiten umfassende Werk auf eigene Kosten bei einem Verlag drucken. Für die Zeitschrift «Flora» verfasste er einen Auszug seiner Arbeit, der dann veröffentlicht wurde. Die Preisverleihung fand 1837 statt (Drescher 2016, S. 153).

Fig. 8: Nordöstlicher Durchschnitt des Thales von Kitzbuehel
Abb. 2: Nordöstlicher Durchschnitt des Tales von Kitzbühel (Unger 1836)

Ausgehend von seinen Forschungen in Kitzbühel widmete sich Unger in den folgenden Jahren ganz der Botanik und befasste sich zunehmend auch mit der fossilen Pflanzenwelt, weil er davon ausging, dass die gleichen Einflussfaktoren auf deren geografische Verbreitung gewirkt hatten wie auf die gegenwärtige Pflanzenwelt (Gliboff 2016, S. 99). Er veröffentlichte zahlreiche Monografien, lehrte ab 1835 am Joanneum in Graz Botanik und Zoologie und wurde 1849 zum Professor der Botanik an die Universität Wien berufen (Klemun 2003, S. 35-36). Unger beeinflusste mit seiner «holistischen» Forschung nachfolgende Generationen von Botanikern, Geologen und Paläontologen (Klemun 2003, S. 27-28).

Literatur:

Drescher, Anton (2016): Franz Ungers Beiträge zur Ökologie. IN: Klemun, M. (Hg.): Einheit und Vielfalt. Franz Ungers (1800-1870) Konzepte der Naturforschung im internationale Kontext. Wien: Vienna University Press. S. 141-175.

Gliboff, Sander (2016): Franz Unger and Developing Concepts of Entwicklung. IN: Klemun, M. (Hg.): Einheit und Vielfalt. Franz Ungers (1800-1870) Konzepte der Naturforschung im internationale Kontext. Wien: Vienna University Press. S. 93-104.

Klemun, Marianne (2003): Franz Unger (1800-1870) Wanderer durch die Welten der Natur. IN: D. Angetter, J. Seidl (Hg.): Glücklich, wer den Grund der Dinge zu erkennen vermag. Österreichische Mediziner, Naturwissenschafter und Techniker im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang. S. 27-43

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