Im Hochschularchiv der ETH Zürich werden über fünfzehntausend Bestände von Privatpersonen mit ganz unterschiedlichem Inhalt aufbewahrt. Einer davon ist der Bestand Hs 1405, der Fremdmanuskripte umfasst, die von Carl Alfred Meier gesammelt wurden. C. A. Meier war ein Schweizer Psychiater und Psychologe sowie ein enger Freund von Carl Gustav Jung.
In diesem Bestand finden sich unter anderem zwei Manuskripte von Samuel MacLean Gilmour zum Osterglauben: „The Evidence for Easter” (Hs 1405:90) und „Theology and Psychology of the Easter Faith” (Hs 1405:91).
Auf der Suche nach einem passenden Blogthema für den Karfreitag nahm ich mir zunächst vor, mich eingehender mit diesen Manuskripten zu befassen, um mehr über die Psychologie hinter dem Osterglauben zu erfahren und dieses Wissen weiterzugeben.
Doch schon ein erster Blick in das erste Manuskript änderte meinen Plan. Statt theoretischer Überlegungen fiel mir eine viel anschaulichere und zugleich überraschend unterhaltsame Passage ins Auge.
Bei diesem Vorhaben gab es ein Problem: Es genügte ein Blick in das erste Manuskript, um es zu ändern, denn mir sprang eine viel spannendere Thematik ins Auge. Samuel MacLean Gilmour war an der Andover Newton Theological School eingeladen, um 1964 die Hyde Lecture zu halten. Das Manuskript beginnt jedoch nicht mit dieser Information, sondern mit einer Anekdote, die er zu Beginn seiner Vorlesung erzählte und die nun auch in ETHeritage erscheinen soll:
Die Anekdote spielt in Arkansas und handelt von zwei Cousins. Einer von ihnen war einige Jahre zuvor nach Little Rock gezogen, interessierte sich jedoch weiterhin für die Geschehnisse in seiner Heimatstadt. Als ihn sein Cousin besuchte, erkundigte er sich nach den lokalen Entwicklungen, unter anderem nach der „Little White Church“.

Symbolische Darstellung der „Little White Church“
(Ansicht von Haarlem und der Kirche von Bloemendaal; ETH-Bibliothek Zürich, Graphische Sammlung / D 1250 / Public Domain Mark 1.0)
Der Besucher berichtete, dass es im vergangenen Sommer Schwierigkeiten gegeben habe. Für eine Baukampagne seien 600 Dollar gesammelt worden, doch der örtliche Priester habe das Geld gestohlen.
Während der neu in Little Rock lebende Mann von dieser Geschichte bestürzt war, versicherte ihm sein Verwandter, dass es kein grosses Problem sei. Man habe den Priester gefunden und dieser würde nun sein Verhalten nun „herauspredigen”.
Diese Anekdote existiert in zahlreichen Variationen. Ihr Kern ist jedoch stets derselbe: Am Ende lässt sich das eigene Handeln nicht durch Worte relativieren. Wer moralische Wahrheiten verkündet, muss sie auch leben, da man sonst in einen unauflösbaren Widerspruch gerät.
Gilmour selbst hatte diese Geschichte während eines Semesters in Virginia gehört, erzählt vom damaligen Kongressabgeordneten Hayes.
Gerade weil diese Anekdote einen so prägnanten und zugänglichen Einstieg bietet, steht sie im Zentrum dieses Blogbeitrags – und nicht die ursprünglich geplanten psychologischen Überlegungen zum Osterglauben.
Wer sich aber trotzdem lieber mit der Psychologie hinter dem Osterglauben auseinandersetzen möchte, kann dies tun, indem er die beiden Manuskripte zur Einsicht im Lesesaal Sammlungen und Archive bestellt.