Erst im Juni 1874 entschied die Gletscherkommission im Einvernehmen mit dem Eidgenössischen Stabsbüro, dass während zwei Jahren eine genaue Vermessung, topographische Aufnahme und sonstige Beobachtungen an einem Gletscher, dem Rhonegletscher, stattfinden sollten. Das Projekt musste innerhalb weniger Tage aufgegleist werden, wenn man die schon angebrochene Sommersaison nicht verlieren wollte.
Der Rhonegletscher wurde aus mindestens drei Gründen ausgesucht: Es existierten bereits viele Illustrationen. Die Schweizer Naturwissenschaftler Charles Dufour (1827–1902) und François-Alphonse Forel (1841–1912) hatten 1870 das Vorfeld und den Zungenbereich trigonometrisch vermessen. Ausserdem sprachen auch logistische Vorteile wie die Furkastrasse und das damals komfortable Hôtel Glacier du Rhône in Gletsch dafür.
Stabsleiter und Kartograph Hermann Siegfried (1819–1879) beauftragte seinen Mitarbeitenden, den Vermessungsingenieur Philipp Gosset (1838–1911), mit der grossen Aufgabe. Als spezielle Beobachtung wollte Gosset die Gletscherbewegungen untersuchen. Bereits in den 1840er-Jahren kam der Neuenburger Gletscherforscher Louis Agassiz (1807–1873) aufgrund von mehrjährigen genauen Beobachtungen zum Schluss, dass die Bewegung der Gletscher je nach Messstation und Jahr sowohl ungleichmässig als auch variabel ist. Als Professor später in den USA trat Agassiz dann allerdings auch als Verfechter von Rassentheorien in Erscheinung. Gosset war bestrebt, diese Erfahrungen umzusetzen und zu verbessern. Er entschied sich für eine neue Methode: Das sorgfältige Anlegen von farbigen Steinreihen auf dem Gletscher sollte die Geschwindigkeit des Eisstroms ermitteln.
Unter dem Eissturz wurden die schwarze und die grüne Linie, über dem Sturz die rote und die gelbe Linie angelegt. Im Abstand von rund 20 Metern wurde jeweils eine gerade Linie mit grösseren, durchnummerierten Steinen abgesteckt. Diese wurden durch kleinere, einander berührende Steine verbunden. Lage und Höhe der Steine wurde mit Nivellement und Messtisch aufgenommen. Zwischen dem 31. August und dem 23. September 1874 trugen bis zu 26 starke Männer die Steine gleichzeitig auf den Gletscher. Insgesamt waren dafür 130 Arbeitstage erforderlich und insgesamt wurden rund 9 (!) Tonnen Steine von Hand auf dem Gletscher bewegt. Da die Steine früher oder später entweder auf der Grundmoräne oder auf einer Endmoräne abgelagert wurden, mussten die Steine der verschiedenen Reihen mittels Farben und Nummerierung voneinander unterschieden werden können. Anschliessend wurde das jährliche Fortschreiten jeder Steinlinie gemessen, wobei Fixpunkte an den angrenzenden Felsen als Referenz dienten. Mithilfe dieser Technik wurde eine Fliessgeschwindigkeit von bis zu 210 Metern pro Jahr gemessen.
Das folgende Bild zeigt die Konstruktion und das Abstecken der gelben Steinreihe im September 1874. Auf unserer Georeferenzierungsplattform sMapshot wurde das Bild verortet. Dort kann man den Vergleich mit dem heutigen Gletscherstand im Gelände studieren – was (leider) sehr eindrücklich ist (sMapshot). Apropos sMapshot: falls jemand beim Georeferenzieren mitmachen möchte, ist jetzt ein sehr guter Zeitpunkt einzusteigen. Seit letztem Montag läuft eine neue Kampagne mit Luftbildern (Schrägaufnahmen) der Comet Photo AG aus den Jahren 1971 bis 1974: hier geht es zu den Bildern.

Vom 30. August bis zum 21. September 1875 führte Gosset die zweite Kampagne auf dem Rhonegletscher durch. Dabei stellte Gosset fest, dass die Bewegungen der Steinreihen auf dem oberen Gletscher im Vergleich zu denen des unteren Teils schneller waren. Auch hatten sich die beiden unteren Steinreihen wegen der Ablation um mehr als 5 Meter abgesenkt, während sich die beiden oberen um 1 und 2 Meter gehoben hatten. Damit verhielt sich der Gletscher in etwa wie von Gosset erwartet.

Bald darauf wurden die Verschiebungslinien, ein Hauptresultat der bisherigen Messkampagnen, erstmals veröffentlicht – jedoch nicht durch Gosset, sondern durch den Geologen und ETH-Professor Albert Heim (1849–1937), der dazu das Einverständnis der Gletscherkommission eingeholt hatte. Bei der Vorbereitung seines „Handbuchs für Gletscherkunde” studierte Heim im Januar 1884 auf dem Topographischen Bureau die bisher am Rhonegletscher erzielten Resultate. Mit der „Karten-Skizze des Rhonegletschers nach den […] Vermessungen der Herren Ingenieure Weiss, Lindenmann, Gosset, Tscharner und Held, 1874 bis 1882” konnte die Fachwelt die in langen Jahren mühsam erarbeiteten Verschiebungslinien der vier Steinreihen erstmals zur Kenntnis nehmen.
Diese Messungen wurden jährlich wiederholt. Die Resultate sind in Form von Lageplänen im Bericht der Gletscherkommission „Vermessungen am Rhonegletscher, 1874–1915“, verfasst von Paul Louis Mercanton, 1916 enthalten.
Quellen:
- Rickenbacher, Martin: Die Vermessung des Rhonegletschers, in: Germann, Georg (Hrsg.): Das Multitalent Philipp Gosset, 1838–1911, Baden: Hier und Jetzt, 2014, S. 111–154.
- Hagenbach-Bischoff, E.: Ueber die physikalisch-topographische Aufnahme des
Rhonengletschers durch Herrn Ingenieur Gosset in den Jahren 1874–1876, in: Verhandlungen der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft, 59 (1876), S. 158–166. Tab. „Messungen über Geschwindigkeit und Ablation des Rhonegletschers, 1874–1876“, S. 164. https://doi.org/10.5169/seals-90010 - Heim, Albert: Handbuchs für Gletscherkunde, Stuttgart: J. Engelhorn, 1885, Tafel II.
Im Bildarchiv der ETH-Bibliothek sind aus diesen frühen Jahren Fotografien vorhanden, die Teil der grossen Bildersammlung der ehemaligen Glaziologischen Kommission sind. Der ganze Bildbestand der Glaziologische Kommission der SANW ist digitalisiert und findet sich frei zugänglich hier.
Ein Beispiel präsentieren wir heute im Blog. Die Fotografie ist Teil Kapitels „Anfänge der Glaziologie“ der Ausstellung „Entgletscherung – Die Vermessung des Eises“ im extract. In der Ausstellung, die noch bis Mitte Juli 2026 läuft, sind überwiegend Reproduktionen zu sehen. Die nächsten Führungen mit den beiden Kurator:innen finden am Welttag der Gletscher am Samstag, 21. März 2026 statt. Bitte melden Sie sich hier an. Ausserdem erwartet Sie ein spannendes Programm mit Vorträgen, Märchen, Augmented Reality usw. Tauchen Sie ein in die faszinierende Welt der Gletscher, entdecken Sie unsere Ausstellung und lassen Sie sich von weiteren Highlights überraschen.
