Die Urschweiz als Paradies: Wissenschaft, Glaube und koloniale Imagination bei Oswald Heer

Oswald Heer (1809–1883) war eine prägende und vielschichtige Person der wissenschaftlichen Landschaft Zürichs im 19. Jahrhundert. Heer war nicht nur Professor für Botanik und Entomologie am Eidgenössischen Polytechnikum – der heutigen ETH – und Direktor des Botanischen Gartens Zürich, sondern auch ausgebildeter reformierter Theologe.[1] In seiner Arbeit begegnen sich die Kanzel und das Labor nicht als Gegensätze, sondern als zwei Zugänge, die er parallel nutzt, um Welt und Natur zu verstehen. In seinem Hauptwerk Die Urwelt der Schweiz von 1865[2] interpretiert er die Vielfalt an fossilen Pflanzen, Tieren und Gesteinen als Ausdruck eines göttlichen Plans, der in der Naturgeschichte abgelesen werden kann.[3] Diese enge Verflechtung von Wissenschaft und christlichem Gottesbild prägen Heers Vision von einer warmen und ‹tropischen› Urwelt der Schweiz im Miozän, vor etwa 13 Millionen Jahren.

Ein anschauliches Objekt dieser Vorstellung einer ‹tropischen› Urschweiz als Ausdruck eines göttlichen Schöpfungsplans ist das grossformatige Ölgemälde Oeningen zur Tertiärzeit, das auf Heers Forschungen zurückgeht und bis heute Teil der erdwissenschaftlichen Sammlung der ETH ist. Das Gemälde erzählt also nicht nur Geschichte von Fossilien und Klimazonen, sondern zeigt auch, wie Forscher des 19. Jahrhunderts Naturgeschichte nutzten, um sich selbst und ihre Umwelt im Zentrum einer göttlich geordneten Weltgeschichte zu verorten und dabei kolonial geprägte globale Hierarchien mitprägten. Wie genau verbindet Oswald Heer wissenschaftliche Forschung mit seinem christlichen Gottesbild? Und wie prägt diese Verbindung seine Darstellung einer ‹tropischen› Urwelt der Schweiz?

Heers Gottesbild: Gesetze brauchen einen Gesetzgeber

«Der innere Grund der Entwicklung der Naturwelt nach einem bestimmten Plane muss ihr angeboren, muss vom Schöpfer in sie gelegt sein, […].»[4] Die Vorstellung, dass Naturgesetze einen Beleg für einen allmächtigen Schöpfer darstellen, steht im Zentrum von Heers Werk Die Urwelt der Schweiz.[5] Laut Heer ist das «Kleid der Erde»[6] ein «für die Ewigkeit erbautes Denkmal der Grösse und Allmacht des Schöpfers»[7].

Abbildung 1: Buchdeckel von Die Urwelt der Schweiz.

Heer stellt sich die Frage, wie aus bestehenden Arten neue Formen entstehen. Er schreibt, dass manche Pflanzen überall dasselbe Gepräge zeigen und dass ihre homologen Arten auch in der heutigen Schöpfung stabil bleiben.[8] Um dennoch Veränderungen zu erklären, spricht er von einer Umprägung der alten Typen, wobei er betont, dass damit das «Räthsel[sic] der Schöpfung»[9] nicht gelöst werden kann. Nur die Intervention des Schöpfers kann dieses Rätsel lösen, womit er zum Schluss kommt, dass «Gesetze auch einen Gesetzgeber voraussetzen»[10]. Dieser Gesetzgeber ist für Heer Gott. Damit positioniert sich Heer auch gegen Charles Darwins Evolutionstheorie, die Artenwandel nicht durch göttliche Eingriffe, sondern durch zufällige Variation und natürliche Selektion erklärt. Zwar teilt Heer die Vorstellung, dass sich Arten über lange Zeiträume verändern, lehnt jedoch Darwins Erklärung durch Zufall und natürliche Selektion ab. Eine Deutung der Natur und Evolution, die ohne eine übergeordnete göttliche Ordnung auskommt, erscheint ihm unzureichend.[11]

Am Ende seines Werks greift Heer zu einem musikalischen Vergleich. Die Natur gleicht einer Symphonie und ein mit Noten beschriebenes Blatt habe nur Sinn für den Kunstverständigen, der «sie zu verbinden und ihren Zusammenhang zu erfassen»[12] vermag. Je mehr der Mensch also die Natur erforscht, desto stärker wird die Überzeugung und der Glaube an einen allmächtigen Schöpfer, der «Himmel und Erde nach ewig vorbedachtem Plane erschaffen hat»[13] und somit auch die Rätsel der Natur und des menschlichen Lebens lösen kann.

Vor diesem Hintergrund erscheint der Mensch für Heer als der «Schlussstein der ganzen Schöpfung»[14]. Durch seine geistigen Fähigkeiten hebe sich der Mensch von der übrigen Natur ab. Besagte geistige Fähigkeiten ermöglichen dem Menschen laut Heer nicht nur, die Naturgesetze zu erkennen und zu beherrschen, sondern auch Gott in der Natur zu sehen und sich der eigenen ewigen Bestimmung bewusst zu werden.[15]

‹Tropische› Urwelt der Schweiz

Heers Gottesbild prägt nicht nur seine Deutung der Naturgesetze, sondern auch seine Vorstellung und Rekonstruktion der frühesten Geschichte der Schweiz. Diese Urschweiz beginnt bei Heer nicht mit kargen Gletschern, sondern in einer tropischen Wärme. Der Historiker Bernhard Schär beschreibt, wie die urzeitliche Schweiz bei Heer als ‹tropische› Welt erscheint, bevölkert von Insekten und Pflanzen in einem heissen und feuchten Klima. Erst nach und nach kühlt sich das Klima ab und es treten ‹höher entwickelte› Tiere und Pflanzen auf. Mit dem Ende der Eiszeit entstehen dann jene gemässigten Landschaften, in denen sich die ersten Menschen an den Seen ansiedeln.[16]

Heer versuchte, das Klima dieser Epochen zu rekonstruieren. Der Geologe und Paläobotaniker Conradin Burga zeigt, dass Heer für die Schweiz vor rund 25 Millionen Jahren ein deutlich wärmeres Klima mit Temperaturen von etwa 20,5 °C annahm.[17] Die von Heer geschätzte Temperatur, war laut Burga «später nur geringfügig zu korrigieren»[18]. Während Burga damit betont, dass Heers Rekonstruktionen in Teilen bis heute als fachlich plausibel gelten, interpretiert Schär diese Klimabilder zugleich als kulturell und kolonial geprägt. Schär spricht von einer «‹tropicalized› vision»[19] der Schweizer Vergangenheit. Heer und seine Zeitgenossen nutzen zeitgenössische Bilder von ‹Tropen›, um die geologischen Ursprünge der Alpen zu verstehen.

Schär schreibt, dass Heers Erzählung infolgedessen zumindest implizit nicht nur Menschen in den Tropen als weniger entwickelt darstellten, sondern die Tropen insgesamt als in der Weltentwicklung zurückliegend beschrieben.[20] Zudem implizieren diese Erzählungen damit die Vorstellung, dass zeitgenössische tropische Natur und Gesellschaften frühere, vermeintlich primitive Stadien geologischer und kultureller Entwicklung repräsentierten.[21]

Paradies und koloniale Vorstellungen verbildlicht

Diese «‹tropicalized› vision»[22] der Schweizer Vergangenheit bleibt nicht auf Heers Texte und Klimarekonstruktionen beschränkt, sondern wird auch visuell vermittelt. Zum Beispiel durch das Ölgemälde Oeningen zur Tertiärzeit des Zürcher Künstlers R. Holzhalb, das 1870–1871 unter der Leitung von Oswald Heer und dem Geologen Arnold Escher von der Linth für die geologische Schausammlung der öffentlichen naturhistorischen Sammlungen beider Hochschulen in Zürich gemalt wurde und heute im Gebäude NO der ETH als Teil der focusTerra Dauerausstellung hängt.[23]

Abbildung 2: Oeningen zur Tertiärzeit (Ölgemälde von R. Holzhalb, 1870–1871)

Wer heute vor dem riesigen Gemälde steht, dem scheint es auf den ersten Blick nur eine idyllische Landschaft zu zeigen. Doch im Zusammenhang mit Heers Schriften, lässt es sich als bildliche Darstellung seines Gottesbilds verstehen: eine ursprüngliche, von göttlicher Ordnung erschaffene Urwelt der Schweiz, in der jedes Element seinen Platz hat. Das ‹tropische›, paradiesisch anmutende Landschaftsbild verweist dabei nicht auf blossen Zufall, sondern inszeniert die Urschweiz in Anlehnung an die biblische Schöpfungsgeschichte. Wie im Garten Eden erscheint eine üppige, noch menschenleere Natur, in der sich der göttliche Plan ablesen lässt. Diese theologisch aufgeladene Darstellung ist nicht nur religiös, sondern auch politisch bedeutsam, denn das Gemälde reproduziert zugleich jene kolonial geprägte «‹tropicalized› vision»[24] einer Urschweiz, welche die Schweizer Urzeit visuell mit den realen Tropen des 19. Jahrhunderts gleichsetzt. Die Bildsprache legt nahe, dass das Gemälde auf zeitgenössische, romantisierte Darstellungen der ‹Tropen› des 19. Jahrhunderts zurückgriff. Wie der Historiker David Arnold zeigt, brachten europäische Reisende und Beobachter eine Vielzahl vorgeprägter Bilder und Motive mit, die sie auf ihnen fremde Landschaften übertrugen.[25] Indem die Urschweiz durch diese Ästhetik rekonstruiert wird, werden die zeitgenössischen ‹Tropen› implizit auf dieselbe Entwicklungsstufe wie eine europäische Vergangenheit gestellt. Sie erscheinen als ursprüngliche Natur und als eine Art vorzeitliche Welt. Die Reise in die ‹Tropen› wurde als eine Reise nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit verstanden, was die ‹Tropen› in einer imaginierten Vergangenheit festschreibt.[26]

Abbildung 3: Siamang aus Sumatra in Heers Die Urwelt der Schweiz (1865), gezeichnet nach einem Exemplar der Zürcher Sammlung.

Dass diese Form der visuellen Gleichsetzung von ‹Tropen› und Urschweiz, die Schär als «‹tropicalized› vision»[27] der Urschweiz beschreibt, nicht auf das Gemälde beschränkt bleibt, zeigt sich auch in Heers Illustrationen in Die Urwelt der Schweiz. Mit der Abbildung des Siamangs aus Sumatra, gezeichnet nach einem Tierpräparat der Zürcher Sammlung, integriert Heer einen Affen der zeitgenössischen ‹Tropen› als Referenzfigur für seine Darstellung der Urschweiz. Text, Illustration und Sammlung wirken hier zusammen und verbinden die vergangene Naturgeschichte der Schweiz mit kolonial imaginierten ‹Tropen› der Gegenwart.

Das Gemälde von Öhningen zur Tertiärzeit am heutigen Bodensee zeigt somit weit mehr als eine rekonstruierte Urlandschaft. Es steht stellvertretend für ein globales Narrativ und eine globale Naturgeschichte, in der tropische Regionen implizit auf eine frühere, ‹überwundene› Entwicklungsstufe verwiesen werden.[28] Das Gemälde macht sichtbar, wie bei Heer naturwissenschaftliche Beobachtungen, religiöse Deutungen und koloniale Implikationen zusammenwirken und wie Naturgeschichte im 19. Jahrhundert dazu beitrug, globale Ordnungsvorstellungen visuell zu stabilisieren und implizit koloniale Hierarchien mitzuproduzieren.

Dieser Text ist im Rahmen des Seminars „Koloniale Vergangenheit, verflochtene Gegenwart: Naturwissenschaftliche Sammlungen im Kontext“ von Monique Ligtenberg und Ella D. Müller an der ETH Zürich entstanden. Der Text wurde von Carmen Bortolin korrekturgelesen.

Literaturverzeichnis

Ackerknecht, Erwin H.: Die öffentlichen naturhistorischen Sammlungen und die medizinhistorische Sammlung beider Hochschulen in Zürich. In: Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich 107 (1962), S. 252–274.

Arnold, David: The tropics and the traveling gaze. India, landscape, and science, 1800–1856. Seattle and London 2006 [Erstauflage].

Burga, Conradin A.: Oswald Heers ‹Die Urwelt der Schweiz› im Licht der modernen Forschung. Ausgewählte Aspekte zum Eiszeitalter. In: Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich 154(3/4) (2009), S. 97–108.

ETH Zurich, Earth Science Collections: Öhningen im Miozän vor etwa 13 Millionen Jahren. https://ethz.ch/content/dam/ethz/special-interest/erdw/erdwissenschaftliche-sammlungen/documents/Ohningen_im_Miozan.pdf [letzter Zugriff: 14.01.2026].

Heer, Oswald: Untersuchungen über das Klima und die Vegetationsverhältnisse des Tertiärlandes. Winterthur 1860, S. 56.

Heer, Oswald: Die Urwelt der Schweiz. Zweite Auflage. Zürich 1883.

Leu, Urs B.: Oswald Heer (1809–1883). Paläobotaniker und Kritiker Darwins. In: Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich 154(3/4) (2009), S.83–95.

Schär, Bernhard: On the Tropical Origins of the Alps. Science and the Colonial Imagination of Switzerland, 1700–1900. In: Purtschert, Patricia; Fischer-Tiné, Harald (Hg.): Colonial Switzerland. Rethinking Colonialism from the Margins. Hampshire etc. 2015. S. 29–49.


[1] Leu, Urs B.: Oswald Heer (1809–1883). Paläobotaniker und Kritiker Darwins. In: Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich 154(3/4) (2009), S.83–95.

[2] Heer, Oswald: Die Urwelt der Schweiz. Zweite Auflage. Zürich 1883.

[3] Ebd., S. 4–11.

[4] Ebd., S. 675.

[5] Heer, Die Urwelt der Schweiz, S. 674.

[6] Ebd., S. 4.

[7] Ebd.

[8] Heer, Oswald: Untersuchungen über das Klima und die Vegetationsverhältnisse des Tertiärlandes. Winterthur 1860, S. 56.

[9] Ebd.

[10] Ebd.

[11] Leu, Oswald Heer (1809–188ns, S. 9–-94.

[12] Her,: Die Urwelt der Schweiz, S. 690.

[13] Ebd., S. 691.

[14] Hee,: Die Urwelt der Schweiz, S. 674.

[15] Ebd., S. 674.

[16] Schär, Bernhard: On the Tropical Origins of the Alp.: Science and the Colonial Imagination of Switzerland, 1700–1900. In: Purtschert, Patricia; Fischer-Tiné, Harald (Hg.): Colonial Switzerlad.: Rethinking Colonialism from the Margins. Hampshire etc. 2015. S. 9–-49, hier S. 38.

[17] Burga, Conradin A.: Oswald Heers ‹Die Urwelt der Schweiz› im Licht der modernen Forschun.: Ausgewählte Aspekte zum Eiszeitalter. In: Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich 154(3/4) (2009), S. 97–108, hier S. 9/-100.

[18] Ebd0.

[19] Schär: On the Tropical Origins of the Alps, S. 39.

[20] Schär, On the Tropical Origins of the Alps, S. 39; 44.

[21] Ebd., S. 44.

[22] Ebd., S. 39.

[23] ETH Zurich, Earth Science Collections: Öhningen im Miozän vor etwa 13 Millionen Jahren. https://ethz.ch/content/dam/ethz/special-interest/erdw/erdwissenschaftliche-sammlungen/documents/Ohningen_im_Miozan.pdf [letzter Zugriff: 14.01.2026]; Ackerknecht, Erwin H.: Die öffentlichen naturhistorischen Sammlungen und die medizinhistorische Sammlung beider Hochschulen in Zürich. In: Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich 107 (1962), S.252–274, hier S. 256/257.

[24] Schär: On the Tropical Origins of the Alps, S. 39.

[25] Arnold, David: The tropics and the traveling gaze. India, landscape, and science, 1800–1856. Seattle and London 2006 [Erstauflage].

[26] Arnold, The tropics and the traveling gaze, S. 99.

[27] Schär: On the Tropical Origins of the Alps, S. 39.

[28] Schär, On the Tropical Origins of the Alps, S. 44.

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