Wer von Richard R. Ernsts feinsäuberlicher Schrift und seinen gut strukturierten Vorlesungen an der ETH Zürich gehört hat, dürfte nicht sonderlich davon überrascht sein, dass sich diese Ordnungsliebe auch durch die Verwaltung seiner persönlichen Unterlagen gezogen hat. Der ehemalige Professor für Physikalische Chemie der ETH Zürich hat sich insbesondere durch seine bahnbrechenden Entdeckungen in der Kernspinresonanzspektroskopie (NMR), welche heute noch die theoretischen Grundlagen der heutigen MRI-Technologie bilden, als Wissenschaftler einen Namen gemacht. Im Jahr 1991 wurde seine Anwendung der Fourier-Transformation, die eine bedeutend effizientere Bestimmung molekularer Strukturen ermöglichte, mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet.
Die grosszügige Schenkung von Nobelpreisträger Richard R. Ernst
Die materiellen Hinterlassenschaften zu Richard Ernsts Schaffen, wurden dem Hochschularchiv der ETH Zürich phasenweise als Vorlass zu seinen Lebzeiten sowie als Nachlass nach seinem Tod im Juni 2021 zur Archivierung übergeben. Richard R. Ernst, der im Rahmen seines hochschulpolitischen Wirkens abermals den Wert einer der Gesellschaft zugerichteten und zu vermittelnden Wissenschaft hervorgehoben hatte, blieb diesen Werten in punkto seines Nachlasses treu. Sein Wunsch war es, seine Unterlagen so bald wie möglich der Forschung und der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Hängeregisterschrank von Richard R. Ernst mit Dokumenten zur «blauen Serie», die u.a. Vortragsmanuskripte und administrative Unterlagen zu diversen von ihm besuchten Veranstaltungen enthält. (Foto: ETH-Bibliothek, Hochschularchiv)
Wie die bestehende Ordnung den Archivierungsprozess beeinflusst
Das Hochschularchiv erreicht haben die Unterlagen von Professor Ernst zu einem grossen Teil als standardisiert etikettierte und farblich codierte Ordner und Hängemappen in Aktenschränken. Andere Unterlagen, wie beispielweise die Spektren oder die zahlreichen Auszeichnungen und Medaillen, die Richard R. Ernst im Verlauf seiner Karriere erhalten hatte, erreichten das Hochschularchiv aufgrund ihres Sonderformats in separaten Schachteln. Bereits auf den ersten Blick wurde erkenntlich, dass Richard R. Ernst und sein Sekretariat die Unterlagen nach einem klaren System abgelegt hatten. Nichtsdestotrotz erforderte es aufgrund der schieren Menge an Material viel Zeit, die gelieferten Unterlagen zu bewerten, d.h. die Archivwürdigkeit aller vorhandenen Unterlagen zu prüfen. Der Inhalt, der in über 250 Umzugskartons passte und von Richard R. Ernsts Büro am ETH Hönggerberg sowie von seinem Winterthurer Zuhause ins Hauptgebäude der ETH transportiert wurde, wurde nach verschiedenen Kategorien wie Chronologie, Materialität, Thematik sowie Gebrauchszweck auf Tischen sowie Regalen ausgelegt und in eine Ordnung gebracht. Diese spiegelt sich letztlich im online durchsuchbaren Archivplan des Bestands wider. Das archivarische Provenienzprinzip, das zum Ziel hat, Herkunfts- und Enstehungszusammenhänge des Archivguts möglichst nicht durch extensive Umstrukturierungen aufzubrechen, war in diesem Unterfangen zentral und wegleitend.

Projekteiter Philipp Klostermann bei der Bewertung der überlieferten Spektren aus dem Nachlass. Sowohl eigene als auch die Spektren seiner Mitarbeitenden wurden von Richard R. Ernst erhalten und überliefert. (Foto: ETH-Bibliothek, Hochschularchiv)
Von den 115 übergebenen Laufmetern an Dokumenten wurden 85 Laufmeter in Teilbestände verzeichnet, auf eine nachhaltige Weise verpackt und inhaltlich sowie förmlich beschrieben. Nebst der grossen Menge an Material stellte insbesondere die Unterschiedlichkeit der hinterlassenen Unterlagen in der Konservierung ihre spezifischen Herausforderungen. So mussten zahlreiche individuelle Lösungen zur nachhaltigen Verpackung der materiellen Vielfalt an überdimensionalen Spektren, Foliensammlungen aus Plastik, Fotographien, Negative, Dias, Floppy Discs, Schaltkreise und dergleichen, die sich sowohl aus Richard Ernsts Forschungsunternehmungen als auch seiner Vorliebe für die neusten Medien- und Papeterietrends ab den 1950ern ergibt, gefunden werden. Die Erschliessung von mehreren Zehntausend von Verzeichnungseinheiten konnte mithilfe der Überlieferung von ausgesprochen gründlichen Verwaltungslisten aus dem Nachlass Ernst trotz der auf zwei Jahre befristeten Projektdauer mit erstaunlicher Erschliessungstiefe umgesetzt werden. Ohne diese hätte die Erschliessung der besonders umfangreichen Publikation- und Vortragsserien allein die ganzen zwei Jahre für sich in Anspruch genommen.
Für die Erschliessung chronologisch geordnete Hängeregistermappen der «grünen Serie» mit Publikationen, an denen Richard R. Ernst beteiligt war. Auf roten Haftnotizzetteln an den Aufklapp-Regalen werden bereits provisorische Archivsignaturen vergeben. (Foto: ETH-Bibliothek, Hochschularchiv)

Startschuss für neue interessante Forschung
Mit der eröffneten Zugänglichkeit des Nachlasses Ernst im Virtuellen Lesesaal des Hochschularchivs kann nun – endlich! – folgenden Fragestellungen nachgegangen werden:
- Wie vermittelte Richard R. Ernst sein Wissen an seine wissenschaftlichen Kolleg:innen und Nachfolgegenerationen weiter? – Digitalisierte Foliensammlungen, originale Vorlesungsmanuskripte, Doktorandenunterlagen und wissenschaftliche Briefwechsel geben darüber Aufschluss.
- Wie vereinte Richard R. Ernst seine Liebe für Chemie und tibetische Thangkas? – Die Untersuchung seiner privaten Unterlagensammlung zu tibetischer Malerei und diesbezüglicher Raman-spektroskopischer Forschung lassen das Bild klarer erscheinen.
- Wie sah der Alltag eines Nobelpreisträgers aus und wie setzte Richard R. Ernst seine Position für die Hochschulpolitik ein? – Es lohnt sich, dafür in die zahlreichen Zeitungsartikel zu Richard R. Ernsts Nobelpreis, seinen Reden, seinen Aufsätzen im gutachterlichen Teilbestand sowie seinen persönlichen Agenden und Tagebücher hineinzublicken.
Auf diese Fragen (und noch viele mehr!) können jetzt Antworten gefunden werden. Ganz nach dem Willen von Richard R. Ernst: So schnell, wie es nur geht!
Literaturhinweise:
Klostermann, Philipp: Durchbruch in der Kernresonanz-Spektroskopie – Das Laborjournal «Experiments I», ETHeritage, ETH Zürich, 03.10.2025, <https://etheritage.ethz.ch/2025/10/03/durchbruch-in-der-kernspinresonanz-spektroskopie-das-laborjournal-experiments-i/>, Stand: 05.03.2026.
Klostermann, Philipp: Nuclear Magnetic Resonance of Tramways, ETHeritage, ETH Zürich, 19.04.2024, <https://etheritage.ethz.ch/2024/04/19/nuclear-magnetic-resonance-of-tramways/>, Stand: 05.03.2026.
Wokaun, Alexander: Richard Ernst – ein persönlicher Nachruf, Departement Angewandte Chemie und Biowissenschaften, ETH Zürich, 14.06.2021, <https://chab.ethz.ch/news-und-veranstaltungen/d-chab-news/2021/06/richard-ernst-a-personal-obituary.html>, Stand: 05.03.2026.
Titelbild: Nobelpreisurkunde von Richard R. Ernst. ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 1564:1.