Wenn wir auf eine Landkarte blicken, die fast nur aus Grün, Blau und feinen Linien besteht, sehen wir dann unberührte Wildnis oder ein streng kalkuliertes Ressourcennetz? Die im Jahr 1924 veröffentlichte Suomen Valtionmetsäin kartta (Karte der finnischen Staatswälder) führt uns genau in dieses Spannungsfeld. Sie ist weit mehr als ein forstwirtschaftliches Planungsinstrument – sie dokumentiert einen entscheidenden Wendepunkt und die Geburt einer souveränen Nation.
Nach der Unabhängigkeitserklärung im Dezember 1917, dem darauffolgenden dreimonatigen Bürgerkrieg und einem missglückten Versuch, eine Monarchie zu etablieren, benötigte die junge Republik Finnland dringend Stabilität, politisch und ökonomisch. Da Holzprodukte damals bis zu 80 % der Exporterlöse generierten, war die präzise Kartierung der Wälder von grosser Bedeutung. Unter der Leitung von Professor Yrjö Ilvessalo (1892 – 1983) wurde zwischen 1921 und 1924 die weltweit erste systematische Nationalwaldinventur realisiert. Messtrupps durchkämmten das Land, um das Holzvolumen, den Zuwachs und die Baumarten durch statistische Stichproben zu erfassen. Entstanden ist die Suomen Valtionmetsäin kartta, publiziert 1924.
Abb. 1: Zusammenstellung der vier Blätter der Suomen Valtionmetsäin kartta (ETH-Bibliothek Zürich, K 685903, https://doi.org/10.3931/e-rara-97003)
Forstkarten bilden innerhalb der Kartentradition einen eigenen Typus im Feld der Thematischen Karten. Sie fokussieren sich nicht primär auf Städte, Verkehrswege oder militärische Aspekte, sondern für Baumarten, Bestandesdichten, Altersklassen, Erschliessung und Eigentum. Auf ihnen werden unter anderem Nationalparks, Schutzwälder, Nutzungszonen und Verwaltungsgrenzen sichtbar gemacht.
Letzteres zeigt sich auch auf der finnischen Forstkarte, die in erster Linie administrative Informationen festhält: Administrative Grenzen, Ländereien in öffentlicher Hand (grün), die jeweiligen Verwaltungseinheiten der Forstverantwortlichen mit den jeweiligen Amtssitzen und die Standorte der Forstschulen. Die Karte bildete die Grundlage, um in späteren, wiederkehrenden Messungen die entsprechenden Potenziale und deren Veränderung für die finnischen Wälder abzubilden.
Abb. 2: Ausschnitt aus dem nordöstlichen Blatt. In Inari lag der Sitz der regionalen Forstverwaltung, welche für die nördliche Region zuständig war. Ebenfalls auf der Karte ausgewiesen ist Petsamo, das Gebiet ging 1920 an Finnland und in der Folge des zweiten Weltkrieges dann wieder an Sowjetrussland bzw. die Sowjetunion.
In der finnischen Gesellschaft stiess diese Vermessung und Rationalisierung der Natur jedoch nicht nur auf Begeisterung. Die «undurchdringliche Wildnis» wurde auf dem Papier zu einer «messbare Ressource». Dies führte insbesondere bei privaten Waldbesitzern zu Widerstand, da sie sich durch die Vorgaben der staatlichen Forstwirtschaft bevormundet fühlten. Gleichzeitig machte die Erhebung und Auswertung der Forstdaten Finnland aber auch zur führenden Nation in der weltweiten Forstforschung. Die erste Karte der finnischen Staatswälder ist somit ein spannendes Dokument, das zeigt, wie Wildnis-Karten unsere Sehnsucht nach dem Unbekannten stillen und gleichzeitig die Welt für uns ordnen.
Wer dieses Werk und seine vielen Details im Original erleben möchte, hat dazu bald Gelegenheit: Am 14. April 2026 findet an der ETH-Bibliothek die Abendführung «Sehnsuchtsort Wildnis – Natur und Landschaft in Karten und Panoramen» statt. Es werden Karten und Panoramen aus den Kartensammlungen der Zentralbibliothek Zürich und der ETH-Bibliothek präsentiert – von der ersten forstwirtschaftlichen Erschliessung des finnischen Waldes bis zu den imposanten Alpenpanoramen der Schweiz, und vieles mehr. Weitere Informationen und die Anmeldung (neu organisiert über das Portal GetYourGuide) sind unter folgendem Link zu finden: https://gyg.me/qJ4NNGUJ
Literatur
- Yli-Kojola, Hannu: National Forest Inventory in Finland. In: Irish Forestry, 1996 (1), S. 55-61.
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Laine, Jaana (2023): Knowledge on Trees and Forests – Finnish Forest Research from the Nineteenth to the Twentieth Century. In: V. Pál, T. Räsänen & M. Saikku (Hg.): Green Development or Greenwashing? Environmental Histories of Finland. White Horse Press, Winwick, S. 11-30. https://doi.org/10.3197/63824846758018.ch02

