Im September 1929 brach der ETH-Doktorand Gustav Bünzli, der – wie sein Name vielleicht erahnen lässt – Schweizer war, auf eine Reise nach Suriname auf.[1] Damals war Suriname eine holländische Kolonie, die vor allem für den Kaffeeanbau ausgebeutet wurde.[2] Die für die Plantagenwirtschaft typische Monokultur hatte einen wesentlichen Nachteil: Sie litt unter einem Ameisenbefall, der in einer berüchtigten Pflanzenkrankheit namens Phloemnecrose resultierte, die von Pflanze zu Pflanze übertragen wurde.[3] Die Plage führte zu beachtlichen finanziellen Schäden für die Kolonialherrscher. Bünzlis Reise nach Suriname hatte den Zweck, eine taxonomische Klassifikation der lokalen Insekten durchzuführen sowie eine Empfehlung für die Ameisenbekämpfung zu erstellen.
Seine Feldarbeit in Suriname bildete die Grundlage für seine 1935 an der ETH eingereichte Doktorarbeit „Untersuchungen über coccoidophile Ameisen aus den Kaffeefeldern von Surinam“. Die Insektenkästen, die er dafür zusammenstellte, befinden sich heute noch in der Entomologischen Sammlung der ETH. Tatsächlich ist es Bünzli gelungen, die verantwortlichen Ameisen (Acropyga paramaribensis) sowie zahlreiche andere Arten und sogar Genera so zu „entdecken“ und zu klassifizieren, und auch einen Bekämpfungsvorschlag inklusive Krebserreger und Nervengifte auszuarbeiten.[4] Seine Forschung zeigt den engen Zusammenhang zwischen entomologischer Forschung und der kolonialen Plantagenwirtschaft: Entomologen wie Bünzli waren häufig Angestellte von Kolonialmächten, und ihre Expertise wurde benutzt, um die koloniale Ausbeutung zu fördern.

Entomologische Recherche in Übersee im frühen 20. Jahrhundert
Bünzlis Forschung in einer Kolonie, die nicht seinem Vaterland angehörte, war zu seiner Zeit keine Ausnahme. Trotz der Kriege und Konflikte zwischen den Imperien und Nationen im frühen 20. Jahrhundert war entomologische Forschung in der Zwischenkriegszeit sehr international.[5] Zahlreiche Zeitgenossen Bünzlis reisten für ihre Forschung. Otto Warburg war ein Deutscher Wissenschaftler, der ab 1922 in Palästina unter anderem Methoden für die Bekämpfung von Fruchtfliegen entwickelt hat.[6] Johannes Eduard Wille, ebenfalls ein Deutscher, forschte in den 1920ern in Peru zu zahlreichen Insektenplagen auf den dortigen Kaffee- und Orangen-Plantagen.[7] Auch die italienischen Entomologen Guido Paoli und Alfonso Chiaromonte forschten in Übersee: Im damals italienisch beherrschten Somalia untersuchten sie Insekten, die unter anderem Baumwolle und Reis befallen können.[8]
Der Historiker Tomás Bartoletti argumentiert, dass die Zunahme an internationaler entomologischer Forschung eine Nebenwirkung kolonialer Ängste („colonial anxieties“) sowie von Ängsten vor dem Verlust von kapitalistischem Profit war.[9] Ernteverluste waren teuer für Plantagengesellschaften, die ihre Profite laufend maximieren wollten. Auch Bünzli selbst hat die finanziellen Schwierigkeiten Hollands zu spüren bekommen. In seiner persönlichen Korrespondenz mit dem ETH-Botaniker Walo Koch berichtet er, wie er seine Stelle als Entomologe in der Versuchsstation in Paramaribo wegen Sparmassnahmen verloren hat.[10] Koch tröstet Bünzli in seiner Antwort: „Natürlich tut es uns allen leid, dass Deine Stelle der Krise zum Opfer gefallen ist. Wie man von allen Seiten zu hören bekommt, scheint es überall in den Tropen ähnlich zu gehen.“[11]
Insekten als Ungeziefer
Im frühen 20. Jahrhundert herrschte eine negative Rhetorik rund um Insekten. Bünzli bezeichnet Pestizide in seiner Doktorarbeit als „Desinfektionsflüssigkeit“.[12] In Europa wurden Insekten vermehrt als „Feinde“ wahrgenommen, die der menschlichen Gesundheit drohen und die wegen verlorenen Ernten zu grossen finanziellen Verlusten führen.[13] Ein ähnlicher Trend war auch in der Schweiz zu beobachten: Eines der frühen Schweizer Pestizide, das Friedrich Mühlberg entwickelte, wurde nach dem altgriechischen Wort für ein Ungeziefer benannt (Knodalin, nach „ta knodala“).[14]
Die negativ konnotierten Insektenbezeichnungen gingen Hand in Hand mit der Entwicklung chemischer Pestizide. Bünzli hat im Rahmen seiner Doktorarbeit Feldversuche mit „Karbolineumemulsion, Formalinlösungen und Schwefelkohlenstoff“ durchgeführt.[15] In seiner Doktorarbeit wird die Logik für die Wahl der Chemikalien oder der Untersuchungsorte nicht weiter erläutert. In seinen Quellenangaben sind bemerkenswerterweise nur sehr wenige Erwähnungen von chemischen Insektiziden. Heute weiss man, dass Karbolineum
krebserregend ist,[16] und dass Schwefelkohlenstoff ein Nervengift ist.[17] Zu Bünzlis Zeiten wurden Gesundheitsrisiken von Pestiziden noch nicht thematisiert.[18]

Heute befinden sich Insektenpräparate von Bünzlis Expedition in der Entomologischen Sammlung der ETH Zürich (Abb. 2). Die Insekten sind in sorgfältig organisierten Kästen in Reihen fixiert, die sich in einer von zahlreichen bewegbaren Regalen in einem Keller in der Stadt Zürich verstecken. Sein langjähriger Austausch mit Walo Koch, mit all seinem Kummer und seiner Freude, liegt verborgen im Hochschularchiv der ETH. Die zerstörerische Ameise, die Bünzli geglaubt hat, entdeckt zu haben, ist heute unter Acropyga exsanguis statt Acropyga paramaribensis bekannt: Es hat sich herausgestellt, dass ein anderer westlicher Wissenschaftler die Spezies schon einige Jahrzehnte vor Bünzlis Ankunft in Suriname entdeckt und benannt hat.[19]
Dieser Text ist im Rahmen des Seminars „Koloniale Vergangenheit, verflochtene Gegenwart: Naturwissenschaftliche Sammlungen im Kontext“ von Monique Ligtenberg und Ella D. Müller an der ETH Zürich entstanden. Der Text wurde von Carmen Bortolin korrekturgelesen.
[1] Bünzli, Gustav: “Untersuchungen über coccoidophile Ameisen aus den Kaffeefeldern von Surinam“, in: Mitteilungen der Schweizerischen Entomologischen Gesellschaft 16 (6/7), 1935. S. 455–594. Hier: S. 594.
[2] Fatah-Black, K.J.: “Suriname and the Atlantic World, 1650–1800”, 2013. Von: https://hdl.handle.net/1887/21912. S. 72–102. Hier: S. 74–75, 84–85.
[3] Bünzli, “Untersuchungen über coccoidophile Ameisen“. Hier: S. 559–561.
[4] Ebd. Hier: S. 455.
[5] Bartoletti, Tomás: „The Transimperial Emergence of Pest Control Research: Economic Entomology between Europe and the Tropical World, c. 1890–1930”, in: Comparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte und vergleichende Gesellschaftsvorschung 32 (6), 2022. S. 704–725. Hier: S. 714.
[6] Leimkugel, Frank: „Botanischer Zionismus. Otto Warburg (1859–1938) und die Anfänge institutionalisierter Naturwissenschaften in ‚Erez Israel‘“, in: Englera 26, 2005. S. 1–351. Hier: S. 139.
[7] Bartoletti, „The Transimperial Emergence of Pest Control Research”. Hier: S. 713–714.
[8] Ebd. Hier: S. 722–723.
[9] Ebd. Hier: S. 705, 718.
[10] Gustav Bünzli an Walo Koch, persönliche Korrespondenz vom 7. Dezember 1931. ETH Hochschularchiv, Hs 298:581.
[11] Walo Koch an Gustav Bünzli, persönliche Korrespondenz vom 9. Februar 1932. ETH Hochschularchiv, Hs 298:583.
[12] Bünzli, „Untersuchungen über coccoidophile Ameisen“. Hier: S. 571.
[13] Bartoletti, „The Transimperial Emergence of Pest Control Research”. Hier: S. 709.
[14] Straumann, Lukas: Nützliche Schädlinge. Angewandte Entomologie, chemische Industrie und Landwirtschaftspolitik in der Schweiz 1874–1952, Zürich 2005 (Interferenzen. Studien zur Kulturgeschichte der Technik 9). S. 102.
[15] Bünzli, „Untersuchungen über coccoidophile Ameisen“. Hier: S. 571.
[16] Becher, Helko; Ramroth, Heribert; Ahrens, Wolfgang et al.: „Occupation, exposure to polycyclic aromatic hydrocarbons and laryngeal cancer risk.” In: International Journal of Cancer, 116 (3), 2005. S. 451–457.
[17] Medbery, Connor; Therriault, Colin: „Carbon Disulfide Toxicity.” In: StatPearls. StatPearls Publishing, 2025.
[18] Straumann, „Nützliche Schädlinge“. Hier: S. 31, 129.
[19] Bolton, Barry: “Acropyga exsanguis”. Aus: An Online Catalog of the Ants of the World by Barry Bolton. URL: https://www.antcat.org/catalog/430411. Stand: 15.01.2026.