Als Arnold Heim 1904 sein Studium der Geologie am Eidgenössischen Polytechnikum – der heutigen ETH Zürich – abschliesst, scheint sein akademischer Werdegang vorgegeben. Schliesslich sind sein Vater und sein Patenonkel die ersten Professoren auf dem Lehrstuhl für Geologie. Arnold promoviert erfolgreich an der Universität Zürich, habilitiert 1908 und wird Privatdozent an beiden Zürcher Hochschulen.
Vater Albert könnte nicht stolzer sein. Als Arnold nach der Promotion nach Berlin reist, schickt ihm Albert Heim die Promotionsurkunde nach und erhebt ihn im Begleitschreiben vom 5. November 1904 bereits überschwänglich zum designierten Nachfolger auf den Lehrstuhl für Geologie:
«Mein lieber Sohn! Inliegend das amtliche Dokument, durch welches Du zum Dr. phil. mit Auszeichnung ernannt worden bist. Dieses Resultat und dass Du mein Fach ergriffen hast und die Art, wie Du Dich darin einlebst, ist wohl eine der grössten Freuden meines Lebens die ich je erlebt habe und die ich überhaupt erleben konnte. […] Ich setze der Hoffnungen noch mehr auf Dich. Mir schwebt es vor, dass Du dereinst mein Nachfolger sein werdest und der Wissenschaft und dem Vaterlande in ähnlicher Weise nützen werdest, wie ich […]. Ich meinerseits will auf dem Posten bleiben so lange, dass Du Zeit hast, Dich zu vervollkommnen und zu leisten bis der Erfolg ziemlich sicher sein wird […].»
Erste Seite des Briefes von Albert Heim (1849–1937) an Arnold Heim (1882–1965), 5.11.1904 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 495:742)
Der in diesem Schreiben so deutlich zum Ausdruck gebrachte Erwartungsdruck lastet schwer auf Arnold Heim. Der junge Geologe scheint im akademischen und bildungsbürgerlichen Umfeld Zürichs vor allem als Sohn wahrgenommen zu werden, der in die Fussstapfen des renommierten Vaters tritt. Bei Arnold zeigen sich fundamentale Zweifel an der Berufswahl. So antwortet Albert Heim 1908 in einem Brief auf eine Aussage Arnolds mit den Worten:
«Du wärest manchmal lieber Arzt als Geolog. Ich habe in meinem Leben auch öfter vorübergehend die gleiche Empfindung gehabt. Ich verstehe das wohl. Du hättest ja Arzt werden können, aber Du hattest dazu GAR KEINE LUST.» (Albert Heim an Arnold Heim, 30.03.1908, S. 7. ETH-Bibliothek, Hochschularchiv Hs 495:760)
Dass Arnold den Arztberuf als berufliche Alternative ins Feld führt, ist kein Zufall. Marie Heim-Vögtlin, Arnolds Mutter, ist die erste praktizierende Ärztin der Schweiz. Diese Nuance verleiht dem Hieb gegen den Vater eine zusätzliche Spitze.
Keine akademische Karriere…
Im November 1911 vollzieht Arnold schliesslich den endgültigen Bruch mit dem väterlichen Plan, indem er sich von einer niederländischen Erdölgesellschaft als Petrogeologe rekrutieren lässt.
Als er in Genua an Bord der S.S. Rembrandt geht, um in Sumatra und später auf Java nach Erdöl zu suchen, schreibt er seinen Eltern einen Abschiedsbrief. Darin offenbart Arnold seinen Eltern, wie sehr ihn die gewonnene Freiheit beglückt. Er bedankt sich bei seiner Mutter für ihre Unterstützung und bedauert zugleich, seinen Vater enttäuschen zu müssen:
«Für mich ist alles so gut gekommen. Und wenn ich nicht wegen Euch traurig sein müsste, so wäre ich ganz glücklich, frei hinausziehen zu können. Liebes liebes Munti, Du hast mır geholfen. Wenn ich jetzt so weit bin, so dank ich es Dir vor allem. Denke auch immer freudig an mich. Denn es ist wahr- so mutig und voller Hoffnung war ich noch nie in meinem Leben.
Und doch ist es so traurig, denken zu müssen, dass ich auf Eure Kosten glücklich bin. Du armer, lieber Dätte! Ich habe mich an mir selbst getäuscht und alle Deine Hoffnungen zerstört. […]»
Erste Seite des Briefes von Albert Heim (1849–1937) an Arnold Heim (1882–1965) auf Briefpapier der S.S. Rembrandt, 10.11.1910 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 495:769)
Albert Heim leidet zu diesem Zeitpunkt bereits seit Längerem unter Erschöpfungssymptomen. Lediglich wenige Monate nach Arnolds Abreise reicht Albert seinen Rücktritt von seiner Professur an der ETH ein.
Nicht nur die Familie erkennt einen Zusammenhang zwischen der Abreise Arnolds und dem Rücktritt des Vaters. Das bekommt Arnold sogar in Sumatra zu spüren. In sein Reisetagebuch notiert er am 7. April 1911:
«Briefe & Zeitungsausschnitte über Dätte’s Entlassung + meine Fahnenflucht – schwer, dies alles zu ertragen.» (Reisetagebuch zum Aufenthalt in Palembang, geführt von Arnold Heim, 24.03.1911–21.05.1911, Seite 40. ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 494:216, DOI: 10.7891/e-manuscripta-186381)
… oder doch?
Als Nachfolger von Albert Heim wird Hans Schardt (1858–1931) zum Professor für Geologie berufen. Arnold Heim erlangt in den nächsten Jahren als erfolgreicher und weitgereister Erdölgeologe Bekanntheit und 1926 begleitet er Walter Mittelholzer auf dessen Afrikaflug von Zürich nach Kapstadt.
Als 1928 die Emeritierung von Hans Schardt bevorsteht, bewirbt sich Arnold Heim doch noch um die Professur für Geologie an der ETH Zürich. Wie 1910 ist er gerade auf dem Sprung nach Sumatra und erkundigt sich beim Präsidenten des Schweizerischen Schulrats, ob seine Abwesenheit einen Nachteil bei der Berufung darstellen könnte. Rohn verneint, und Arnold reist ab. Als er am 1. August erfährt, dass nicht er, sondern der junge Rudolf Staub gewählt wurde, bricht für ihn eine Welt zusammen.
«Bundesfeier-Freudenfeuer in der Heimat! Mir aber ist ein Licht ausgelöscht. Gestern Abd. Telegramm von Dätte: „Staub gewählt“. Meine Telegramme vom 29. VII an den Schulratspräs. und den Erziehungsdir.1 [FN1: Hoffe Abwesenheit werde nicht missdeutet.] sind wohl einige Stunden zu spät eingetroffen. Heimat, die ihre Söhne nicht mehr kennt, wenn sie aus der Fremde zurückkehren wollen! Was aber muss ich von Präs. Rohn denken, der mir riet, die Reise anzunehmen, da sie bei d. Wahl nicht von Einfluss sein könne? Welche Heimkehr für mich, unter dem jungen Rud. Staub als Privatdoc. eine Gratisvorlesung zu halten. Es ist mir, als hätte ich mit Frau und Kindern keine Heimat mehr, nur noch meine Familie.»
Reisetagebuch zum Aufenthalt und der Feldarbeit auf Sumatra, geführt von Arnold Heim, 14.04.1928–19.08.1928, S. 186–187 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 494:246, DOI: 10.7891/e-manuscripta-186470)
Vielleicht ist es gerade diese Enttäuschung, die den Blick endgültig in die Ferne lenkt – dorthin, wo sich Abenteuerlust und akademische Laufbahn doch noch verbinden lassen. 1929 wird Arnold Heim zum Professor für Geologie an die Sun-Yat-Sen-Universität in China berufen.
Literatur
Verena E. Müller: Marie Heim-Vögtlin – die erste Schweizer Ärztin (1845–1916): ein Leben zwischen Tradition und Aufbruch. Baden, 2007.
Marie Brockmann-Jerosch, Arnold Heim, Helene Heim (Hg.): Albert Heim – Leben und Forschung. Basel, 1952.


