Auch die Schweizer Forschertriade Ignaz Venetz (1788–1859), Jean de Charpentier (1786–1858) und Louis Agassiz (1807–1873) vertiefte den glaziologischen Diskurs zunächst um die Frage nach der Eiszeit. Ignaz Venetz begründete die Idee einer Eiszeit, welche später durch Jean de Charpentier und Louis Agassiz in der Wissenschaft Anerkennung fand. Die neuen Theorien wurden fortan nicht mehr als Reiseberichte verfasst, sondern auf der wissenschaftlichen Bühne verteidigt.
Einen ersten theoretischen Meilenstein setzte Louis Agassiz 1840 mit seiner Eiszeittheorie in «Études sur les glaciers» (dt. Version auf e-rara). Er erkannte, dass Gletscher grosse Felsbrocken (Findlinge) transportierten und früher eine grössere Ausdehnung hatten als heute. Er stellte die These auf, dass ein Grossteil Europas und Nordamerikas in der Vergangenheit von einer gigantischen Eisschicht bedeckt war. Seine bahnbrechenden Thesen blieben nicht unwidersprochen. Dabei hobelten die gewaltigen Eisströme Täler wie das Rhonetal aus und schoben das Gesteinsmaterial – von feinem Sediment bis zu mehreren tausend Tonnen schweren Felsblöcken – mit sich mit. Seine Forschungen am Unteraargletscher lieferten den Beweis dafür und zeigten, dass das Klima einem ständigen Wandel unterliegt. Diese Erkenntnisse revolutionierten das Verständnis von Klimadynamik und geologischen Veränderungen, ein Forschungsfeld, das bis heute aktuell ist. Die Veröffentlichung von Agassiz markierte schliesslich den Durchbruch der Gletscherforschung. Louis Agassiz wurde 1847 zum Professor für Zoologie und Geologie an die Harvard University berufen, wo er auch zu einem Vertreter des scientific racism wurde.
Bis heute beschäftigt sich die Forschung mit der Eiszeittheorie: Ein internationales Forscherteam der Versuchsanstalt Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie der ETH Zürich rekonstruierte auf dem CSCS-Supercomputer «Piz Daint» mit einem Computermodell die Gletscherentwicklung der Alpen während der vergangenen 120’000 Jahre und machte sie in einer zweiminütigen Computeranimation sichtbar. Der 2-minütige Film ist sehr faszinierend. Die Forschenden müssen jedoch auch zugestehen, dass es genau so nicht ausgesehen hat. Hier geht es zum Video: Julien Seguinot: Advance and retreat of the Alpine glaciers during the last glacial cycle, 2018
Im Bildarchiv der ETH-Bibliothek sind aus diesen frühen Jahren wenige Fotografien und Originaldruckgrafiken vorhanden, die Teil der grossen Bildersammlung der ehemaligen Glaziologischen Kommission sind. Der ganze Bildbestand der Glaziologische Kommission der SANW ist digitalisiert und findet sich frei zugänglich hier.
Ein Beispiel präsentieren wir heute im Blog. Die Fotografie ist Teil des dritten Kapitels „Beobachten & Erforschen“ der Ausstellung „Entgletscherung – Die Vermessung des Eises“ im extract. In der Ausstellung, die noch bis Mitte Juli 2026 läuft, sind überwiegend Reproduktionen zu sehen. Die nächste Führung mit den beiden Kurator:innen findet am Montag, 2. Februar 2026 von 18.00 bis 19.00 Uhr statt. Bitte melden Sie sich hier an.
Findlinge sind tonnenschwere Blöcke aus ortsfremdem Gestein. Sie liegen in den Alpentälern und im Vorland verstreut und konnten nicht durch lokale geologische Formationen erklärt werden. Anfangs wurden sie mythisch oder religiös gedeutet.
