Thomas Manns Dinge in neuem Licht – zur Objektdigitalisierung im Thomas-Mann-Archiv

In den letzten Jahren führte das Thomas-Mann-Archiv der ETH-Bibliothek ein Projekt zur Digitalisierung der physischen Objekte aus dem Nachlass des Schriftstellers durch. Die digitale Betrachtung verändert den Status der Objekte und wirft neue Fragen auf.

Nach Thomas Manns Tod wanderten nicht nur seine Manuskripte, die Werkmaterialien und die Korrespondenz, sondern auch seine persönliche Bibliothek, Möbel und weitere Gegenstände seines Arbeitszimmers in das 1956 gegründete Archiv an der ETH. Das Sammeln und Ausstellen der Objekte knüpfte an die bestehende Tradition von Dichtergedenkstätten an. Durch ihre Präsentation als Zeugnisse Thomas Manns traten sie als Bedeutungsträger in Erscheinung und verloren ihren früheren Verwendungszweck. Über die Jahrzehnte hat sich der Umgang mit den ausgestellten Objekten deutlich verändert. Während das frühere «Gedenkzimmer» durch die unkommentierte Präsentation der Dinge den Autor ehrte, werden diese im «Kubus» der 2023 neu eröffneten Dauerausstellung durch Texttafeln, Hörstationen und zusätzliche Wissenselemente ergänzt und auf diese Weise historisch kontextualisiert.

Tintenfass «Encre Waterman Bleue» (ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Foto: Stephan Bösch / TMA_D-VI.1-1.74)

Heute sind die Gegenstände nicht nur in der physischen Ausstellung, sondern auch im digitalen Raum über die Bilddatenbank E-Pics zugänglich. Dadurch werden neue Möglichkeiten eröffnet, sich mit Thomas Manns Dingen auseinanderzusetzen. In der digitalen Präsentation werden physisch voneinander getrennte Objekte, die teils ausgestellt sind, teils in Magazinen lagern, visuell zusammengeführt und einfacher zugänglich. Nicht nur ist es möglich, mit geringem Aufwand einen Gesamtüberblick zu gewinnen; die Funktion des Downloadkorbes ermöglicht es, eigene Zusammenstellungen der Objekte auszuprobieren und damit sowohl die archivisch geprägte Ordnung als auch museal fixierte Anordnungen zu überwinden. Solche persönlichen Blickwinkel fördern neue Leseweisen.

Indem die Objekte im digitalen Raum neu als Forschungsgegenstände ins Zentrum rücken und detailliert analysierbar sind, reagiert das Thomas-Mann-Archiv auf ein kulturwissenschaftliches Objektverständnis, wie es seit dem material turn entstanden ist. Für Wissenschaftler:innen ist es dabei wichtig, nicht nur die eigentlichen Objekte, sondern auch die Umstände, unter denen die digitale Information produziert wurde, in den Blick zu nehmen, das heisst, den formenden Eingriff des Archivs. Im Folgenden werden deshalb einzelne Schritte im Prozess des Digitalisierungsprojekts erläutert, um zukünftigen Nutzer:innen eine bestmögliche Grundlage für ihre Auseinandersetzung mit den Gegenständen zu bieten.

Das digitale Objekt und der Gegenstand im Archiv

Um die Objekte möglichst umfassend zu dokumentieren, wurden von jedem Gegenstand Fotografien aus unterschiedlichen Perspektiven erstellt. Die Dimensionen der Originalobjekte werden über beigelegte Massstäbe nachvollziehbar; Farbkeile referenzieren die originalen Farben. Die verschiedenen Einzelfotos wurden innerhalb der Datenbank miteinander verknüpft, sodass Benutzer:innen zwischen verschiedenen Ansichten wechseln können. Via Zoom sind die Objekte im Detail zu betrachten.

Schwarze Brille, Ansicht in der Datenbank E-Pics (ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Foto: Stephan Bösch / TMA_D-VI.1-2.11_a)

Dennoch geht mit der Migration in den digitalen Raum Information verloren: Die Zerbrechlichkeit von Thomas Manns Brillen, ihre spröde Haptik, tritt erst wirklich ins Bewusstsein, wenn man sieht, wie sie in luftdichter Verpackung im Magazin lagern. Für die Zwecke der Digitalisierung wurden die Objekte aus der konservierten Situation im Depot entnommen, wo Dunkelheit herrscht, Temperatur und Luftfeuchtigkeit permanent überwacht werden. Weiter offenbaren erst die strengen Bestimmungen zum physischen Umgang mit dem Koffer Katia Manns, dass es sich bei den – auf den Bildern kaum erkennbaren – weisslichen Verfärbungen in seinem Innenraum um Spuren des mittlerweile verbotenen, giftigen Insektizids DDT handelt. Der niederschwellige Zugang durch die Online-Bereitstellung der Objekte macht also die archivische Praxis, welcher die Gegenstände unterworfen sind, unsichtbar. Die Kenntnis der archivischen Vorkehrungen setzt eine analoge Interaktion mit den Gegenständen voraus und eröffnet andere Perspektiven.

Ansicht Magazin Thomas-Mann-Archiv (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Foto: Stephan Bösch / KOM_002866)

Objektbeschreibungen

Neben der Visualität der Fotografie trägt die Informationsweitergabe über die Metadaten massgebend zur Wissensbildung bei. Besonders durch die Bestimmung der Titel und Beschreibungen formen Archivar:innen die Wahrnehmung der fotografierten Gegenstände mit. Einzelne Schlagworte können darüber entscheiden, ob Benutzer:innen in einer Suchanfrage fündig werden. Zum Startpunkt des Projekts war ein Grossteil der Objekte bereits erschlossen, in Listen erfasst und besass individuelle Bezeichnungen. Ausgangspunkt für diese Titelsetzung war vor allem ein Beitrag im Sammelband Im Geiste der Genauigkeit. 50 Jahre Thomas-Mann-Archiv (= Thomas Mann Studien, Bd. 35), welcher im Jahr 2006 erschien. Die in der Publikation gewählten Bezeichnungen orientieren sich stark an Thomas Manns eigener Benennung. So wurde beispielsweise die «chinesische Aschenschale», wie Mann sie in seinem Tagebucheintrag vom 24. November 1933 nannte, als «chinesische Messing-Schale» übernommen. Die Eins-zu-eins-Übernahme von Quellenbegriffen muss heute kritisch hinterfragt werden, denn sie läuft teilweise Gefahr, koloniale Narrative zu reproduzieren. Um die Sensibilität für bisher unsichtbare Objektkontexte zu erhöhen, hat die ETH Zürich jüngst einen Leitfaden zur Dekolonialisierung ihrer Sammlungen und Archive publiziert. An dessen Entwicklung war auch das Thomas-Mann-Archiv beteiligt.

Mit der kritischen Prüfung von bereits bestehendem Wissen und historischen Zuschreibungen hat das Thomas-Mann-Archiv versucht, die vorhandenen Informationen zu den Objekten einzuordnen. Durch den Einbezug von Expert:innen konnten in Einzelfällen frühere Zuschreibungen bereits korrigiert werden. So war die Herkunftsbezeichnung «Benin», welche zu einem unbekannten Zeitpunkt als Information zum «geschnitzten Kopf mit Zopffrisur» ergänzt worden war, laut Einschätzung der Afrikakuratorin des Museums Rietberg, Michaela Oberhofer, irreführend und wurde deshalb aus den Metadaten entfernt. Auch über die altägyptische Grabfigur, die auf Thomas Manns Schreibtisch stand, brachte der Austausch mit Ägyptolog:innen neue Informationen zutage. So wurde diskutiert, ob es sich bei der Figur um ein Original oder eine Replik handelt – heute ist klar, dass die Figur echt ist. Zur Auseinandersetzung mit den Objekten gehört auch die Erkenntnis, dass sich der gesellschaftliche Umgang damit historisch stark verändert hat, aber doch viel gleich geblieben ist.

Geschnitzter Kopf mit Zopffrisur. Keine Maske aus Benin, sondern ein Stilmix, der gezielt nach dem Geschmack von Europäer:innen hergestellt wurde. (ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Stephan Bösch / TMA_D-VI.1-1.58_f)

Das Thomas-Mann-Archiv hat den Anspruch, Informationen, welche es zu den Gegenständen besitzt, zu überprüfen und nachvollziehbar zu machen. Gleichzeitig besteht die Herausforderung, dass zu vielen Objekten nur wenige, mitunter lückenhafte Angaben bezüglich Provenienz und Materialität vorhanden sind. Um den aktuellen Wissensstand in der Bilddatenbank transparent darzulegen, wird bei sensiblen Objekten der Prozess der Aufarbeitung in einem Kommentarfeld erläutert.

Mit der digitalen Bereitstellung sollen die Objekte aus dem Nachlass Thomas Manns für viele Menschen zugänglich gemacht, die Auseinandersetzung mit ihnen liberalisiert und interdisziplinäre Betrachtungsweisen gefördert werden. Denn neue Perspektiven können die bisherigen Wissenslücken schmälern, biases korrigieren und vorherrschende Narrative relativieren.

Wissen Sie mehr? 

In der Bilddatenbank E-Pics finden Sie eine Auswahl von Objekten, zu denen weitere Informationen gesucht werden. Das Thomas-Mann-Archiv ist für Hinweise dankbar.

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