In der Volksliteratur sah man Gletscher als eine eigene, unberührte Welt innerhalb der Schweizer Alpen an. Sie wurde aus der Ferne beobachtet und gleichzeitig als ein fantastischer Ort gefürchtet, bewohnt von Feen, bösen Geistern und dem Teufel selbst. Naturwissenschaftlich und künstlerisch tätige Personen fingen allerdings an, den Mythos „Gletscher“ in Frage zu stellen und das weisse Gebiet zu bereisen.
Erst im 18. Jahrhundert machte jedoch der Zürcher Aufklärer Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733) einen entscheidenden Schritt in der Gletscherforschung. Scheuchzer bestieg Gipfel wie die Rigi und den Pilatus und führte barometrische Höhenmessungen durch. In seiner „Ouresiphoites Helveticus“ von 1723 befindet sich mit der Abbildung des Rhonegletschers eines der ersten Abbildungen (Rar 5806) von Gletschern überhaupt. Das Bild enthält einige Nummerierungen, die am Bildrand aufgelöst sind. Scheuchzer überschritt damit die rein ästhetische Darstellung von Landschaft. Seine Zeichnungen trugen zur wissenschaftlichen Erforschung bei. Scheuchzer gilt seither als Vater der Dilatationstheorie.
Oder Albrecht von Haller (1708–1777), Berner Mediziner und Universalgelehrter, Naturforscher und Botaniker, der mit dem Züricher Naturforscher Johannes Gessner (1709–1790) 1728 eine botanische Wanderung durch die Alpen unternahm. Haller verarbeitete seine Eindrücke im berühmten Gedicht „Die Alpen“, in dem er erstmals die Schönheit der Berge pries.
Die Alpen (1732), Auszug:
Wo nichts, was nötig, fehlt und nur, was nutzet, blüht;
Der Berge wachsend Eis, der Felsen steile Wände
Die meisten und grössten Flüsse entspringen aus Eisgebürgen,
als der Rhein, der Rhodan, die Aare.
Sind selbst zum Nutzen da und tränken das Gelände.
(…)
Dort senkt ein kahler Berg die glatten Wände nieder,
Den ein verjährtes Eis dem Himmel gleich getürmt,
Sein frostiger Kristall schickt alle Strahlen wieder,
Den die gestiegne Hitz im Krebs umsonst bestürmt.
Nicht fern vom Eise streckt, voll Futter-reicher Weide,
Ein fruchtbares Gebürg den breiten Rücken her;
Sein sanfter Abhang glänzt von reifendem Getreide,
Und seine Hügel sind von hundert Herden schwer.
Den nahen Gegenstand von unterschiednen Zonen
Trennt nur ein enges Tal, wo kühle Schatten wohnen.
Dank frühen künstlerischen Darstellungen gelten Gemälde und Illustrationen in Reiseberichten auch heute noch als wertvolle historische Dokumente. So wählte der Schweizer Landschaftsmaler Caspar Wolf (1735–1783) in 32 seiner beeindruckenden Gemälde Gletscher als Thema. Um sie zu malen, unternahm er gefährliche Reisen in die Schweizer Bergwelt.
Im Bildarchiv der ETH-Bibliothek sind aus diesen frühen Jahren wenige Originaldruckgrafiken vorhanden, die Teil der grossen Bildersammlung der ehemaligen Glaziologischen Kommission sind. Der ganze Bildbestand der Glaziologische Kommission der SANW ist digitalisiert und findet sich frei zugänglich hier.
Einige Beispiele präsentieren wir heute im Blog. Sie sind auch Teil der Ausstellung „Entgletscherung – Die Vermessung des Eises“ im extract. In der Ausstellung, die noch bis Mitte Juli 2026 läuft, sind überwiegend Reproduktionen zu sehen.
Der Berner Naturforscher Sigmund Gottlieb Gruner (1717–1778) publizierte 1760 „Die Eisgebirge des Schweizerlandes“, die weniger auf eigenen Reisen als auf Erzählungen Anderer und aus älterer Literatur beruhen. Gruner übertrug dem St. Galler Adrian Zingg (1734–1816) die Kupferstiche zu seinem Werk. Die dem Kupferstich zugrundeliegende Zeichnung von Felix Meyer von Winterthur (1653–1713) entstand während dessen Berner Zeit (1699–1703). Er schuf die ersten Darstellungen von Hochgebirgslandschaften mit Gletschern. Wie die vor Ort ausgeführten Zeichnungen verraten sie ebenso grosses Interesse für die Topografie wie für Naturphänomene. Meyers Werk markiert die Anfänge der Alpenmalerei. Dieses Spezialfach fand Mitte des 18. Jahrhunderts im Schaffen Caspar Wolfs einen ersten Höhepunkt.

Diese folgende Druckgrafik ist mit dem Besitzvermerk Prof. Dr. F. A. Forel, Morges, gestempelt. Francois Alphonse Forel (1841–1912), Mediziner und Naturwissenschaftler, war Begründer der Limnologie (Wissenschaft der Binnengewässer), Pionier der Seismologie und beförderte als Erster Ballon-Sonden zur meteorologischen Beobachtung in die hohe Atmosphäre. In späteren Jahren wandte er sich den Gletschern zu und lieferte jährliche Beobachtungen, zeitweilig war er der Präsident der Schweizerischen Gletscherkommission.

ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Archiv der Glaziologische Kommission, Hs_1458-GK-B001-1840-0002
Die folgende präzise Zeichnung des oberen Rhonegletschers stammt von Gottlieb Samuel Studer (1804–1890). Er war Bergsteiger und Pionier des Alpinismus und wurde auch als Panoramazeichner bekannt. Mehrere Erstbegehungen gehen auf ihn zurück: Triftgletscher (1839), Wildhorn und Rinderhorn (1843) sowie Gross Wannenhorn (1864). Mit dem Chemiker Rudolf Theodor Simler regte er 1862 – als Reaktion auf die Gründung des englischen Alpinistenvereins Alpine Club – die Gründung eines Schweizer Pendants an. Im April 1863 wurde der Schweizer Alpen-Club (SAC) in Olten gegründet, dessen Revisor er wurde. Ab 1879 war er Vizepräsident des SAC.
