Christian Menn gilt als einer der renommiertesten Brückeningenieure der Schweiz. In der Zeit, in welcher sich der Betonbau intensivierte und die Schweiz ihr Autobahnnetz ausbaute, verortet sich Menn in der Tradition von Robert Maillart in der Verfolgung grösserer Spannweiten durch Vorspanntechnik. Er leitete in Chur ab 1957 ein eigenes Ingenieurbüro und entwarf innovative Konzepte. 1971 nahm er eine Professur für Baustatik und Konstruktion an der ETH Zürich an, wo er bis ins Jahr 1992 lehrte. Menns Projekte ordnen sich einem Schweizer Funktionalismus zu, welcher Schlichtheit, Funktionalität und Ästhetik vereint. Zwei Modelle von Brücken befinden sich in der Sammlung wissenschaftlicher Instrumente und Lehrmittel.
Das Modell des Felsenauviadukts in Bern
In seiner 14 Jahre langen Karriere als selbstständiger Ingenieur erprobte Menn die Vorspanntechnik, die es erlaubt, Balkenbrücken mit grossen Spannweiten zu realisieren. Kurz vor seiner Berufung an die ETH schöpfte er die Möglichkeiten dieser Konstruktionsart voll aus: Mit seinem Entwurf der ersten einzelligen Hohlkastenbrücke im Freivorbau gewann er 1971 den Wettbewerb für das Felsenauviadukt (auch Felsenaubrücke genannt), ein Bestandteil der Autobahn A1. Das 1116m lange technische Meisterwerk überquert die Aare in Bern in 60 Metern Höhe, wurde in Zusammenarbeit mit dem Ingenieurbüro Emch & Berger konzipiert und 1972–75 verwirklicht. Das Felsenauviadukt ist die längste Brücke der A1 und eines der Hauptwerke des schweizerischen Nationalstrassenbaus. In der Nachfolge Maillartscher Brückenbaukunst stehend, überzeugt es durch seine einfache, doch überzeugende Formgebung.

Baumann, Heinz: Bern, Bau des Felsenauviaduktes, 1974, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_Ex-BA01-0120-0008-0010
Das von Christian Menn hergestellte Modell des Felsenauviadukts befindet sich seit Mai 2024 in der Sammlung wissenschaftlicher Instrumente und Lehrmittel der ETH. Fünf hölzerne Einzelteile enthalten die Landschaft und die elegant daran angepassten 16 Brückenpfeiler, welche die Autobahn mühelos über den durch Plexiglas angedeuteten Aareabschnitt führen. Das Modell besticht nicht nur durch seine sorgfältige Detailtreue – auf der Autobahn sind kleine geschnitzte Autos und Lastwagen zu erkennen – sondern auch durch seine bewusste Einfachheit; die Beschränkung auf nur zwei Materialien und die Reduktion des Terrains auf seine Höhenlinien betonen die Form der Brücke. Mit seinen 5.65 Metern Länge ist auch das Modell nicht gerade handlich, aber dennoch deutlich überschaubarer als sein Pendant aus Beton. So werden der s-förmig geschwungene Grundriss der Brücke und ihre selbstverständlich wirkende Eingliederung in die Landschaft im Modell schnell ersichtlich.


Menns Werk hat auch Eingang in die Populärkultur gefunden: Das Felsenauviadukt diente 1975 als Drehort für den Film «Der Richter und sein Henker», der auf dem gleichnamigen Roman von Friedrich Dürrenmatt basiert. Ein Teil von Kommissar Bärlachs Verfolgungsjagd des Mörders Tschanz wurde auf der damals noch unvollendeten Brücke gedreht, von welcher Tschanz in der berühmten Schlussszene schliesslich stürzt.

Das Modell der Leonard P. Zakim Bunker Hill Memorial Bridge in Boston
Ein weiteres Modell von Christian Menn in der Sammlung wissenschaftlicher Instrumente und Lehrmittel stammt aus der Zeit nach seiner Emeritierung an der ETH.
Nach seiner Emeritierung nahm Menn, der sich international einen Namen gemacht hatte, in grösseren Infrastrukturprojekten eine beratende Funktion ein. So auch beim Entwurf der Leonard P. Zakim Bunker Hill Memorial Bridge, an welchem das amerikanische Architekturbüro HNTB arbeitete. Der Bau der Brücke war Teil eines der grössten und teuersten Stadtautobahnprojekte der Vereinigten Staaten, dem «Big Dig».
Unstimmigkeiten zwischen dem Architekturbüro und der Stadt führten zur Hinzuziehung Menns. Nach einer Einschätzung der Situation entschied dieser kurzerhand, selbst ein Design zu entwerfen, dessen Modell er dann bei Modellbau Morf in Chur in Auftrag gab und welches er anschliessend mit nach Boston flog.

Im Jahr 2022 gelangte dieser erste Entwurf über das Hochschularchiv der ETH Zürich, welches den Nachlass Christian Menns verwaltet, in die Sammlung wissenschaftlicher Instrumente und Lehrmittel der ETH-Bibliothek, wo es seither bewahrt wird. Dieser Entwurf wurde öffentlich nie gezeigt.
Aufbauend auf diesem Brückenmodell entstand schliesslich die ausgeführte Brücke, welche sich jedoch in wesentlichen Teilen vom ersten Entwurf unterscheidet: Menn stellte der ursprünglich angedachten Balkenbrücke eine Schrägkabelbrücke entgegen. Die Konzeption und der Bau der Brücke war an verschiedene Herausforderungen gebunden: Zu berücksichtigende Höhenunterschiede, da die Brücke einen unterirdischen Tunnel mit zwei Hochstrassen verbinden sollte, eine ausserordentliche Breite durch 10 Autospuren zur Minderung von bisherigen Staus sowie eine Aufrechterhaltung der Flusspassage für Schiffe. Eine Weiterentwicklung der vorgeschlagenen Schrägkabelbrücke erfüllte diese Anforderungen, indem statt nur einer zwei mit Stahlseilen befestigte Y-Pylonen aus Hochleistungsbeton als tragende Struktur dienten. Dadurch konnte auf massive Pfeiler im Fluss verzichtet werden. Die Wahl der Materialien trug zugleich zur Stabilität der Brücke bei. Ausserdem ermöglichte die Ausgestaltung nach Menn bessere Proportionen durch das schlankere Erscheinungsbild, wodurch eine bessere Einbettung in das Landschaftsbild ermöglicht wurde.

Die Benennung der Brücke nach Bürgerrechtler Leonard P. Zakim stellen gemeinsam mit der Anlehnung an das Bunker Hill Monument, indem die gegen oben spitz zulaufenden Y-Pylonen an Obelisken erinnern, und den von den Türmen ausgehenden Kabel, welche durch ihre dreiecksform Schiffssegeln ähneln, einen historischen Ortsbezug her.
In der Ausgestaltung zeigt sich Menns allgemeiner Stil, welcher Simplizität und Funktionalität gekonnt mit Ästhetik verband. Aufgrund ihrer Ästhetik gilt die Brücke heute nicht nur als Wegmarke, sondern auch als Wahrzeichen der Stadt.
Literaturhinweise:
Fischer, Nadine: Christian Menn. Brücken sind mehr als Überbrückungen, in: ETHeritage, 05.05.2023,<https://etheritage.ethz.ch/2023/05/05/christian-menn-bruecken-sind-mehr-als-ueberbrueckungen/ >, Stand: 03.11.2025.
Projekt und Ausführung der Felsenaubrücke Bern, in: Schweizerische Bauzeitung, 93 (1975), Heft 39, https://doi.org/10.5169/seals-72827.
Felsenauviadukt, in: Bauinventar 2017, Denkmalschutz der Stadt Bern, bauinventar.bern.ch, Stand: 03.11. 2025.
«Eine ist besonders gut» Interview mit Christian Menn | Espazium, Stand: 31.10.2025.
https://audiala.com/de/vereinigte-staaten/boston/leonard-p-zakim-bunker-hill-memorial-bridge, Stand: 31.10.2025.
Bildnachweis Beitragsbild: Felsenaubrücke, Comet Photo AG (Zürich), 1975, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_C24-117-001.