Als erste Architekturstudentin der ETH Zürich gilt Flora Steiger-Crawford, die 1923 als erste Frau ihr Diplom erhielt. Doch bereits 1899 hatte die US‑Amerikanerin Adelheid Lange Frauen den Weg zum Studium an der Bauschule geebnet.
Adelheid Lange wurde 1880 in St. Louis geboren. Ihr Vater verstarb als sie noch ein kleines Kind war. Für die Schulbildung ging sie für sechs Jahre nach Europa. Bloss wenige Jahre nach ihrer Rückkehr in die USA kehrte sie wieder in die Alte Welt zurück, um am Eidgenössischen Polytechnikum, der heutigen ETH, Architektur zu studieren.
Da sie kein Maturazeugnis vorweisen konnte, musste sie eine Aufnahmeprüfung ablegen. Die Prüfungsergebnisse waren nicht in allen Bereichen überzeugend. Sie erhielt ungenügende Noten in den Fächern politische Geschichte und Literaturgeschichte (3), Naturwissenschaften (2.5) sowie Chemie (3). Vier Jahre zuvor hatte Albert Einstein die Aufnahmeprüfung an die ETH wegen ungenügender Leistungen in zwei Gebieten nicht bestanden. In der Schweiz werden schulische Leistungen traditionell mit Noten von 1 bis 6 bewertet. Generell gelten Noten unter 4 als ungenügend.

Da Adelheid Lange an ihrer Aufnahmeprüfung bloss durchwachsene Ergebnisse erzielt hatte, dürfte ihr schulischer Hintergrund bei der Zulassung zum Polytechnikum eine massgebliche Rolle gespielt haben. Im Anmeldeformular nennt sie neben der staatlichen Schule in St. Louis die École Supérieure de Morges und die École des Beaux‑Arts et d’Architecture de Genève. Insbesondere dank der Kunst‑ und Architekturschule in Genf brachte sie bereits fundiertes Vorwissen und nachweisbare Leistungen im Bereich Architektur mit.
Ein Blick in ihre Studierendenmatrikel belegt, dass Adelheid Lange trotz der mässigen Aufnahmeprüfung in den ersten vier Semestern ihres Studiums gute Leistungen erzielte. Doch im Sommer 1901 unterbrach sie ihr Studium. Die Matrikel vermerkt mit Datum vom 4. Juli 1901, dass ihr aus gesundheitlichen Gründen ein Urlaub für das Studienjahr 1901/1902 gewährt wurde.

Seite drei der Studierendenmatrikel von Adelheid Lange mit der Dokumentation ihrer Leistungen im 3./4. Semester und Vermerken zu ihrem Urlaub für das Studienjahr 1901/1902 sowie zu ihrer Streichung von der Liste der Studierenden im November 1902. (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, EZ-REK1/1/9076)
Adelheid Lange kehrte nicht mehr an die ETH zurück. Am 8. November 1902 verfügte der Präsident des Schweizerischen Schulrats die «Streichung von der Liste der Studirenden [sic!] wegen Nichtbezuges des Inskriptionsbogens». Obwohl sie keinen Abschluss als Architektin vorweisen konnte, erhielt sie 1903 in St. Louis eine Anstellung im Architekturbüro von Theodore Link. Somit zählt sie zu den ersten Frauen, die in den USA als Architektinnen tätig waren.
1907 heiratete sie den Unternehmer und Abenteurer André Roosevelt. Das Paar zog 1912 nach Paris, wo sich Adelheid Roosevelt für Kubismus zu interessieren begann. Über gemeinsame Bekannte erhielt sie Zugang zum Kreis der Pariser Avantgarde um Gertrude Stein. Das eröffnete ihr die Möglichkeit, Schülerin des Kubisten Raymond Duchamp-Villon zu werden.

Porträt von Adelheid Lange Roosevelt ca. 1908. (Adelheid Lange Roosevelt papers. Archives of American Art, Smithsonian Institution)
Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrte Adelheid Roosevelt in die USA zurück, wo sie Bekanntschaft mit dem Künstler, Kunsttheoretiker und Galeristen Marius de Zayas machte. 1916 eröffnete dieser in seiner Modern Gallery in New York eine Ausstellung mit Avantgarde-Skulpturen. Zu den ausgestellten Stücken gehörten drei kubistische Skulpturen von Adelheid Roosevelt. Nach 1918 sind keine Ausstellungen mit ihren Werken bekannt, was mit der langwierigen Trennung von Adelheid und André Roosevelt in den 1920er Jahren zusammenhängen könnte. Adelheid Lange Roosevelt liess sich dauerhaft in Connecticut nieder, wo sie wieder in kleinem Umfang als Architektin arbeitete und sich der Malerei widmete, jedoch vermutlich keine weiteren Skulpturen schuf. Sie starb 1962 im Alter von 84 Jahren.
Literaturhinweis
Douglas Hyland. Adelheid Lange Roosevelt: American Cubist Sculptor. In: Archives of American Art Journal, Vol. 21, Nr. 4 (1981): S. 10-17. DOI: https://doi.org/10.1086/aaa.21.4.1557285