Auf den Spuren von Arthur Ruh: Ein Schweizer in Manila der 1920er Jahre

Die Fotoalben von Arthur Ruh, einem Schweizer Kaufmann der 1920er Jahre, öffnen ein faszinierendes Fenster in das Leben einer kleinen europäischen Gemeinschaft in Manila. Zwischen tropischen Landschaften, kolonialen Stadtszenen und privaten Momenten dokumentierte Ruh seine Reisen, Begegnungen und den Alltag fern der Schweizer Heimat. Auch wenn über sein Leben kaum mehr bekannt ist, erzählen seine Aufnahmen umso lebendiger von einer vergangenen Zeit.

Im Bildarchiv der ETH Zürich befinden sich von Arthur Ruh drei vollständig digitalisierte Fotoalben mit den Titeln Reise nach Manila, Aufenthalt auf den Philippinen (116 Bilder, 1922–1923), Aufenthalt in den Philippinen (423 Bilder, 1922–1926) und Aufenthalt in den Philippinen, Reisen in Asien, Amerika, Afrika und Europa (312 Bilder, 1926–1955). Über Ruh ist abseits seiner Alben leider kaum etwas bekannt , ausser dass er sich mit dem vierjährigen Aufenthalt in Manila seinen Wunsch ins Ausland zu reisen, erfüllen konnte. So entschied er sich früh für eine kaufmännische Lehre beim Elektrizitätswerk in Schaffhausen. Sein Beruf ermöglichte ihm 1922 die Reise in die Philippinen, wo er für die Handelsfirma Kuenzle & Streiff arbeitete. Verantwortlich war er dort für den Export von Zigarren und Tabak.

Manila in meiner Bude (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Ans_15878-049-AL)

Das Handelsunternehmen Kuenzle & Streiff hat seine Ursprünge im späten 19. Jahrhundert. Sie wurde mit zwei Geschäftssitzen in St. Gallen und Manila gegründet und fungierte vor allem im Handel mit Textilien und Garnen. Bereits 1909 kam eine Tabakfabrik hinzu. Nach 1920 erweiterte das Unternehmen das Angebot deutlich: Die Produktpalette umfasste nun chemische und pharmazeutische Produkte, Medizinalgeräte und Versicherungen.

Über Marseille in die Philippinen

Am 13. August 1922 stach Ruh gemeinsam mit einem Herrn Sulzer an Bord der S.S. Suwa Maru in der Ersten Klasse in Marseille in See. Die Route führte durch die Strasse von Messina, weiter durch den Suezkanal mit Halt in Port Said und einem Ausflug zu den Pyramiden und der Sphinx. Danach folgten Zwischenstopps in Ceylon (heute Sri Lanka) und Singapur, bevor das Schiff am 13. September 1922 in Manila einlief. Noch am Ankunftstag machte Ruh erste Aufnahmen am Pasig River.

S.S. Suwa Maru, Promenadendeck, 1. Klasse (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Ans_15878-006-AL)

Fischerfloss und Fischerbarken in einem Seitenarm des Pasig Rivers und der Manila Bay (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Ans_15878-039-AL)

Untergebracht war er im YMCA-Gebäude, dessen Sporthallen und -plätzen sowie Räumlichkeiten er mehrfach dokumentierte. Die YMCA in Manila, eröffnet während des Spanisch-amerikanischen Krieges, war damals vor allem eine Einrichtung für US-amerikanische Soldaten, öffnete sich jedoch nach und nach auch für die philippinische Bevölkerung, in dem sie z.B. ein Studentenwohnhaus anboten.

[Manila], im“Y“ (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Ans_15878-066-AL)

Leben in Manila – und darüber hinaus

Der September 1922 war für Ruh geprägt von Erkundungsspaziergängen in Manila, wo er sein neues Zuhause kennenlernte. Bald folgten Ausflüge ins Umland, die er in den kommenden Jahre immer wieder machte. So zeigen seine Fotos Reisen quer über die Insel Luzon: nach Mount Cristobal, Cavite, Baguio oder Pagsanjan. Im zweiten und dritten Album ergänzte er seine Fotografien sogar durch selbst gezeichnete Landkarten der Ausflüge. Es finden sich Bilder von Regenwäldern, Vulkanen und Stränden  – immer in Begleitung eines lokalen Führers, den er zeittypisch als „Boy“ bezeichnete.

Kurz vor dem Aufbruch ins Lager der Einheimischen (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Ans_15879-120-AL-FL)

Die Schweizer Kolonie

Immer wieder tauchen in seinen Alben die gleichen Gesichter auf: Schweizer Kollegen aus dem YMCA oder Mitarbeiter von Küenzle & Streiff. Eindrucksvoll sind die Gruppenbilder vom Neujahr 1923 im Haus des Firmenvizepräsidenten Küenzle & Streiff, bei denen auch einige Schweizer Ehefrauen anwesend waren. Insgesamt ist anhand der Bilder zu erkennen, dass sich Arthur Ruh ausschliesslich innerhalb der „Schweizer Kolonie“ bewegt hat und kaum Kontakte zu Filipinos pflegte. Ruh hielt die philippinische Bevölkerung dagegen häufig in ethnografisch anmutenden Aufnahmen fest.

[Manila], Neujahr, im Hause des Vizepräsidenten von Kuenzle & Streiff (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Ans_15878-087-AL)

Neben der Schweizer Kolonie kannte Ruh auch Spanier und US-Amerikaner. Kontakte knüpfen mit anderen Schweizern, Europäern und US-Amerikanern konnte er, mithilfe des Schweizerklubs und seines Aufenthalts bei YMCA sowie durch Freizeitaktivitäten wie Golfen auf dem Goldplatz in Intramuros (spanische Altstadt in Manila).

Rückreise

Nach vier Jahren endete Ruhs Manila-Kapitel: Am 1. Februar 1927 verliess er Manila per Schiff in Richtung China. Auf dem Rückweg reiste er über Hongkong, China, Japan, Honolulu, USA, Kanada, Frankreich wieder in die Schweiz.

Weiterführende Literatur

Sigrist, Stefan: Schweizer in Asien. Kaufleute, Uhrmacher, Missionare, Eisenbahner, München 2017.

Zangger, Res: Koloniale Schweiz. Ein Stück Globalgeschichte zwischen Europa und Südostasien (1860-1930), Bielefeld 2011.

Schreibe einen Kommentar