«Über die Aufgaben und die Organisation internationaler mathematischer Kongresse»

«Hochgeehrte Versammlung! Im Namen des vorbereitenden Komitees habe ich die Ehre, einige Worte über die Aufgaben und die Organisation der internationalen Mathematikerkongresse an Sie zu richten. Sie werden natürlich nicht erwarten, dass wir jetzt schon mit einem bis in Einzelne ausgearbeiteten Programme vor Sie hintreten. Handelt es sich doch heute nur darum, den Grund zu legen zu einem Werke, dessen Früchte erst die Zukunft zeitigen kann. Dieser Zukunft aber dürfen wir vertrauensvoll entgegenblicken. […] dazu berechtigt uns insbesondere die stattliche Versammlung, die sich heute in der Aula des eidgenössischen Polytechnikums zusammengefunden hat.» (Ferdinand Rudio, «Über die Aufgaben und die Organisation internationaler mathematischer Kongresse», Zürich 1897)

Mit diesen Worten begrüsste Ferdinand Rudio, seit 1889 Ordinarius für Mathematik an der ETH, die Teilnehmenden des ersten internationalen Mathematikerkongresses, der 1897 in Zürich stattfand.

Die Unterlagen zu diesem Kongress sind im Hochschularchiv der ETH Zürich erhalten und als Digitalisate auf e-manuscripta zugänglich. Dazu zählen neben dem Programm und einer Liste der teilnehmenden Personen auch weitere Materialien, die den organisatorischen Rahmen der Veranstaltung dokumentieren: zum Beispiel eine Stempelprobe des offiziellen Kongressstempels sowie ein Beleg des eigens angefertigten Kongressbriefpapiers, das in einem extra eingerichteten Korrespondenzzimmer zur Verfügung stand. Die farbige Festkarte stellt mit den Porträts bekannter Mathematiker aus der Schweiz in Kombination mit einer Darstellung des Hauptgebäudes der ETH eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart dar und informierte zudem über die Mitglieder der verschiedenen Komitees. Mit «Potage Oxtail», «Jeunes pintades rôties», «Tourte Gènoise» und weiteren Gängen sorgte das Festbankett in der Tonhalle für das leibliche Wohl, bevor die Teilnehmenden anschliessend eine «Dampfschifffahrt auf dem See» machten und den ersten Kongresstag («Abends 9 Uhr») mit einer «Venetianischen Nacht» ausklingen liessen.

Besonders interessant ist allerdings das gedruckte Manuskript einer Rede Ferdinand Rudios «Über die Aufgaben und die Organisation internationaler mathematischer Kongresse». Darin skizzierte Rudio einige grundsätzlichen Rahmenbedingungen für künftige mathematische Kongresse: Sie sollten in Abständen von 3 bis 5 Jahren in unterschiedlichen Ländern stattfinden, der nächste Kongressort am Ende des jeweils aktuellen Kongresses festgelegt und für die Arbeit zwischen den Kongressen spezialisierte ständige Kommissionen eingesetzt werden. All dies sollte nicht nur dazu dienen «die persönlichen Beziehungen zwischen den Mathematikern der verschiedenen Länder zu fördern» sondern auch «in den Vorträgen der Hauptversammlungen und der Sektionssitzungen einen Ueberblick über den gegenwärtigen Stand der verschiedenen Gebiete mathematischer Wissenschaften und ihrer Anwendung sowie die Behandlung einzelner Probleme von besonderer Bedeutung zu bieten.»

Während diese Rahmenbedingungen aus heutiger Perspektive naheliegend erscheinen, sind die Vorschläge für konkrete inhaltlichen Aktivitäten vielleicht umso überraschender. Die Vorträge an den Kongressen sollten künftig «die historische Entwicklung und den gegenwärtigen Stand einzelner Wissensgebiete darstellen» und «in geeigneter Weise unter die Mathematiker der verschiedensten Nationen zur systematischen Bearbeitung» verteilt werden. Tatsächlich schlug Rudio nicht nur vor, einzelne mathematische Probleme zu lösen, sondern rief an prominenter Stelle dazu auf, eine Edition der Werke Leonhard Eulers in Angriff zu nehmen, oder ein «Adressbuch aller Mathematiker der Erde» sowie eine mathematische «Litteratur-Zeitung» herauszugeben. Daneben sollten aber auch mathematische Einheiten, beispielsweise die Winkelteilung, international vereinheitlicht werden.

Im gedruckten Manuskript der Rede ist schliesslich eine weitere Forderung typographisch besonders hervorgehoben, in der Rudio dazu aufruft, mit Hilfe eines gemeinsamen Klassifikationssystems den Rahmen für eine internationale Bibliographie zu schaffen:

«Aber nur durch eine einheitliche, allgemein anerkannte Klassifikation werden wir das Ideal einer Bibliographie erreichen, welche in gleicher Weise die Bedürfnisse der Gelehrten wie der Bibliotheken der ganzen Welt einheitlich befriedigt.»

Rudios Interesse an bibliographischen Themen liesse sich zunächst damit erklären, dass er seit 1894 Oberbibliothekar an der ETH-Bibliothek war. Sein Vortrag zeigt aber, dass sein Engagement für eine systematische Erfassung von Forschungsergebnissen in ein weiteres Netzwerk eingebettet war, nämlich in die Aktivitäten des in Zürich angesiedelten und auf zoologische Literatur spezialisierten «Concilium Bibliographicum», sowie die Aktivitäten der Royal Society in London und des «Institut international de bibliographie» in Brüssel. Die Gründer des Instituts in Brüssel, Paul Otlet und Henri Lafontaine, setzten sich wiederum dafür ein, dass ihre internationale bibliographische Arbeit durch internationale Organisationen unterstützt wurde und gründeten die «Union des associations internationales». Sie entwickelten ausserdem ein eigenes Klassifikationssystem, die Universelle Dezimalklassifikation, die in angepasster Form bis heute an der ETH-Bibliothek verwendet wird.

Der erste Internationale Mathematiker-Kongress in Zürich ist somit Teil einer an der Jahrhundertwende stattfindenden Gründungswelle von internationalen Organisationen und Kongressen. Diese diskutierten neben inhaltlichen Themen auch darüber, wie Wissen über Wissen in einer analogen Welt so organisiert und dokumentiert werden kann, dass es effizient über Grenzen hinweg zirkulieren kann.

Das globale Auffinden von Büchern ist durch das Zusammenspiel von wissenschaftlicher Dokumentation und technologischer Entwicklung – und nicht zuletzt Dank des Internets – zur Alltäglichkeit geworden. Das Thema der Datenerhebung bleibt aber aktuell: Derzeit widmet sich beispielsweise das Projekt NAIF (National Approach for Interoperable repositories and Findable research results) der Frage, wie der Schweizer Forschungsoutput besser auffindbar und sichtbar gemacht werden kann. Dazu gehört natürlich auch die Mathematik.

Weiterführende Literatur:

  • Madeleine Herren: Hintertüren zur Macht : Internationalismus und modernisierungsorientierte Aussenpolitik in Belgien, der Schweiz und den USA 1865-1914, München 2000.
  • Madeleine Herren und Sacha Zala: Netzwerk Aussenpolitik : internationale Kongresse und Organisationen als Instrumente der schweizerischen Aussenpolitik 1914-1950, Zürich 2002.
  • Philipp Messner: Das ‹Concilium Bibliographicum› in Zürich und die Anfänge der Dezimalklassifikation in der Schweiz, online: https://isotype.ch/home/etwas-kleines-zur-geschichte-der-dezimalklassifikation-in-der-schweiz/
  • Daniel Laqua: „Transnational endeavours and the ‚totality of knowledge‘: Paul Otlet and Henri La Fontaine as ‚integral internationalists‘ in fin-de-siècle Europe“, in: Internationalism and the Arts in Britain and Europe at the „Fin de Siècle“, hrsg. von Grace Brockington, Oxford u.a. 2009, S. 247-271.

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