Ein Fest der Farbe

Rund hundert Jahre vor den heute bekannteren Farbenlehren von Albert Munsell oder Michel-Eugène Chevreul, führte der französische Seidenhändler Gaspard Grégoire ein Farbordnungssystem ein, das auf den Farbattributen Farbton, Farbsättigung und Helligkeit basierte.

                                                                                                    Abb. 1

Es stellt eine kleine und seltene Kostbarkeit dar, das dünne, ganz in Leder eingebundene Bändchen, welches wir kürzlich erwerben konnten: «Théorie des couleurs appliquée à la pratique des arts industriels» von Gaspard Grégoire, Rar 10976. https://doi.org/10.3931/e-rara-145423. Auf dem Buchrücken steht in Goldprägung schlicht: «Système des couleurs».

Was war der Anreiz, sich dermassen mit der Ausstrahlungskraft farbiger Stoffe zu befassen und daraus eine Theorie zu entwickeln? Kaufmännischer Ehrgeiz oder das Streben nach ästhetischer Vollendung? Oder einfach eine tiefe Leidenschaft für das Handwerk?

 

Gaspard Grégoire (1751-1846) stammte aus einer Seidenhändlerfamilie aus Aix-en-Provence und begann bereits mit 26 Jahren mit der Herstellung bemalter Samtstoffe. Er war ein Pionier dessen, was man heute «Industrial Design» nennt. Mitte der 1780er Jahre konzipierte er einen Stoffatlas mit 1350 Mustern, welcher in der Folge in den französischen königlichen Manufakturen und Bildungseinrichtungen Verwendung fand. Seine erstaunliche Technik und seine detailreichen Arbeiten machten ihn zunächst in seiner Heimatstadt bekannt, dann in Paris, wo er unter dem Protektorat des Direktors der Verwaltung der Gebäude des französischen Königs, arbeitete. Die neue einzigartige Methode betraf das Auftragen der Farbe. Sie sollte nicht auf den Stoff sondern direkt auf die Webstuhl-Kette aufgetragen werden. Diese Innovation ermöglichte es Grégoire, eine aussergewöhnliche Farbnuancenvielfalt zu erreichen.

                                                                                                  Abb. 2                                                                              

  

Um seine neue «Lehre» der Nachwelt weiterzugeben, entschloss sich Grégoire, seine Theorie niederzuschreiben und zu publizieren. Da die erste Auflage rasch vergriffen war, folgte sehr bald eine weitere Ausgabe, welcher der findige Experimentator seine weiteren Erkenntnisse beifügte.

                                                                                                   Abb. 3

So schrieb er zur seconde édition: «La première édition de la Théorie des couleurs que j’avais publiée précédemment étant épuisée, je me suis déterminé à publier une seconde édition; mais je l’ai divisée en deux parties. »

Den zweiten Teil nennt er dann « Farbenfrohe Experimente zur Unterstützung des Systems der drei ursprünglichen Farben». Während er sich im ersten Teil mit der Anwendung materieller Farben in der industriellen Kunst und dem System der drei Grundfarben mit ihren verschiedenen Farbfiguren beschäftigt, widmet er sich im zweiten Teil den Experimenten über die Farben des Lichts, insbesondere über die prismatischen Farben, also die Spektralfarben rot, orange, gelb, grün, blau, indigo und violett. Sein Fazit lautet, dass die beiden verschiedenen Arten von Farben, welche entgegengesetzter Natur sind, beim Zusammentreffen den gleichen Wert haben und dass sogar weisses Licht die Hälfte seiner Helligkeit verliert, wenn es auf einen schwarzen Körper projiziert wird.

 

Literatur:

– Grégoire, Gaspard: Théorie des couleurs, appliquée à la pratique des arts industriels, Paris, chez l’auteur, 1839

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