Erinnerungen an den Zürcher Tonhallekrawall vom 9. März 1871

In der Nacht vom 9. auf den 10. März 1871 protestierte eine wütende Menge von mehreren hundert Personen vor der Alten Tonhalle auf dem heutigen Sechseläutenplatz gegen eine Feier anlässlich des bevorstehenden deutschen Sieges im Deutsch-Französischen Krieg. Mitorganisiert wurde der Anlass von den beiden Polytechnikum-Professoren Gottfried Semper und Johannes Wislicenus. Der Ausbruch stürmischer Gewalt zwischen Anhängern der jungen französischen Republik und Deutschlandfreundlichen war Ausdruck der Folgen eines ungehemmten Nationalismus.

Wenige Wochen nach der Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles vom 18. Januar 1871 nahm die Euphorie von in der Schweiz lebenden Deutschen und deutschlandfreundlichen Schweizern Höhenflüge. Bereits am 31. Januar kündigte eine Reihe von Zürcher Professoren, darunter der Polytechnikum-Professor und Erbauer des ETH-Hauptgebäudes Gottfried Semper, in einem Inserat im «Tagblatt der Stadt Zürich» einen «Deutschen Komers», das heisst eine Feier, in der Tonhalle an:

«[…] in anspruchsloser Form wollen wir den grossen Moment im Kreise Gleichgesinnter begehen. Wir laden demnach alle hier wohnenden Deutschen, die mit uns in der Wiederaufrichtung des deutschen Reiches ein freudiges Ereignis erblicken, sowie alle Schweizer, die Freude der deutschen Sache sind, höflichst und dringend ein, an dem Abendkommers im grossen Saale der Tonhalle, Donnerstag, den 2. Februar, teilzunehmen.» (zit. nach Hans Schmid, Tonhallekrawall)

Für Kritiker des neuen deutschen Einheitsstaates muss diese Ankündigung wie eine masslose Provokation angefühlt haben. Der Zeitpunkt war zudem denkbar ungünstig, denn die Stimmung in der Schweizer Bevölkerung hatte im Kriegsverlauf allmählich zugunsten der Franzosen umgeschlagen. Wurde zu Beginn des Kriegs im Sommer 1870 von den meisten noch die Aggression Napoleons III. heftig kritisiert, schwenkte die Stimmung zusehends um. Vom 1. bis zum 3. Februar überquerte die sogenannte Bourbaki-Armee bei Pontarlier die Schweizer Grenze. Die auf der Flucht befindliche französische Armée de l’Est wurde für einen guten Monat in der Schweiz interniert und rief grosses Mitleid in der Schweizer Bevölkerung hervor.

Alte Tonhalle auf dem Sechseläutenplatz. Das Kornhaus am See wurde 1867 zur Festhalle umgebaut und fasste ein Publikum von 3600 Personen. 1896 abgetragen. (wikimedia commons)

Um halb 8 Uhr abends des 9. Märzes waren schon 300 bis 400 Personen vor der Tonhalle versammelt und skandierten lautstark. Gassenjungen wurden engagiert, um faustgrosse Steine aus der nahegelegenen Limmat heranzutragen, die dann in hohem Bogen Richtung Tonhalle geworfen wurden. Während Professor Wislicenus’ Rede flogen die Steine schon durch die Oberfenster in das Gebäude. Die Menge rief „Vive la France!“. In einem nahegelegenen Café befindliche Bourbaki-Soldaten entgegneten „Vive la Suisse!“. Inzwischen verkündete der Polytechnikum-Geschichtsprofessor Johannes Scherr, der für seine deutschnationale und frankophobe Haltung bekannt war: „Aber die Prophezeiung werde in Erfüllung gehen: Kommen wird einst der Tag, wo auf den Ruf der Gemania: wo ist die Tochter Austria? Die Antwort lauten wird: hier bin ich bei dir allzeit!“ Die Polizei vermochte die wütende Masse irgendwann nicht mehr am Eindringen ins Gebäude zu hindern:

“Die jungen Leute – dabei taten sich Polytechniker besonders hervor – demolierten die Musikpulte auf dem Podium, traten Stuhlbeine ab und rissen Latten aus den Dekorationsgerüsten, um sich zu bewaffnen. […] Mit vollen und leeren Biergläsern und Weinflaschen, Zündholzsteinen und Porzellanunterlagen wurden die Deutschen bombardiert.» (zit. nach Hans Schmid, Tonhallekrawall)

Im Hochschularchiv ist der Bericht eines Soldaten den Schweizer Grenzschutzes überliefert, der im Nachgang des Tonhallekrawalls am 12. März 1871 aufgeboten wurde. Der Thurgauer Johann Schmid traf am 12. März mit seinem Bataillon in Zürich ein. Die Tonhalle habe wie bombardiert ausgesehen, abgegebene Schüsse hätten mehr zufällig als absichtlich drei Personen getötet. Da eine Revolte befürchtet wurde, blieben die Grenzschutzsoldaten bis zum Morgen des 15. März in der Stadt, um mit Patrouillen Präsenz zu markieren. Die Revolte blieb aus und die Armee konnte nach drei Tagen wieder aus der Stadt abgezogen werden.

Neue Tonhalle seit 1895 am heutigen Standort. Die Nebenbauten wie Restaurant und der Rundbau im Trocadéro-Stil wurden 1937 abgebrochen. (Ans_01224)

Akten aus den Schwurgerichtsprozessen im Nachgang an die Krawalle bezeugen, dass die Motivation vieler Randalierer ökonomischer Natur war. Sie fühlten sich durch deutsche Zuwanderer in ihrem Arbeitsplatz gefährdet, da die Deutschen tiefere Löhne akzeptierten. Zu Ausschreitungen dieser Grössenordnung wäre es wohl nicht gekommen, hätte die öffentliche Feier in der Tonhalle nicht stattgefunden. Für Konflikte benötigt es immer einen Anlass und einen Grund. Die beiden sind oft völlig verschieden. Nationalistisch aufgeladene Ressentiments gaben oft genug Anlass, einen Streit, einen Konflikt oder gar einen Krieg vom Zaun zu reissen. Sie tun dies bis heute.

Quellen und Literatur:

ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 350:1.

Schmid, Hans: Der Zürcher Tonhallekrawall vom 9. März 1871 und seine Folgen, in: Zürcher Taschenbuch 46 (1926).

Rückschau anlässlich 150 Jahre Tonhallekrawall, Neue Zürcher Zeitung: https://www.nzz.ch/zuerich/150-jahre-tonhallekrawall-deutschenhass-in-zuerich-ld.1602689

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