Architektonische Reimagination: Der Schweizer Pavillon an der Biennale von Venedig

In ihrem diesjährigen Beitrag für den Schweizer Pavillon an der Biennale von Venedig fragt das Architektinnen-Kollektiv Annexe: «Was wäre, wenn nicht Bruno Giacometti, sondern Lisbeth Sachs den Schweizer Pavillon entworfen hätte?». Die Überlagerung der bestehenden Pavillonarchitektur mit dem zeitgleich entstandenen Entwurf einer weiblichen Kollegin hinterfragt den Status quo und etabliert ein alternatives Narrativ.

Foto: Eingang Schweizer Pavillon Biennale Venedig
Bruno Giacometti, Eingang zum Schweizer Pavillon in den Giardini della Biennale, Venedig, vermutlich 1956 (Foto: Sigfried Giedion, gta Archiv / ETH Zürich)

Tatsächlich wurde keiner der Länderpavillons in den Giardini della Biennale von einer Architektin erbaut. Auch die Direktion der eidgenössischen Bauten lud Anfang Juli 1951 in einem stark verkürzten und äusserst knappen Wettbewerbsverfahren für einen neuen Schweizer Pavillon vier Architekten ein. Auf Drängen der Eidgenössischen Kunstkommission erwarb das Eidgenössische Departement des Innern im Jahr zuvor neben dem Haupteingang zu den Giardini eine Fläche für einen eigenen Ausstellungsbau.[1] Die Bauaufgabe forderte einen Neubau, der «in erster Linie gute Ausstellungsmöglichkeiten […] für mannigfaltige Kombinationen von Malerei, Skulptur und Graphik» bot.[2] Diese war durch eine ebenerdige Anordnung zu konzipieren, die durch einen Rundgang erschlossen wird. Ganz generell hiess es darin: «Die architektonische Ausstattung soll der Auffassung unserer Zeit entsprechen unter Einbeziehung der bestehenden Bäume und neu zu erstellenden Grünanlagen.»

Nach einem Vorentwurf des Tessiner Architekten Rino Tami wurden die Architekten Bruno Giacometti, Max Bill, Werner Krebs und John Torcapel eingeladen. Es scheint, als wäre bei der Wahl die Parität der Sprachregionen berücksichtigt worden. Keine zwei Monate später, Ende August 1951, fiel bereits die Entscheidung. Es war der feingliedrige Entwurf von Bruno Giacometti (1907–2012), den die Jury zur Umsetzung empfahl. Dem aus dem Bergell stammende und in Zürich tätige Giacometti, Bruder des bekannten Bildhauers Alberto Giacometti, gelang mit der asymmetrischen Anordnung unterschiedlicher Volumen eine differenzierte Lösung für die geforderte Bauaufgabe. Hinter den unverputzten Backsteinmauern befindet sich eine in sich geschlossene Ausstellungsanlage, die sich mit offenen und nach innen konzentrierten Räumen und Übergängen abwechselt. 1952 fand die erste Biennale im neuen Pavillon von Bruno Giacometti statt. Mit Gemälden von Max Gubler, Skulpturen von Jakob Probst und Grafik von Hans Fischer war es eine mustergültige Bespielung der Räume.

Plan: Lisbeth Sachs, Plan für die Kunsthalle an der zweiten Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) in Zürich, um 1958 (gta Archiv / ETH Zürich)
Lisbeth Sachs, Plan für die Kunsthalle an der zweiten Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) in Zürich, um 1958 (gta Archiv / ETH Zürich)

Zur selben Zeit realisierte die Architektin Lisbeth Sachs (1914–2002) in Baden das neue Kurtheater. Es war der erste öffentliche Bauauftrag an eine Architektin hierzulande. Sachs hatte den Wettbewerb 1939 unmittelbar nach ihrem Diplom an der ETH gewonnen. Als eine der ersten selbständigen Architektinnen musste sie sich allerdings in einer von Männern dominierten Berufswelt erst noch behaupten, ihr wurde der zweitplatzierte Otto Dorer zur Seite gestellt. Die Kriegsjahre verzögerten den Bau und als er – wie Giacomettis Pavillon in Venedig – 1952 eröffnet wurde, trug er die Handschrift einer eigenwilligen Architektin. Sachs entwarf ein modernes Theatergebäude, dessen verglastes Gartenfoyer im historischen Kurpark einen feierlich sublimen Akzent setzt.[3]

Foto: Lisbeth Sachs, Kunsthalle an der zweiten Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) in Zürich, 1958 (Foto: Fred Waldvogel, gta Archiv / ETH Zürich)
Lisbeth Sachs, Kunsthalle an der zweiten Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) in Zürich, 1958 (Foto: Fred Waldvogel, gta Archiv / ETH Zürich)

Im Mittelpunkt des diesjährigen Schweizer Beitrags an der Biennale von Venedig steht allerdings der sechs Jahre später realisierte Kunstpavillon von Lisbeth Sachs. Sachs hatte für die zweite Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) 1958 in Zürich eine temporäre Kunsthalle für eine Freiluftausstellung konzipiert. Drei sich tangierende Kreise überdacht mit einer lichtdurchlässigen Zeltkonstruktion, luftigen Vorhängen und radial angeordneten Ausstellungswänden aus Beton ermöglichten die Präsentation unterschiedlicher Kunstsparten «ohne im entferntesten an den rechten Winkel eines Museums gebunden zu sein».[4] Wie auch bei der Konzeption der Biennale stand bei Sachs die Verbindung von Kunst und Natur im Vordergrund. Ihrem Entwurf lag der Gedanke zugrunde: «Warum nicht auf einem Spaziergang in einem lockeren Wald von Staffeleien Bildern begegnen?»

Foto: Schweizer Pavillon 2025 Biennale Venedig
Annexe (Elena Chiavi, Kathrin Füglister, Amy Perkins, Axelle Steifel und Myriam Uzor), «Endgültige Form wird von der Architektin am Bau bestimmt.», Schweizer Pavillon an der Architekturbiennale 2025 (Foto: Keystone / Gaëtan Bally)

Das Architektinnen-Kollektiv Annexe holt für Ihren Beitrag den Entwurf von Sachs aus der Schublade und imaginiert eine alternative Realität. Bei der Rekonstruktion der für die SAFFA entworfenen Kunsthalle stützen sie sich auf Archivmaterial im Nachlass der Architektin. Ihr Beitrag heisst dann konsequenterweise auch «Endgültige Form wird von der Architektin am Bau bestimmt.», ein Standardsatz auf Bauplänen, der in der weiblichen Form einem Plan von Sachs entnommen wurde. In der Installation sind allerdings weder Pläne noch Fotos des architektonischen Vorbilds zu sehen. Die Überlagerung der beiden Architekturen ist ein räumliches Erlebnis, ergänzt durch eine Audioinstallation der Künstlerin Axelle Stiefel mit Aufnahmen aus dem Entwurfs- und Bauprozess. Die Gegenüberstellung der beiden Entwürfe sucht dabei weder Vergleich noch Konfrontation. Das Aufeinanderprallen von Formen und Materialien erinnert aber an das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern in diesem Beruf und in der Geschichte der Architektur. Der damals von Sachs geäusserte Wunsch, «dass der Bau den Charakter des Improvisierten, Fliessenden, Geöffneten bewahren sollte ohne auf seine festliche Wirkung zu verzichten» ist auch in der Übersetzung von Annexe deutlich spürbar.

Foto: Max Bill, «Biennale di Venezia», Modell für den Schweizer Pavillon, 1951 (gta Archiv / ETH Zürich)
Max Bill, «Biennale di Venezia», Modell für den Schweizer Pavillon, 1951 (gta Archiv / ETH Zürich)

Mit den sich seit kurzem im gta Archiv befindenden Modellen von Max Bill (1908–1994) lässt sich eine weitere, reale Alternative für den Schweizer Pavillon an der Biennale in Venedig rekonstruieren. Als Architekt, der zahlreiche Ausstellungsdispositive für die Schweiz verantwortete, erstaunt es nicht, dass Bill zur Wettbewerbsteilnahme eingeladen war. In seinem Entwurf arrangierte Bill, ähnlich wie Giacometti, unterschiedliche Volumen um den historischen Baumbestand. Bills minimalistisches Konzept, die Reduktion auf Ausstellungshalle, Gartensaal, Gartenhof, war weitaus radikaler als dasjenige seines Konkurrenten. Die Jury lobte sodann die «kompakte Anordnung der offenen und geschlossenen Ausstellungsräume», die «zu einem klaren und einfachen Rundgang» führe, «aber auch zu einer unerwünschten Konzentration des Verkehrs im Gelenk der Anlage». Auch wenn die Jury Bills Entwurf mit den Worten würdigte: «Das Streben nach äusserster Einfachheit in der Architektur ist anerkennenswert.», dürfte Giacometti in vielerlei Hinsicht die pragmatischere Wahl gewesen sein. Bereits an der Biennale von 1958 war Bill dann im Schweizer Pavillon als Künstler mit 21 Plastiken vertreten. An der Expo 64 verzeichnete er mit der Verantwortung mehrerer Ausstellungsbauten einen weiteren Höhepunkt in seiner Karriere. Wo aber blieben die Architektinnen, wie Lisbeth Sachs, die an der SAFFA 1958 ihr Können unter Beweis gestellt hatten? Keine von ihnen wurde an der «Landi der Architekten» mit einem Bau beauftragt. Vielleicht wäre auch hier eine archivalische Aufarbeitung mit etwas Reimagination angebracht.

Weitere Hinweise

Die für diesen Beitrag verwendeten Bestände von Lisbeth Sachs, Werner Max Moser, Sigfried Giedion sowie die Modelle von Max Bill befinden sich im gta Archiv. Die Dokumentation zum Biennale Pavillon von Bruno Giacometti im Bundesamt für Kultur.

Annexe (Elena Chiavi, Kathrin Füglister, Amy Perkins, Axelle Steifel und Myriam Uzor), «Endgültige Form wird von der Architektin am Bau bestimmt.» 10. Mai bis 23. November 2025, Schweizer Pavillon, Giardini della Biennale, Venedig. Für online Beiträge in Zusammenarbeit mit e-flux Architecture siehe https://www.e-flux.com/architecture/phantasma.

Begleitend zur Ausstellung erscheint die Publikation «Lisbeth Sachs: Animate Architecture» im gta Verlag. Es ist die englische Übersetzung der Monografie «Lisbeth Sachs: Architektin, Forscherin, Publizistin» von Rahel Schweizer Hartmann (gta Verlag, 2020).

Literatur- und Quellenhinweise

[1] Zur Architektur und Geschichte des Schweizer Pavillons siehe Susann Oehler, Bruno Giacomettis Schweizer Pavillon von 1951–1952, in: Regula Krähenbühl und Beat Wyss (Hg.), Biennale Venedig. Die Beteiligung der Schweiz, 1920–2013, Zürich 2013, S. 63–102.

[2] Im Nachlass von Jurymitglied Werner Max Moser finden sich vereinzelte Dokumente, die die Korrespondenz der Auftraggeber und der Jury belegen, so z.B. auch die Wettbewerbsanforderungen und der Jurybericht.

[3] Eine gedankliche Verbindung der zwei Bauten stellt bereits die Zeitschrift Werk her, als sie Giacomettis Pavillon und Sachs Kurtheater als «Bauten des kulturellen Lebens» in derselben Ausgabe nacheinander vorstellt, vgl. Werk, 39 (1952), Nr. 9, S. 282–290.

[4] Dieses und die nachfolgenden Zitate von Lisbeth Sachs sind Typoskripten in ihrem Nachlass im gta Archiv entnommen.

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