Vor ziemlich genau 150 Jahren, am 14. Juli 1875, verstarb Guillaume Henri Dufour. Der Kartograf und erster General des modernen schweizerischen Bundesstaats war massgeblich an der Vermessung der Schweiz beteiligt, zu den bekanntesten Werken gehört die sogenannte „Dufourkarte“. Doch sein Wirken als Kartograf blieb nicht auf dieses eine Werk begrenzt.
Wenn der Name Guillaume Henri Dufour (15.09.1787 – 14. 07.1875) genannt wird, denken die meisten sofort an die legendäre Dufourkarte oder sein militärisches Wirken. Doch das „Schweizer Universalgenie“ der General, Ingenieur, Festungsbauer, Kartograf, Politiker und Mitbegründer des Internationalen Roten Kreuzes war weit mehr als nur der Namensgeber seines Meisterwerks. Sein kartografisches Erbe ist eine Geschichte von Präzision, Kunstfertigkeit, politischem Willen, Weitsicht und Teamarbeit, die das Gesicht der Schweiz für immer veränderte.
Schon lange vor dem nationalen Grossprojekt legte Dufour den Grundstein für seine Karriere. Als junger Offizier in Napoleons Armee erhielt Dufour zwischen 1810 und 1814 den Auftrag, Festungsanlagen auf der griechischen Insel Korfu zu kartieren und sich am Bau neuer Anlagen zu beteiligen. Diese Arbeit schulte nicht nur Dufours Auge für topografische Herausforderungen, sondern lehrte ihn auch die fundamentale Bedeutung präziser Karten für Planung und Verteidigung. Das zeigt der von Dufour gezeichnete Plan von Korfu (1811/1812), eine Kopie von 1818 befindet sich im Bestand der Bibliothèque de Genève.

Abb. 1: Ausschnitt aus „Grèce, île de Corfou: plan général de la place, des forts, du terrain extérieur (copie d’un plan de 1811-1812)“, 1818. Bibliothèque de Genève, Archives Guillaume Henri Dufour, fad e 105.
Nach seiner Rückkehr in die Schweiz konnte er dieses Wissen direkt anwenden. Als Kantonsingenieur von Genf leitete er die Erstellung der Carte topographique du canton de Genève (1838 – 1842). Dieses Werk im detailreichen Massstab 1:25’000 war weit mehr als nur eine lokale Karte, es war das entscheidende „Pilotprojekt“. Hier erprobte und perfektionierte Dufour die später berühmte „Schweizer Manier„: Bei dieser Schraffentechnik werden Hänge durch feine Striche dargestellt: je steiler, desto dichter und dunkler die Linien. Kombiniert mit einer fiktiven Beleuchtung entstand so eine fast greifbare 3D-Optik des Geländes.
Abb. 2: Die Schraffentechnik bei der „Carte topographique du canton de Genève“ vermittelt ein plastisches Bild der Topografie, hier entlang der Rhone. ETH-Bibliothek Zürich, Rar K 401.
Das Herzstück des Schaffens von Dufour war natürlich die Topographische Karte der Schweiz 1:100’000, besser bekannt als „Dufourkarte„, die zwischen 1845 und 1865 in 25 Blättern erschien. Ihre Entstehung fiel in die Gründungsphase des modernen Schweizer Bundesstaates von 1848. Das erste amtliche Kartenwerk der Schweiz war somit nicht nur ein technisches, sondern auch ein politisches Projekt. Sie visualisierte die Schweiz als geeinte Nation und wurde zu einem Symbol der nationalen Identität.
Abb. 3: Ausschnitt aus „Blatt IX, Schwyz, Glarus, Appenzell, Sargans“ der Topographische Karte der Schweiz (Dufourkarte). ETH-Bibliothek Zürich, Rar KA 171.
Dufour war Direktor und Organisator, die Arbeiten an der Karte begannen bereits 1832. Dufour gründete 1838 das Eidgenössische Topographische Bureau (heute swisstopo), legte die wissenschaftlichen Methoden fest und überwachte in enger Kooperation mit den beteiligten Kartografen wie beispielsweise Johannes Wild und Kupferstecher wie Heinrich Müllhaupt, der beim berühmten Südtiroler Kupferstecher Rinaldo Bressanini die Ausbildung absolvierte, die Qualität jedes einzelnen Blattes. Die internationale Anerkennung liess nicht lange auf sich warten: An der Pariser Weltausstellung von 1855 erhielt das Werk – noch vor dessen Fertigstellung – eine Ehrenmedaille. Eine verdiente Auszeichnung, für Dufour und alle beteiligten Personen.
Dufours kartografisches Erbe geht also weit über ein einzelnes, wenn auch meisterhaftes Kartenwerk hinaus. Von den Festungsplänen auf Korfu über die Vermessung des Kantons Genf bis zur Direktion der nationalen Dufourkarte zeigt sich eine klare Entwicklung: Dufour verband wissenschaftliche Akribie, ein ausgeprägtes ästhetisches Empfinden für die Landschaftsdarstellung und ein besonderes Organisationstalent. Er schuf nicht nur Karten, sondern etablierte wegweisende Standards und mit swisstopo eine Institution, die sein Werk auch nach 150 Jahren weiter in die Zukunft tragen.

