Florenz’ zertrümmertes Herz

Florenz’ zertrümmertes Herz

Die aufmerksamen Spaziergänger unterwegs durch Florenz mögen in der Nähe vom Ponte Vecchio über die moderne Anmutung der beiden heutigen Brückenkopfquartiere gestaunt haben. Diese bilden nämlich einen heftigen Kontrast zum übrigen Altstadtgefüge, das von historischer Kontinuität geprägt ist. Der Baubestand von Florenz ist eigentlich während des Zweiten Weltkrieges relativ unversehrt davongekommen. Die Zerstörungen sind auf die Verkehrsinfrastrukturen beschränkt geblieben, wenn auch mit verheerenden «Kollateralschäden». Eine Reportage aus den frühen 1950er Jahren im Bestand der Zürcher Presseagentur Comet Photo AG erlaubt, auf diese schmerzhaften Ereignisse zurückzublicken.

Florenz als «città aperta» (offene Stadt)

1943 und 1944 hat es sukzessive Anläufe gegeben, sowohl Rom wie Florenz auf die Liste der unbefestigten Städte einzutragen, welche gemäss der Haager Landkriegsordnung nicht angegriffen werden dürfen. Doch diese Massnahmen sind wirkungslos geblieben.

Bereits im September 1943 bombardierten die Alliierten gezielt die Rangierbahnhöfe am Stadtrand von Florenz, während im darauffolgenden Jahr während der Nacht vom 3. zum 4. August die deutsche Wehrmacht sämtliche Brücken über dem Arno sprengte, ausser den Ponte Vecchio, den sie zwar angesichts seines Denkmalwertes verschonte, aber um den Preis der Zertrümmerung der Häuserreihen an den Zufahrtstrassen. Mit dieser militärischen Massnahme sollte ihr Rückzug aus der Toskana nach Norden vor dem raschen Fortschreiten der Alliierten gedeckt werden. Gerade dadurch, dass die Kriegsschäden in Florenz sich auf reduzierte Flächen in einem relativ homogenen Kontext konzentriert haben, fallen derer Reparaturen in den 1950er Jahren umso mehr auf.

Bild2

Comet Photo AG: Überblick auf den Arno in Florenz aus Piazzale Michelangelo, um 1950, Detail aus dem Originalbildausschnitt (Com_M01-0717-0012). Dieses Bild hält den Stand der Wiederaufbauarbeiten an den 1944 gesprengten Brücken fest.

Bild3

Comet Photo AG: Überblick auf den Arno in Florenz aus Piazzale Michelangelo, um 1950, Originalbildausschnitt (Com_M01-0717-0012).

Zur Chronologie der vorliegenden Bilderreihe, bezogen auf den Wiederaufbau der florentinischen Brücken

Die Presseagentur Comet Photo AG wurde erst 1952 gegründet, aber dieses Datum darf nicht als Stichjahr angenommen werden, auf welches die ältesten Teile der Fotobestände zurückgehen würden. Diese Übersicht über die Arnobrücken, zum Beispiel, kann unmöglich um 1952 aufgenommen worden sein, denn, wenn es so wäre, müsste die am 23. Juni jenes Jahres eingeweihte Brücke alla Carraia mindestens kurz vor dem vollendeten Zustand erscheinen. Die Tatsache, dass sie hier erst noch als Bailey-Notbrücke flussabwärts vom Ponte Vecchio zu sehen ist, verweist auf ein früheres Datum. Diese Fotografie dokumentiert eigentlich den Beginn der Bauarbeiten an der Carraia-Brücke, wenige Monate nachdem das Ministerium für öffentliche Bauten das am 8. Juli 1946 in Auftrag gegebene Wiederaufbauprojekt am 21. Dezember 1949 endgültig bewilligt hat. Als erste Massnahme bei der Einrichtung der Baustelle, also im Winter oder spätestens Frühjahr 1950, wurde parallel zum Brückenstandort ein leichter Ersatzfussgängersteg errichtet.

Diese Gesamtaufnahme gestattet übrigens eine interessante Feststellung: die Brücken, welche als erste wiederaufgebaut wurden, sind jene, welche die grösste Entfernung zum Kern der Altstadt aufweisen. Die Drei-Bogen-Brücke alla Vittoria im Westen der Stadt (ganz im Bildhintergrund) wurde sehr rasch nach 14 Monaten Baustelle wiederaufgebaut und am 24. September 1946 dem Schwerverkehr übergeben. Darauf folgte nach zwei Jahren Baustelle die Einweihung im Mai 1949 der wiederaufgebauten San Niccolò-Brücke, in symmetrischer Randlage flussaufwärts (rechts, ausserhalb des Bildausschnittes). Die Kontroversen um die Wiederaufbauprojekte für die Brücken alle Grazie (im Bildvordergrund) und S. Trinita haben den Baubeginn jeweils um etwa zehn Jahre verzögert, so dass sie erst 1957 respektiv 1958 in Betrieb genommen werden durften.

Während diesem langen Entscheidungsfindungsprozess und nach Räumung der Trümmer ist auf dem Ponte Vecchio der Fahrverkehr bis zu einer Tonne Gesamtlast ununterbrochen zugelassen worden.

Die Florenz-Reportage, welche in die Comet-Bestände eingegangen ist, schliesst zusätzlich zum Überblick aus dem erhöhten Piazzale Michelangelo Detailansichten der Situation unmittelbar vom Ufer und zum gleichen Zeitpunkt ein.

Die folgende Ansicht, aus einem Standpunkt im Bereich Borgo S. Jacopo, am linken Ufer, zeigt in den Vordergrund die beiden im Flussbett übriggebliebenen Pfeiler der S. Trinita-Brücke mit darauf liegender Bailey-Notbrücke, dann im Mittelgrund den leichten provisorischen Fussgängersteg, der als Teil der Baustelle für die Wiedererrichtung der Carraia-Brücke gebaut wurde, und gerade dahinter Überreste der gesprengten Carraia-Brücke, welche als Anhaltspunkte für derer Wiedererrichtung am ursprünglichen Standort gemäss dem Originalzustand behutsam gesäubert wurden.

Bild4

Comet Photo AG: Der Arno in Florenz mit den Überresten der 1944 gesprengten Brücken S. Trinita und alla Carraia, um 1950, Originalbildausschnitt (Com_M01-0717-0010)

Eine zweite Detailansicht aus dem Lungarno Acciaiuoli, am rechten Ufer, belegt eindrücklich, wenn man hineinzoomt, wie intensiv Notbrücke und Fussgängersteg von der Bevölkerung benutzt wurden.

Bild5

Comet Photo AG: Florenz, Lungarno degli Acciaiuoli mit im Hintergrund die Fussgängerersatzbrücken S. Trinita und alla Carraia, um 1950, Originalbildausschnitt (Com_M01-0717-0009)

Bild6

Comet Photo AG: Florenz, Lungarno degli Acciaiuoli mit den Fussgängerersatzbrücken S. Trinita und alla Carraia, um 1950, Detail aus dem Originalbildausschnitt (Com_M01-0717-0009)

Der verschonte Ponte Vecchio und die zerstörten Brückenkopfquartiere

Die Sprengungen der Wehrmacht wurden von Fall zu Fall nach einer zwar überstürzten aber immerhin bedachten Abwägung des Denkmalwertes und des strategischen Nutzens der betroffenen Bauwerke durchgeführt. Was war «besser»? Die Brücke selbst zu zerstören oder die Zugänge zu blockieren? International angesehene Mitglieder des Deutschen Kunsthistorischen Instituts in Florenz wurden beigezogen und haben wohl oder übel die Entscheidungsfindung mitgetragen und versucht, sie zugunsten des denkmalpflegerischen Anliegens zu steuern.

Im Fall des Ponte Vecchio hat Hitler persönlich seine Erhaltung befohlen und das Opfer der angrenzenden Bausubstanz auf beiden Flussufern dafür in Kauf genommen. Beim Zertrümmern der Häuserblöcke von strategischer Bedeutung wurde immerhin differenziert vorgegangen. Die aus Bruchstein gemauerten adligen Geschlechtertürme wurden systematisch vom übrigen Baubestand ausgespart und mit «chirurgischer» Präzision vor den Sprengungen verschont.

Somit vermittelt die Ruinenlandschaft im Umfeld des Ponte Vecchio um 1950 ein Bild der Wertmassstäbe, welche von der deutschen Kunsthistorikerelite kurz vor Kriegsende vertreten wurde. Mittlerweile tendiert die Bauforschung, die Geschlechtertürme eher als Anbauten denn als Kernbauten zu betrachten. Die Sprengungen von 1944 haben also eigentlich die Hauptbauten (mit der wichtigen Ausnahme von Palazzo Guicciardini) aus den betroffenen Teilen des Stadtgefüges entfernt und die Nebenbauten bestehen lassen!

Bild7

Comet Photo AG: Florenz, Überblick über den Ponte Vecchio und den 1944 zerstörten Brückenkopf am rechten Ufer, um 1950 (Com_M01-0717-0003). Die absichtlich verschonten Geschlechtertürme stehen frei mitten im zertrümmerten Stadtgefüge.

Bild1

Comet Photo AG: Florenz, Ansicht des Turms des Adelsgeschlechts Amidei, auf der linken Seite der Via Por Santa Maria, in der Fortsetzung des Ponte Vecchio am rechten Arno-Ufer, um 1950 (Com_M01-0717-0008).

Bild8

Comet Photo AG: Florenz, Überblick über den Ponte Vecchio und Teile der 1944 zerstörten Brückenköpfe auf beiden Ufern, um 1950 (Com_M01-0717-0005). Im Vordergrund links, Fassade des von der Wehrmacht verschonten Palazzo Guicciardini an der gleichnamigen Zufahrtstrasse zur Brücke.

Der Vasarianische Korridor

Die Erhaltung des Ponte Vecchio unter der Bedingung, dass die Brücke unpassierbar gemacht werde, hatte zwei Konsequenzen: Eine bestand in der Aufschüttung der Zufahrtstrassen mit Trümmern, die andere bedingte die Unterbrechung des sogenannten «Vasarianischen Korridors», also jene ununterbrochene Verbindungsgalerie, welche der Architekt Giorgio Vasari 1565 im Auftrag von Cosimo I. dei Medici, zwischen dem Palazzo Vecchio und Palazzo Pitti entwarf und realisierte. Diese hochliegende Galerie überbrückt sämtliche Strassen und wird auf der Strecke über den Ponte Vecchio den Handwerkerbuden aufgesetzt. Am 3. August 1944 wurde der Korridor auf beiden Ufern zwar streckenweise zerstört, wobei das Teilstück entlang der Brücke begehbar blieb, was Widerstandskämpfer sofort auszunutzen wussten. Die Foto-Reportage aus dem Jahre 1950 gibt wertvolle Auskunft über den Stand der Zurückgewinnung dieser städtebaulichen Kuriosität. Übrigens soll dieser Korridor, welcher mittlerweile Teil der Uffizien ist, in seiner vollständigen Abwicklung in diesem Jahr der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Bild9

Comet Photo AG: Florenz, Ponte Vecchio, der Vasarianische Korridor wurde 1944 gerade dort, wo er auf Konsolen um den Turm des Adelsgeschlechts Mannelli herumgeführt wird, unterbrochen, um 1950 (Com_M01-0717-0007).

Bild10

Comet Photo AG: Florenz, östliche Seite des Ponte Vecchio, um 1950 (Com_M01-0717-0002). Der Vasarianische Korridor, der als Aufsatz über die gereihten Handwerkerbuden gut ersichtlich ist, setzt sich nach einem rechtwinkligen Knick flussaufwärts fort, dem rechten Ufer entlang. Dort wird er von einer Arkadenreihe bis zu einer nächsten rechtwinklig angeordneten Brücke getragen, welche den Anschluss an die Uffizien sichert. Genau diese Anbindung wurde 1944 vermint und gesprengt.

 

Weiterführende Literatur

Zu den Ereignissen im Sommer 1944:

Gianluca Belli, Amedeo Belluzzi: Una notte d’estate del 1944 : le rovine della guerra e la ricostruzione a Firenze, Firenze : Edizioni Polistampa, 2013.

Zur Zusammenarbeit der Deutschen Wehrmacht mit Kunsthistorikern:

Christian Fuhrmeister: Kunsthistoriker im Krieg : Deutscher Militärischer Kunstschutz in Italien 1943-1945, Köln: Böhlau Verlag, 2012.

Christian  Fuhrmeister: Die Abteilung “Kunstschutz” in Italien: Kunstgeschichte, Politik und Propaganda 1936-1963, Wien: Böhlau Verlag, 2019.

Für eine morphogenetische Klassifikation der Brücken in Florenz:

Sylvain  Malfroy, Gianfranco Caniggia: Die morphologische Betrachtungsweise von Stadt und Territorium [Neuauflage], Zürich: Triest, 2018 (Englisch: A Morphological Approach to Cities and Their Regions, Zürich: Triest Verlag, 2021).

Sylvain Malfroy, «Erwachen in Florenz» in: Andri  Gerber et al., Morphologie von Stadtlandschaften : Geschichte, Analyse, Entwurf, Berlin: Dietrich Reimer Verlag, 2021, S. 133-158 (Englisch: «Awakening in Florence», in: Andri  Gerber et al., The Morphology of Urban Landscapes  : History, Analysis, Design, Berlin: Dietrich Reimer Verlag, 2021, S. 123-146).

Weblinks

Storia di Firenze: < https://www.storiadifirenze.org/static_site_20615/index-cronologia=secolo-xx.html>

Albert Sheldon Pennoyer Collection, Department of Art and Archaeology, Princeton University < http://vrc.princeton.edu/archives/>

Titelbild

Comet Photo AG: Der Arno in Florenz mit den Überresten der 1944 gesprengten Brücken S. Trinita und alla Carraia, um 1950, Detail aus dem Originalbildausschnitt (Com_M01-0717-0010)

Zum Autor

Sylvain Malfroy (1955) ist Kunst- und Architekturhistoriker. Er hat an der Universität Lausanne Kunstgeschichte, Romanistik und Germanistik studiert. Die Zusammenarbeit mit Prof. André Corboz am Lehrstuhl für Geschichte des Städtebaus an der ETH-Zürich zwischen 1980 und 1988 bot ihm die Möglichkeit, sich in Theorie und Methodologie des kontextuellen Entwerfens weiterzubilden. Der Schwerpunkt seiner Forschungstätigkeit liegt in der Vertiefung von Saverio Muratoris Ansatz zur Stadtmorphologie. Nach vierzigjähriger Lehrtätigkeit in Geisteswissenschaften an Schweizer Hoch- und Fachhochschulen ist er Ende Juli 2021 in den Ruhestand getreten. Er ist Gründungsmitglied des International Seminar on Urban Morphology seit 1994.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.