Bergbegeistert, abenteuerlustig, zeichnerisch begabt – ideale Voraussetzungen für einen Geologen

Bergbegeistert, abenteuerlustig, zeichnerisch begabt – ideale Voraussetzungen für einen Geologen

Vor zehn Jahren starb der Geologe Augusto Gansser im Alter von 101 Jahren. Bereits in jungen Jahren zeigten sich bei ihm ideale Anlagen für eine Karriere als Geologe.

Augusto Gansser (28.10.1910 – 9.1.2012) nahm als Geologe an zahlreichen Expeditionen teil. Die berühmteste war wohl die erste schweizerische Himalaya-Expedition von 1936 unter der Führung von Arnold Heim, während der Gansser die tektonische Plattengrenze des indischen Subkontinents entdeckte. Er arbeitete als Erdölgeologe in Kolumbien, Trinidad sowie im Iran, wo er 1953 Chefgeologe der National Iranian Oil Company wurde. 1958 berief die ETH Zürich Augusto Gansser zum ordentlichen Professor für Geologie. Seine Forschung führte ihn jedoch weiterhin in die entferntesten Ecken der Erde.

Gute Anlagen für sein späteres Leben als Geologe und Weltenbummler zeigten sich bereits in den Einträgen eines Tagebuchs, das Augusto Gansser 1926 von seiner Patin zu Weihnachten erhalten hatte und sogleich zu führen begann.

Viele Einträge handeln von Gebirgstouren und zeugen von seiner Abenteuerlust und seiner Begeisterung für die Berge. Ausserdem schulte er als äusserst begabter Zeichner bereits Auge und Hand beim Skizzieren von erlebten Szenen. Eine Fertigkeit, die ihm später beim Zeichnen von geologischen Profilen zugutekam.

Gleich zu Beginn beschrieb der Sechzehnjährige eine viertägige Skitour zum Gotthardhospiz, die er zusammen mit seinem Vater, Onkel Karlino und Bruder Fritz unternahm. Die Tour begann am 27. Dezember in Göschenen. Die erste Etappe führte bis auf die Oberalp. Die „Reuss ist bei der Teufelsbrücke prächtig gefroren. Riesige Eiszapfen auch im Urnerloch“. Für Teilstrecken nahmen sie die Schöllenenbahn. In Hospental übernachtete die Gruppe im Hotel Meyerhof. Wegen eines Schneesturms war die Weiterfahrt auf den Gotthard nicht möglich. Stattdessen unternahmen sie einen Ausflug auf die Realp, wo sie über Mittag in einer Kapelle Zuflucht vor dem Schneegestöber suchten.

Seite 4 des Tagebuchs mit einer Zeichnung der genannten Kapelle im Schneesturm.

„Mit vollem Magen zogen wir dann weiter bis nach Realp. Wir gehen ein wenig gegen die Furka und üben. Der Schnee fliegt einem aber mit aller Gewalt in die Augen, sodass man fast nichts sieht. In einem freundlichen Restaurant kehren wir ein und trocknen unsere Sachen.

Bald treten wir die Heimfahrt an. Der Schneesturm hat stark zugenommen. Eisige Nadeln peitschen das Gesicht sodass man ganz gebückt fahren muss.

Meine Hände sind ganz erstarrt, und wir sind froh bald wieder in Hospental zu sein.“

Skifahrer im Kampf gegen den Schneesturm. Zeichnung auf Seite 5 des Tagebuchs.

Am 30. Dezember ging es dann weiter Richtung Gotthard mit einem Umweg zum Lucendrosee.

„Ein prächtiger Tag. Alles mit zuckrigem Neuschnee bedeckt. […] Wir kommen sehr gut vorwärts, immer von einem prächtigen Kranz rosafarbener Schneeriesen umgeben. In der Höhe tobte ein starker Wind der auf allen Spitzen und Gräten mächtige Schneemassen aufwirbelt, sodass manche Spitzen Schneevulkanen gleichen.“

Im Hospiz angekommen, schlägt ihnen aus der Wirtsstube fröhlicher Gesang entgegen.

„Wir nehmen an unserem Tisch platz. Neben uns sitzt eine lustige Gesellschaft mit einem alten Herrn aus «Buenos Aires» der alle 7 Jahre in die Schweiz kommt, und dann seine Freude in eine ausgelassene Fröhlichkeit verwandelt. Seine Fröhlichkeit ging auch in seine Tischgesellschaft über und von diesem Tisch ging es auf alle anderen über, sodass bald von überall Gesang, Gläserklang und Lachen erklang.“

Fröhliche internationale Gesellschaft in der Wirtsstube des Gotthardhospizes. Zeichnung auf Seite 10 des Tagebuchs.

Als ein altes Grammophon entdeckt wird, fordert der Herr aus Brasilien zum Tanze auf:

„Bald trällern lustige Tänze durch den Raum und der alte Herr Hofer steht auf und ruft den langen Schottländer zum Tanz auf. Der 2 m lange Riese lag behaglich in seiner Ecke und kommt mit dünnen Filzpantoffeln zu dem kleinen, dicken, etwa 70jährigen Herr Hofer der sich vor lauter Freude fast nicht zu fassen weiss.

‘Come here, tall man, you are 2 m higher than the Hospiz’

Nun beginnen sie in der Stube herumzuhüpfen und alles lacht. Doch der Schottländer scheint nicht sehr befriedigt zu sein, denn er muss mit seinen dünnen Filzpantoffeln den schwerbenagelten Bergschuhen Hofers ausweichen.“

Seite 12 des Tagebuchs. Tanzszenen im Hospiz. Die Zeichnung rechts enthält den Hinweis, dass Hr. Hofer und der „Schottländer“ u.a. zu „Valencia“ (The Revelers) getanzt haben.

Nach einer unruhigen Nacht machte sich die Gruppe am Silvestermorgen auf die Abfahrt in Richtung Göschenen, um am Abend in Lugano den Jahreswechsel im Kreis der Familie zu feiern.

 

Literatur:

Ursula Markus (Hrsg.), Ursula Eichenberger, Oswald Oelz. Augusto Gansser: aus dem Leben eines Welt-Erkunders. Zürich 2008.

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