Über rostende Pflanzen, eine Volkszählung und den Schutz parasitischer Pilze: Einblicke in die Forschungs- und Sammeltätigkeit an der Pilzsammlung der ETH und Universität Zürich

Über rostende Pflanzen, eine Volkszählung und den Schutz parasitischer Pilze: Einblicke in die Forschungs- und Sammeltätigkeit an der Pilzsammlung der ETH und Universität Zürich

Heute soll von Pilzen die Rede sein, die Rost hervorrufen – Rost an Pflanzen, allerdings, nicht am Auto. Es handelt sich bei diesen Pilzen um Parasiten, die lebende Pflanzen befallen und häufig rostbraune Sporen bilden, die der ganzen Gruppe ihren Namen gegeben haben. Mehr als 7000 verschiedene Rostpilze (wissenschaftlich «Uredinales») gibt es auf der Welt und alle verursachen Pflanzenkrankheiten und können erheblichen wirtschaftlichen Schaden anrichten, wenn sie Kultur- oder Zierpflanzen befallen.

Man muss nicht lange suchen, um Rostpilze zu finden; oft genügt ein Blick in den eigenen Garten: Vielleicht haben Sie im Herbst auf den Blättern Ihres Birnbaums orange gefärbte Flecken entdeckt, aus denen merkwürdige, faserige Körbchen herauswuchsen? Oder Sie haben misstrauisch die kleinen gelben und schwarzen Sporenhäufchen auf den Blättern Ihrer Rosen betrachtet? Wenn ja, dann kennen Sie bereits zwei häufige Rostpilze, den Birnengitterrost nämlich und den Rosenrost (Abb. 1 und 2).

Abb. 1. Der Birnengitterrost ruft Blattgallen am Birnbaum hervor, auf denen sich fein zerfaserte Körbchen entwickeln, in denen die Sporen des Pilzes gebildet werden (Foto R. Berndt).

Abb. 2. Auf den Blättern von Rosen findet man die gelb-orange und schwarz gefärbten Sporenlager des Rosenrosts (Foto R. Berndt).

Die meisten Rostkrankheiten betreffen aber keine kultivierten, sondern Wildpflanzen und haben deshalb keine unmittelbare Bedeutung für den Menschen. Sollte man meinen. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass Parasiten im Ökosystem eine bedeutende Rolle spielen, indem sie die Artenvielfalt fördern und verhindern, dass einige wenige Arten zur Vorherrschaft gelangen. So gesehen, gehören die Rostpilze vielleicht sogar zu den «Guten» und es lohnt sich, sie nicht nur als Schädlinge zu betrachten, sondern auch als schützenswerten Bestandteil der Artenvielfalt und Mitspieler bei deren Erhaltung.

Die Rostpilze und andere Gruppen parasitischer Pilze sind ein Sammlungs- und Forschungsschwerpunkt am «Fungarium» (der Pilzsammlung) im Herbarium der ETH und Universität Zürich. Die Rostpilzsammlung selbst ist die grösste der Schweiz und enthält etwa 60’000 Belege (Abb. 3 und 4), von denen die meisten digitalisiert und auf der Bilddatenbank E-Pics der ETH einsehbar sind (https://herb.e-pics.ethz.ch/#1635242881933_0).

Abb. 3. Blick in die Rostpilzsammlung im Fungarium der ETH und Universität Zürich (Foto R. Berndt).

Abb. 4. Getrockneter Beleg des Rostpilzes Pucciniastrum circaeae, von Prof. Eduard Fischer 1916 in Bern gesammelt (Foto R. Berndt).

Mitarbeitende des Fungariums haben jüngst eine «Volkszählung» der Rostpilze der Schweiz durchgeführt und herausgefunden, dass hierzulande beinahe 550 verschiedene Rostpilzarten vorkommen (Berndt & Brodtbeck 2020. Checklist and host index of the rust fungi (Uredinales) of Switzerland. DOI 10.3929/ethz-b-000418925). Einige davon wurden erst kürzlich entdeckt und dürften erst in den letzten Jahren in die Schweiz gekommen sein. Solche «adventive» Arten werden meistens auf eingeschleppten Pflanzenarten gefunden oder auf Zierpflanzen. Ein Beispiel ist der nordamerikanische Rostpilz Coleosporium montanum, den wir für die Schweiz erstmals auf Astern in einem Gartencenter im Zürcher Oberland nachweisen konnten (Abb. 5). Von dort könnte er seinen Weg auch in Ihren Garten gefunden haben und sich nun weiterverbreiten.

Abb. 5. Der nordamerikanische Rostpilz Coleosporium montanum auf dem Blatt einer Gartenaster (Foto R. Berndt).

Nur selten findet man hingegen alteinheimische Rostpilze in der Schweiz, die den geübten Augen früherer Mykologinnen und Mykologen entgangen sind. So entdeckten wir vor wenigen Jahren Aecidium tranzschelianum (Abb. 6) erstaunlicherweise bei Zermatt, in einer bestens untersuchten Gegend also, in die Botaniker und Mykologen seit jeher pilgern.

Aecidium tranzschelianum ist das Musterbeispiel eines Rostpilzes, der viel seltener vorkommt als seine Wirtspflanze, in diesem Fall der Blutstorchschnabel. Jener ist weit verbreitet und an geeigneten Standorten nicht selten; der Rostpilz hingegen ist überall selten und weist sehr grosse Verbreitungslücken auf.

Die Auswertung der Rostpilzsammlung in Zürich, aber auch der Sammlungen von Genf und Neuchâtel zeigt, dass es mehrere solche Rostpilze gibt. Warum das so ist, weiss man noch nicht, aber wir vermuten, dass diese Rostpilze vom Rückgang oder der Ausdünnung ihrer Wirtspopulationen und von veränderten Standortsbedingungen rascher betroffen werden als die Wirte selbst. Wir haben deshalb begonnen, eine erste Rote Liste der Rostpilze der Schweiz zu erstellen – und, wer weiss, vielleicht stehen bald die ersten pflanzenparasitischen Pilze unter Naturschutz?

Abb. 6. Blätter des Blutstorchschnabels mit dem seltenen Aecidium tranzschelianum; in der Schweiz erstmals 2017 nachgewiesen (Foto R. Berndt).

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