Amputieren im Akkord – Schweizer Ärztemissionen an der deutschen Ostfront 1941-1943

Am 22. Juni 1941 eröffnete Deutschland einen überfallmässigen Angriffskrieg gegen Sowjetrussland und erzielte innert kurzer Zeit gewaltige Gebietsgewinne. Germanophile Kreise in der Schweiz um Oberstdivisionär Eugen Bircher und den Schweizer Gesandten Hans Fröhlicher in Berlin lancierten die Idee, als Geste des guten Willens gegenüber dem «Dritten Reich» eine freiwillige Ärztemission an die deutsche Ostfront zu entsenden. Aus Neutralitätsgründen kam eine offizielle Trägerschaft nicht infrage. Deshalb wurde eigens ein Komitee für Hilfsaktionen unter dem Patronat des Schweizerischen Roten Kreuzes geschaffen.

Von Smolensk bis Stalino

Zwischen dem deutschen Vorstoss Richtung Moskau im Winter 1941/42 und dem Desaster von Stalingrad im Winter 1942/43 kamen so insgesamt vier Missionen zustande mit jeweils rund 80 Beteiligten (Ärzten, Krankenschwestern, medizinischem Hilfspersonal, Sekretärinnen, Motorfahrern) für eine Einsatzdauer von jeweils rund drei Monaten. Während die Zielgebiete der ersten und vierten Mission (Smolensk bzw. Stalino) in Frontnähe lagen, waren die andern beiden Missionen mit Warschau und Riga im Hinterland angesiedelt.

Deutsch-russischer Frontverlauf am 1. Februar 1943, Beilage der «Schweizer Illustrierten Zeitung».
(KA Kartensammlung AfZ / 49)

Für die Teilnehmer galt eine Schweigepflicht. Zudem wurden sie – ohne ihr Wissen – der deutschen Wehrmachtsgerichtsbarkeit unterstellt. Die Behandlung russischer Verwundeter war ihnen untersagt, wodurch sowohl das Neutralitätsprinzip wie auch die Grundsätze des Roten Kreuzes verletzt wurden.

Abfahrt der 1. Ärztemission in Bern, Oktober 1941.
(AfZ NL Frédéric Rodel / 8)

Die Motivation der Teilnehmenden, die mit einer eigens für die Missionen geschaffenen Phantasieuniform ohne Rangabzeichen ausgestattet wurden, war sehr unterschiedlich: Während die einen einfach humanitäre Hilfe leisten wollten, sahen andere darin eine einmalige Gelegenheit zur beruflichen Weiterbildung. Auch Abenteuerlust und die politische Gesinnung konnten eine Rolle spielen. Neben vielen eher unpolitischen Teilnehmenden fanden sich auch dezidierte Befürworter und Gegner des NS-Regimes darunter. Eugen Bircher selbst etwa sah die Missionen als Beitrag der Schweiz «im Kampf gegen den Bolschewismus».

Angeregt durch den Dokumentarfilm «Mission en enfer» (2003) von Fréderic Gonseth, worin die letzten damals noch lebenden Zeitzeugen der Missionen zu Wort kamen, ist es dem Archiv für Zeitgeschichte (AfZ) gelungen, eine grössere Zahl von Quellenbeständen aus dem Besitz ehemaliger Missionsteilnehmer zu sichern und zugänglich zu machen.

«Mit beiden Beinen in den Himmel …» – ungeschönte Schilderung des Lazarettalltags

Die meisten Teilnehmenden habe ihre Erlebnisse in tagebuchartigen Aufzeichnungen festgehalten. Den Alltag in einem Kriegslazarett schildert Rudolf Bircher, der in Stalino stationiert war, schonungslos:

«8.12.1942. Dieser schreckliche Tag. Grauen. 45 frisch Verletzte aus dem Kessel von Stalingrad. […] Frische Luftlandetruppen direkt aus Deutschland wurden in den Kessel geworfen. Die ersten Opfer liegen da auf Bahren und Operationstisch, in den kalten Durchgängen und den kleinen kalten Zimmern. Und stöhnen und jammern leise. Wasser! Cigaretten! Mit müden Blicken. Struppigen Haaren. Tage- und wochenlang unrasiert. Ungewaschen. […] Eingefallenen Backen. Und zitternden Gliedern. […] Alle 45 Burschen werden der Reihe nach im Operationssaal vorgenommen. Neu verbunden. Incidiert. Mehrere amputiert. Immer dasselbe, Um gotteswillen mein Bein. ‘Was willst du lieber: mit beiden Beinen in den Himmel oder mit einem Bein in die Heimat?’ Der Seelenkampf war bald entschieden. […] Gegen Mitternacht gehen wir noch ins Kasino. Zum Nachtessen. Wir sitzen beisammen mit den deutschen Kameraden und trinken ein paar Cognaks.»

Verwundete warten von dem Kriegslazarett in Riga auf den Abtransport.
(AfZ NL Paul Handschin / 3)

«… weil ich es einfach nicht fassen, nicht glauben konnte»

Grauenvolles spielte sich nicht nur im Lazarett ab. Die Teilnehmenden wurden direkt oder indirekt auch Zeugen der von deutscher Seite begangenen Gräueltaten und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.  Rudolf Bucher etwa wurde Augenzeuge einer Geisselerschiessung in Smolensk – er berichtete darüber in der Fernsehserie «Die Schweiz im Krieg» von Werner Rings:

Rudolf Bucher berichtet als Augenzeuge einer Geiselerschliessung in der Fernsehserie «Die Schweiz im Krieg» (1973) von Werner Rings.
(AfZ NL Werner Rings / 311)

Peter Fischer, Teilnehmer der zweiten Mission, konnte ganz offiziell das Warschauer Ghetto besuchen und erlebte die grauenhaften Lebensbedingungen der dort eingepferchten jüdischen Bevölkerung aus unmittelbarer Nähe mit. Auf eigene Faust konnte er sich auch noch Zutritt zum Ghettofriedhof verschaffen, wo er Berge von Leichen sah.

«Das ist das neue Europa, die Kultur des 20. Jahrhunderts»

Gerhard Weber bekam – wie auch andere Teilnehmer der dritten Mission – Kenntnis von den Massenerschiessungen von Juden in Riga:

«Samstag, 29.8.42. Am letzten Sonntag soll wieder ein Judentransport im Kaiserwald bei Riga erschossen worden sein. Man redet von 28 Lastwagen. Diesmal geht das Gerücht nicht von Letten, sondern von deutschen Soldaten aus. Diese Massenvernichtungen gehen nach den zirkulierenden Gerüchten folgendermassen vor sich: Die Leute werden in Autos mit Verpflegung an den Hinrichtungsort gebracht. Es wird Ihnen erklärt, sie hätten hier Erdarbeiten auszuführen. Sie müssen dann einen langen Graben ausheben. Ist dieser fertig, werden sie von der bevorstehenden Hinrichtung verständigt. Gliederweise werden sie dann mit Maschinengewehren und Maschinenpistolen niedergestreckt und in die Gruben geworfen, das nachfolgende Glied hat das getötete mit Chlorkalk zu bestreuen. Die Exekution werde von Sonderkommandos der SS durchgeführt, gewöhnlich von lettischen Schutzmannschaften (dem Abschaum des lettischen Volkes). Das ist das neue Europa, die Kultur des 20. Jahrhunderts.»

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Gerhard Weber schildert in seinem Tagebuch eine Massenerschiessung von Juden in Riga.
(AfZ NL Gerhard Weber / 5)

Kontroverse Aufarbeitung

Einzelne Teilnehmer meldeten ihre Beobachtungen zwar bereits unmittelbar nach ihrer Heimkehr den zuständigen militärischen und zivilen Stellen – bewirkt scheint dies aber kaum etwas zu haben.

Nach dem Krieg begannen verschiedene Missionsteilnehmer und -teilnehmerinnen ihre Erlebnisse zu publizieren. Rudolf Bucher löste mit seinem 1967 erschienen Buch «Zwischen Verrat und Menschlichkeit», worin er auch die erlebten Kriegsverbrechen dokumentiert, eine heftige Kontroverse um die Beurteilung der Missionen aus. Eine erste wissenschaftliche Aufarbeitung leistete Willi Gautschi in der «Geschichte des Kantons Aargau» (1978), aus welchem Eugen Bircher, der «Kopf» der Missionen, stammte.

Quellen

Kleine Auswahl aus den im Archiv für Zeitgeschichte befindlichen Nachlässen (NL) zur Thematik:

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