Exportnation Schweiz: Die Entwicklung von Industrie und Handel der Schweiz zwischen 1770 und 1870

Im November 1873 fand in Wien die fünfte Weltausstellung statt. Das Kulturleben der Gegenwart wie auch das Gesamtgebiet der Volkswirtschaft darstellen und fördern soll. Unter den ausstellenden Ländern gehörte damals auch die Schweiz, welche schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts die industrielle Revolution zu nutzen wusste. Diesen Erfolg galt es an der Weltausstellung zu betonen.

Der St. Galler Historiker Hermann Wartmann (1835-1929) schlug dem Generalkommissär für die Schweiz, Heinrich Rieter (1814-1889), daher vor die vergangenen 100 Jahre des schweizerischen Welthandels graphisch darzustellen. Rieter, Leiter der gleichnamigen Maschinenfabrik in Winterthur, gefiel dieses Projekt auf Anhieb und nachdem auch die Kommission und der Innenminister zustimmten, machte sich Wartmann ans Werk.

Wartmann konzentrierte sich bei der Erstellung der Karten auf die wichtigsten Industriezweige der Schweiz, welche zum einen grossen Anteil am Aussenhandel aufwiesen und zum anderen in sich homogen auftreten. Trotzdem war er für die ersten beiden Epochen sowohl auf Literatur als auch die Mithilfe von Privaten und Behörden angewiesen. Daher stellt er auch fest, dass an die statistische Genauigkeit bei seiner Arbeit nicht zu denken war.

Übersichtskarte über die Industrie der Schweiz um das Jahr 1770, beziehungsweise vor 1798.

Übersichtskarte über die Absatzgebiete des Schweizerischen Ausfuhrhandels um das Jahr 1770.

Die ersten beiden Karten für das Jahr 1770 zeigen besonders die ausgeprägte Textilindustrie, welche in den Nachbarländern, besonders Frankreich und Italien, ihre Absatzmärkte hatten. Ende des 18. Jahrhunderts stand die schweizerische Baumwollindustrie hinter Grossbritannien an zweiter Stelle in Europa. Durch den technischen Vorsprung Grossbritanniens konnten dort billigere Stoffe bei gleicher Qualität hergestellt werden, was den heimischen Industriezweig bedrohte. Napoleons 1806 verhängte Kontinentalsperre verhinderte allerdings nicht nur den Zusammenbruch, sondern förderte den Aufbau und die Gründung mechanischer Spinnereien.

Von Genf aus breitete sich die Uhrenindustrie, welche sich auf tragbare Kleinuhren spezialisierte, auch im Jurabogen aus. Da es in Neuenburg keine Zünfte gab, verlegten viele Genfer ihre Produktion dorthin.

Übersichtskarte über die Industrie der Schweiz um das Jahr 1820, beziehungsweise 1820-1830.

Übersichtskarte über die Absatzgebiete des Schweizerischen Ausfuhrhandels um das Jahr 1820.

In der Übersichtskarte für das Jahr 1820 sind die Auswirkungen Napoleons Kontinentalsperre erkennbar. Nur technisch gut ausgerüstete Spinnereien konnten sich auf Dauer durchsetzen, konnten jedoch den Anschluss an die Konkurrenten aus England finden. Aus den USA, Brasilien, Indien wie auch dem Mittleren Osten wurden über Basel, den Alpen und dem Bodensee immer grössere Mengen Baumwolle importiert. Waren es 1830 noch 3’000 Tonnen wurden 10 Jahre später bereits 40’000 eingeführt.

Die Uhrenindustrie in der Westschweiz konnte sich durch Napoleon allerdings nicht so stark ausbreiten, wie die Textilindustrie.

Im Zeitraum 1770 bis 1820 konnten auch nur wenige neue Absatzmärkte erschlossen werden. Mehrheitlich konnten diese in Südosteuropa und Nordafrika gefunden werden, was ist Umstand des Protektionismus in den Nachbarstaaten geschuldet ist.

Übersichtskarte über die Industrie der Schweiz um das Jahr 1870.

Übersichtskarte über die Absatzgebiete des Schweizerischen Ausfuhrhandels um das Jahr 1870.

Durch die Gründung des Bundesstaates 1848 und im Zuge damit die Vereinheitlichung unter den Kantonen konnte die schweizerische Industrie aufblühen. Statt britische Spinn- und Webmaschinen zu importieren entstand der Maschinenbau, besonders in Zürich und Winterthur. Die Uhrenindustrie in der Westschweiz breitete sich weiter aus und die ersten Chemie-Werke entstanden aus den Bleichern und Färbern der Textilindustrie. Einzig das Mittelland und die Alpenkantone, darunter die Verlierer des Sonderbundkrieges, blieben noch lange landwirtschaftlich geprägt.

Nicht zuletzt durch den technologischen Fortschritt konnten neue Absatzmärkte erschlossen werden. Die Handelsbeziehungen von Schweizer Unternehmen reichten zu Beginn der Weltausstellung in Wien 1873 von der Westküste der USA bis Australien.

Literatur

Atlas über die Entwicklung von Industrie und Handel der Schweiz in dem Zeitraume vom Jahr 1770 bis zum Jahr 1870, Hermann Wartmann, Winterthur : Wurster Randegger & Co., 1873, (Rar KA 29), https://doi.org/10.3931/e-rara-23348 

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