Arbeiten – und arbeiten lassen! – Im Hörsaal von früher

Ein Kerngebiet technischer Hochschulen, das Fach Maschinenbau, machte und macht immer wieder mit Innovationen auf sich aufmerksam.

Wir blicken hier jemandem über die Schulter, der im vierten Semester an der ETH studierte und der auf gutem Weg zum Abschluss als Ingenieur war.

Der Student Paul Henri Hoffet, dem wir gerade eben imaginiert in den Hörsaal gefolgt sind, besuchte 1888 unter anderem die Fächer höhere Mathematik, Physik, Mechanik und Hydraulik, aber auch die Vorlesung «Textilindustrie» bzw. «mechanische Technologie» bei Professor Rudolf Escher und holte sich damit am Eidgenössischen Polytechnikum wichtiges Rüstzeug für die Berufswelt.

Vermittlung mechanisch-technologischer Kenntnisse

Der Maschinenpark, an den Professor Escher im Sommersemester 1888 heranführte, war nicht eben klein. Die Industrialisierung der Baumwollspinnerei hatte bereits Ende 18. Jahrhunderte eingesetzt und eine Vielzahl an Arbeitsgängen an Maschinen überantwortet. Diese galt es zu verstehen. Bereits auf Seite 60 der Mitschrift war es deshalb sinnvoll, die Maschinen und ihrer Aufgaben bzw. ihr Zwischenprodukt zu rekapitulieren.

Lockerung und Reinigung, Auspflücken, weiteres Reinigen, in der Folge Wattenbildung, Bearbeiten in der Karde, Wickelmaschine, Feinkarde etc. – bis Garn oder Faden vorlag, kam man auf viele Arbeitsschritte.

Abb. 1: Vorlesung über Textilindustrie von Rudolf Escher – Rekapitulation der Maschinen

Die selbsthandelnde Maschine

Mitschreiben in der Vorlesung gehörte zum «Daily-business» der Studenten und der wenigen Studentinnen, die in einigen Studienrichtungen oder bestimmten Jahrgängen mitunter noch (länger) ganz abwesend waren. Wenn es ging, wurden auch Reinschriften angefertigt. Der Duktus der Schrift im vorliegenden Fall lässt uns aber vermuten, dass das Heft direkt im Hörsaal entstand. Im Ausnahmefall kamen auch einmal Handouts zum Zug. Wie im folgenden Fall. Denn der Apparat, der «vollständig automatisch wirkend ist» und entsprechend Selfaktor hiess, war erstens wesentlich und zweitens komplex.

Ein Fall fürs Einheften in die Unterlagen. Zwischen den vielen handschriftlichen Seiten findet sich die sorgfältig eingearbeitete, gedruckte Zeichnung des Selfaktors.

Abb. 2: Selfaktor

Arbeiten lassen war real geworden. Einige der Konsequenzen waren zwar Erfindungsgeist und weiterer Fortschritt in der industriellen Revolution, es folgten allerdings auch solche tragischer, bizarrer, unmenschlicher Art – von Eroberungen bis zu Arbeitslosigkeit, und im Fall der Baumwollverarbeitung Sklavenhandel und Umweltbelastung. Die Textilindustrie und ihre Geschichte ist durchaus ein Stoff mit mehr Facetten als damals (logischerweise) ins mechanisch-technologische Heft kamen.

Die schnelle Hand, die nötig war, um in der kurzen Zeit der Vorlesung den Unterrichtsstoff mitzuschreiben, sie war kurzfristig dank der gedruckten Zeichnung entlastet. Und das Wissen vermehrt – um das Wagenspiel nach Wagenspiel ablaufende Verfahren, das dank Ausfahrt, Abschlagen und Einfahrt automatisch Garn produzierte – im schnellen Takt der schon länger angebrochenen Moderne.

Filmhinweis

Arbeitsweise des Selfaktors: Tuchfabrik Müller, Chemnitz 1897

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