Die ersten Schweizer Pilotinnen

Bis in die 1980er Jahre war das Flugzeugcockpit eine fast ausschliesslich männliche Domäne – nicht zuletzt in der „Männerrepublik“ Schweiz, wo erst 1971 das Frauenstimmrecht auf Bundesebene eingeführt wurde. Die schweizweit erste Linienpilotin stellte die Crossair 1983 mit Regula Eichenberger ein. Im Juni gleichen Jahres beschloss auch die Geschäftsleitung der Swissair, eine Detailstudie in Auftrag zu geben, um das weitere Vorgehen für die Ausbildung der ersten Pilotenschülerinnen in der Schweizerischen Luftverkehrsschule (SLS) vorzubereiten. Schon im Folgejahr begann Gabriela Musy-Lüthi als erste Schülerin der SLS dort ihre Ausbildung. 1987 nahm sie dann als erste Co-Pilotin der Swissair in einem Linienflugzeug Platz. Im September 1998 schliesslich wurde Musy-Lüthi zur Kapitänin befördert; zusammen mit Co-Pilotin Claudia Wehrli führte sie 1999 den ersten Swissair-Flug mit kompletter Frauenbesatzung durch. Beim Grounding der Swissair im Jahr 2001 war Gabriela Musy-Lüthi eine von sechzehn Pilotinnen im Dienst der Fluggesellschaft – innerhalb einer insgesamt 1’100 Personen umfassenden Besatzung.

Abbildung 1: Die erste Pilotin Gaby Musy-Lüthi in einer MD-80 der Swissair 1987

Trotz solcher Erfolgsgeschichten waren die genderspezifischen Klischees weiterhin präsent. In einer Reportage mit etwa 285 Fotografien aus dem Jahr 1985, die heute im ETH-Bildarchiv archiviert ist, wird die Pilotinnen-Ausbildung von Gaby Musy-Lüthi mit ihrem Fluglehrer Hans Markwalder in der SLS dokumentiert. Unmittelbar springt ins Auge, dass auf fast allen Bildern der Fluglehrer an Lüthis Seite steht, offenkundig mit Erklärungen beschäftigt.

Abbildung 2: Swissair-Pilotin Gaby Lüthi mit Fluglehrer Hans Markwalder in der Schweizerischen Luftverkehrsschule (SLS) in Hausen am Albis 1985

Abbildung 3: Swissair-Pilotin Gaby Lüthi mit Fluglehrer Hans Markwalder

Die Fotografien sind immer ähnlich inszeniert: Der Fluglehrer zeigt auf etwas, während Lüthi konzentriert hinsieht. Selbst bei einfachsten Aufgaben weicht er ihr nicht von ihrer Seite, etwa beim Betanken des Kleinflugzeuges. Abbildung 3 wirkt in Anbetracht der Tatsache, dass Lüthi ihre Privatpiloten-Ausbildung bereits 1981 begann, besonders skurril. Es scheint, als würde Markwalder mit dem Zeigefinger auf die Tanköffnung hinweisen – ein Ablauf, der einer Privatpilotin geläufig gewesen sein dürfte. Vergleicht man die Reportage mit weiteren Fotografien der SLS aus dem Jahre 1984, fällt auf, dass ihre männlichen Mitstreiter durchaus eigenhändig den Tank füllen.

 Abbildung 4: Pilotenschüler beim Betanken der Piaggio 1984

In anderen Aufnahmen werden zwar auch die männlichen Piloten durch Markwalder instruiert, im Gegensatz zu Musy-Lüthi findet ihre Ausbildung aber in einer kleinen Gruppe statt [Abbildung 5], während Musy-Lüthi, so suggerieren zumindest die Fotografien, eine Einzellektion erhält.

Abbildung 5: Gruppenbild von Pilotenschülern der Schweizerischen Luftverkehrsschule

Bis heute werden Pilotinnen in den Medien weltweit zelebriert: zum Beispiel die erste Schweizer Kampfjetpilotin, Fanny Chollet, die 2017 ihre Ausbildung abgeschlossen hat. Doch vermittelt diese Berichterstattung ein falsches Bild: Pilotinnen sind heute weiterhin die Ausnahme. Seit der Aufhebung des Flugverbots der Schweizerischen Fluggesellschaften für Frauen im Jahr 1983 sind bei der Swiss bis heute nur fünf Prozent der Pilot*innen weiblich. International liegt die Zahl ebenfalls bei etwa fünf Prozent. Ein Anstieg ist nicht in Sicht. Auch wenn sich die rechtlichen und physischen Barrieren für Pilotinnen aufzulösen beginnen, sind soziale Einschränkungen noch immer wirksam; der Pilotenberuf als eine „Männerdomäne“ bleibt bei Mädchen unbeliebt.

Der Text ist ein Ausschnitt aus Stephanie Willis Artikel „This is your Captain Speaking!“, der im Mai 2018 online und als Printversion im neuen Magazin „Aether“ erscheinen wird. Das Thema der ersten Ausgabe lautet: „Flughafen Kloten: Anatomie eines komplizierten Ortes“.

www.aether.ethz.ch

Literaturverzeichnis

»Bald Frauen« (o.V.), in: Walliser Bote (04.06.1983), S. 3.

Kathleen M. Barry: Feminity in Flight. A History of Flight Attendants, Durham und London: Duke University Press (2007).

Jean-Claude Cailliez: „K à M: un chef d’escale Swissair et une pilote de charme: chapitre commercial!”, URL: http://www.pionnairge.com/spip1/spip.php?page=imprimer&id_article=450 (12.05.2015).

Cathrin Caprez: »Pionierin der Lüfte – ›Ach was, eine Frau im Cockpit!‹«, in: Wissen, Schweizer Radio Fernsehen, https://www.srf.ch/kultur/wissen/ach-was-eine-frau-im-cockpit (07.08.2017).

D. Krähenbühl: »Sie ist die erste Schweizer Kampfpilotin», in: 20 Minuten, http://www.20min.ch/schweiz/news/story/Diese-Frau-beschuetzt-die-Schweiz-von-oben-23226654 (21.12.2017).

Albert J. Mills: „Cockpit. Hangars, Boys and Galleys: Corporate Masculinities and the Development of British Airways”, in: Gender, Work and Organization 5/3 (1998), S. 172–188.

 

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / Fotograf: Swissair / LBS_SR04-015661

Abbildung 2: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / Fotograf: Swissair / LBS_SR05-085047-32A.

Abbildung 3: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / Fotograf: Swissair / LBS_SR05-085048-01A.

Abbildung 4: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / Fotograf: Swissair / LBS_SR04-032593.

Abbildung 5: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / Fotograf: Swissair / LBS_SR04-032667.

 

2 Gedanken zu „Die ersten Schweizer Pilotinnen“

  1. Eben habe ich das Buch von Katell Faria „Les aventurières du ciel“, das mein Sohn mir geschenkt hat, fertig gelesen. Ich dachte mir im Internet nachzuschauen, ob die Schweiz auch Pionierinnen hat, die in den 30ger Jahren Pilotin wurden und sehr gewagte und abenteuerliche Flüge unternommen hatten, wie z.B. Adrienne Bolland oder Hélène Boucher, und andere, die zum Teil ihren Wagemut mit dem Leben bezahlt haben. Leider habe ich nichts dergleichen gefunden! Doch freut es mich (77 Jahre alt) dass junge Frauen endlich diesen Weg einschlagen, natürlich mit ganz anderen und sicheren Flugzeugen . Mit herzlichen Grüssen. Danielle Fendrich.

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  2. Ich habe ergebnislos das Internet abgeklopft nach Angaben zum weiteren Schicksal der 1. Schweizer Helikopterpilotin Heidi Berger in den 1960er Jahren. Irgendwann zwischen 1968 und 1969 musste sie ihren Beruf von einem Tag auf den anderen aufgeben, angeblich weil ihr das damalige Luftamt die Fluglizenz löschte, da sie eine Brille tragen musste. Sie hat mehrere Typen geflogen, die erste Alpenüberquerung von Fehraltorf nach Samedan durchgeführt und war Co-Pilotin in einer Bell Cobra, als diese einen Geschwindigkeitrekord von 367 km/h aufstellte. Da sie nicht mehr fliegen durfte, verschwand sie weitgehend aus den Zeitungsmeldungen. Als Kind fuhr sie eine Raketenauto, welches heute im Lane Motor Museum in Nashville, Tennessee, ausgestellt ist. Der dortige Kurator hat mich gebeten, über Heidi Berger und ihren Vater, der in der Schweiz Helis entwickelte, zu berichten. Wer weiss mehr, auch wann sie verstorben ist. Bitte melden Sie sich bei mir: arnold.wirz@gmail.com. Vielen Dank!

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